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2. Der grüne Golf - Das Haus oder Tagebuch einer Unglücklichen

  • privat8773
  • 2. Nov. 2025
  • 18 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19. Dez. 2025

Kurzer Hinweis zur Entstehung des Textes. Ihr lest hier die Erstfassung, d.h.zuerst schreibe ich mit Füller eine Art Vorlage in mein Notizbuch und versuche damit, in einem ersten Schritt, meiner dilettantischen Schreibkraft Herr zu werden. In einem zweiten Schritt extrahiere ich diese Skizze und übertrage sie auf meinen Rechner. Das Ergebnis dieser ersten Reinschrift könnt ihr hier lesen. Warum gehe ich so vor und mute euch das zu. Ganz einfach, wenn ich nach hinten schaue, verliere ich vielleicht den imaginären Bezug zur Geschichte. Erst wenn die Geschichte fertig ist, werde ich ich den Mut aufbringen, sie in ihrer Gänze noch einmal zu lesen.

Der grüne Golf

14.

Langsam beschlagnahmt der Schatten in kleinen Schritten den Hof und ein leichter Windzug verscheucht die angestaute Hitze des Tages. Die Brüder lassen die Veränderung in Wohlgefallen über sich ergehen. Sie bewegen sich kaum, nur ab und zu trinkt einer von den beiden etwas aus seinem Glas oder steckt sich eine weitere Zigarette an. Wenn ein Nachbar an der Einfahrt vorbeiläuft, grüßen sie kurz höflich zurück und verharren dann weiter in ihrer Position.

Völlig unvorbereitet richtet der große Bruder sich auf einmal auf, befreit sein Gesäß vom herumliegenden Rollsplitt und verkündet.

»Es tut mir leid, aber ich muss noch ins Jugendwerk«, überrascht, aber verständnisvoll nickt der andere und hört ihm weiter zu, »ein Kollege hat mich vorher angerufen, es gibt Probleme mit einem Jungen aus meiner Gruppe, die ich betreue.«

»Geh ruhig, ich komm schon klar, mach dir um mich keine Sorgen«, beschwichtigt dieser, kann aber seine Enttäuschung nicht vollkommen verbergen.

»Weißt du was, komm doch einfach mit«, schlägt der große Bruder vor.

»In dem Aufzug kann ich nirgends hin.« entgegnet der jüngere.

»Kein Problem, im Waschraum steht ein Korb mit Klamotten von mir. Ich musste letzte Woche meine Wäsche hier machen, weil meine Maschine kaputt ist. Nimm dir einfach ein Oberteil und eine Hose raus, die Flipflops kannst du anlassen.«, erklärt er und ergänzt, »ich würde dir sehr gern zeigen, was wir im Jugendwerk alles machen!«

Der kleine Bruder überlegt kurz und antwortet beherzt. »Ja, lass uns das machen, eine verdammt gute Idee!«, und richtet sich ebenfalls auf, »bin gleich wieder da«, läuft in die Garage und geht durch die hintere Tür in den Keller, in dem sich auch der Waschraum befindet. Er nimmt wieder den typischen Geruch des Hauses wahr und es kommt ihm vor, als wolle es ihn begrüßen. Im Waschraum, der früher immer vollbepackt mit dreckiger Wäsche war und jetzt leer und aufgeräumter ist, sieht er den Korb mit der Wäsche. Er findet nur ein rosa T-Shirt und eine ausgefranste Jeans, die ihm passen könnten, und zieht sie gleich an. Er verlässt den Waschraum und geht durch die Garage zurück in den Hof.

Sein Bruder mustert ihn mit einem Lächeln und entschuldigt sich. »Sorry, das hab ich total vergessen, ich hab’ nicht nur die Wäsche von mir gewaschen. Das sind die Klamotten von meiner Freundin.«

»Du meinst das junge Mädel von vorher?«, und schaut an sich herunter und muss selber lachen.

Gemeinsam verlassen sie den Hof.

»Wir fahren mit meinem Auto, das steht vorne, gleich neben der Einfahrt«, entscheidet der große Bruder und holt seine Schlüssel aus der Hosentasche. Er fährt immer noch seinen grünen Golf, den er sich nach dem Studium gekauft hatte. Beim Wagen angekommen schließt er zuerst die am unteren Rand bereits vom Rost angefressene Kofferraumtür, öffnet dann die Beifahrertür, nimmt den auf dem Sitz angesammelten Müll und wirft ihn anschließend in den Kofferraum. Nach getaner Arbeit geht er zur Fahrertür, öffnet sie und setzt sich hinein.

»Kommst du?«, fordert er den anderen auf, »wir müssen uns etwas beeilen.«

Ohne zu überlegen, setzt sich der kleine Bruder auf den Beifahrersitz und macht die Tür zu. »Lass uns fahren!«

Der Motor startet mit einem Röcheln und bekundet mit leichtem Stottern dem Fahrer seine Bereitschaft. Er schaltet die vorsintflutliche Automatik auf D, gibt langsam Gas, lenkt nach rechts und setzt dann auf die Straße.

»Du hast immer noch deinen alten Golf, dass der überhaupt noch fährt!«, betont sein ungewohnter Fahrgast.

Auf die Straße achtend, erwidert er, »ich weiß, der kann mit deinem Porsche nicht mithalten, aber er ist mir ein verlässlicher Freund.« Schaut kurz zu seinem Beifahrer hinüber und registriert dessen Kopfnicken.

Dieser schaut sich im Wagen um und sagt, »bevor du den verschrottest, musst du erst einmal bei der Mülldeponie vorbeikommen. Hier liegt so manches rum, von dem ich nicht weiß, ob du nicht sogar für’s Abgeben Strafe bezahlen musst. Er sieht den überfüllten Aschenbecher, zündet zwei Zigaretten auf einmal an und reicht dem Bruder ebenfalls eine. Es wird ruhig und keiner redet. Zufrieden stellen beide fest, dass es keinen Unterschied macht, ob sie in der Hofeinfahrt oder gemeinsam im Auto sitzen.


15.

Auf den Armaturen leuchten mehrere Lämpchen orange und rot. Die alte Kunststoffverkleidung des Innenraumes hat durch die Sonneneinstrahlung der vergangenen Jahre ihre ursprüngliche Farbe verloren und an manchen Stellen, wegen der Hitze, wellt sie sich bereits. Zahlreiche Risse und Brandflecken verteilen sich auf den beiden vorderen Sitzen. Überall im Innenraum sind Gebrauchsnarben an der Innenausstattung auszumachen. Auf der Rückbank liegt immer noch die alte Hifi-Box und beschallt den Innenraum mit Musik. Es riecht nach Lufterfrischer. Auch wenn es penetrant nach Tannennadeln stinkt, überdeckt der Gestank alle anderen Gerüche, deren Herkunft besser unergründlich bleibt. An der nächsten Kreuzung verringert der große Bruder, wegen des starken Verkehrs auf der Hauptstraße, die Geschwindigkeit und der Motor drosselt langsam seine Drehzahl herunter. Der Geräuschpegel des Fahrwerks und des Getriebes nimmt unverzüglich ab.

Die Hitze im Wagen ist unerträglich, denn die Lüftung kennt keine Klimaanlage und presst deshalb erst einmal die angesammelte Luft, vom Stehen in der Sonne erhitzt, ins Wageninnere hinein. Das Handschuhfach ist mit CD-Hüllen übersät und lädt den Beifahrer zum Stöbern ein. Der kleine Bruder zieht eine CD heraus und zeigt sie dem anderen. Als dieser Topotronic erkennt, erhebt er keinen Einspruch, nimmt sie ihm aus der Hand und drückt die Auswurftaste des CD-Players. Sachte gleitet eine Cd heraus, er entnimmt sie und schiebt die andere stattdessen in den Schlitz. Er dreht den Lautstärkeregler voll auf, drückt Start und konzentriert sich dann wieder auf den Verkehr. Die Musik setzt ein und die Box auf der Hinterbank reißt sie sogleich in eine andere Zeit.      

Sie haben damals in den Sommerferien den Golf ihrer Mutter bekommen und sind erst einmal ziellos Richtung französischer Atlantikküste gefahren. Beide hatten vorher extra einen Ferienjob in der Druckerei angenommen, um genug Geld für die Reise zur Verfügung zu haben. Ausgestattet mit einem großen Viermannzelt und den notwendigen Campingutensilien, die sie im Fundus der Familie gefunden oder noch besorgt haben, fuhren sie an einem Samstagmorgen los.

Beide hatten bereits ihren Führerschein und wechselten sich beim Fahren ab. Fast die ganze Zeit über hörten sie nur die CD von Topotronic.

Sie unterhielten sich viel und lachten oft über die heuausgekramten Geschichten ihrer Kindheit. Manchmal sickerten die aus dieser Zeit zurückgebliebenen Wunden durch die gute Stimmung. Sie hielten auf dem Weg nur einmal kurz vor Paris, um bei einem Intermarché französische Delikatessen für ihren Reiseproviant einzukaufen.

Nachmittags begrüßte sie das unberechenbare Klima der bretonischen Küste mit starkem Wind, Regen und Sonnenschein. Eingetaucht in das derbe Licht der Bretagne, standen sie am Ufer und schauten auf das aufbrausende Meer. Als sie Mont-Saint-Michel im Hintergrund entdeckten, wurde beiden endgültig klar, dass die Reise begonnen hatte.

Die restliche Zeit über hielten sie einfach an, wenn es ihnen an einem Ort gefiel, und suchten dann einen Campingplatz. Dort bauten sie ihr Zelt auf und füllten später ihre Vorräte im nächstgelegenen Intermarché auf. Meistens kochten sie noch etwas.

An den Abenden erkundeten sie das Nachtleben der umliegenden Gegend. Tranken viel und sprachen in gebrochenem Französisch, wildfremde Mädchen an. Manche gingen darauf ein und verbrachten die restliche Nacht mit ihnen. Jeder hatte einige Bücher mitgenommen und verkroch sich von Zeit zu Zeit darin. So tingelten sie die Küste hinunter. In La Rochelle trafen sie einen Freund, der dort Urlaub machte, und besuchten mit ihm die Île de Ré.

Am Anfang ihrer letzten Woche fuhren sie nach Arcachon und gesellten sich zu einer Gruppe von Freunden, die sich dort mit ihnen verabredet hatten. Ab diesem Zeitpunkt verbrachte jeder die Zeit mit anderen Leuten. Manchmal grüßten sie sich, wenn sie sich abends auf der Düne oder in der Zeltstadt über den Weg liefen.

Erst am Tag der Abfahrt nahmen sie ihre liebgewonnenen Rituale wieder auf und fuhren gemeinsam nach Hause.

Jetzt, nach so vielen Jahren, wie damals im Auto sitzend, verbündet sie dieses Erlebnis wieder. Plötzlich läuft unerwartet eine Passantin auf die Straße. Die Vollbremsung zerstört die Blase. Im Hintergrund läuft weiter Topotronic.


16.

»Hast du was von Hanna gehört?«, stößt der kleine Bruder in den überhitzten Innenraum, »wie lang ist das jetzt her? Ich hab sie bestimmt über 20 Jahre nicht mehr gesehen!«

Sein Fahrer reagiert nicht. Er ist abwesend, gedanklich an einem anderen Ort.

Die Passantin dreht sich zum Wagen und schaut die beiden Insassen erschreckt an. Ihr Unverständnis gestikulierend läuft sie weiter auf die andere Straßenseite. Ihre Unmutsbezeugungen ertrinken in der angestauten Konzentration, die im Wageninneren herrscht.

Langsam bringt der große Bruder den Wagen wieder in Bewegung. Ohne eine Regung, zu Eis erstarrt, mit leeren Blick, steuert er den Wagen in Richtung Innenstadt.

Der andere verflucht sogleich die Entscheidung, die Frage nach der Exfrau gestellt zu haben.

Es gab viele Frauen im Leben des großen Bruders und bevor er Hanna kennengelernt hatte, ließ er keine Chance aus. Er wechselte die Frauen wie andere ihre Kleider.

Mit Hanna war es anders. Sie hatte einen Weg zu seinem Inneren gefunden. Sie war klug und konnte ihre Talente geschickt einsetzen, um ihren Gegenüber für sich einzunehmen. Hanna hatte es geschafft, ihm Stabilität und Vertrautheit zu schenken, sodass dieser seine Selbstzweifel und die daraus resultierenden Laster über Bord warf und aus seinem tiefen Loch herausklettert kam. Er nahm wieder am Leben teil. Sie war die erste Freundin, die auch der kleine Bruder respektierte.

Es war eine schöne Hochzeit und sie waren ein glückliches Paar. Sie wollten Kinder haben. Da Hanna Diabetes hat, warnten die Ärzte die beiden vor etwaigen Komplikationen, die während der Schwangerschaft auftreten könnten. Der Wunsch war stärker und irgendwann rief Hanna ihren Schwager an und fragte ihn, ob er sich vorstellen könnte, die Patenschaft für ihr Kind zu übernehmen. Das war am Anfang der Schwangerschaft. Der nächste Anruf kam von ihm, der dem Bruder ernst erklärte, es stimme etwas nicht mit dem Kind und die Ärzte könnten keine Sicherheit geben, ob es die Geburt überstehen würde. Sie konsultierten jeden Spezialisten und ergriffen jeden Grashalm, der ihnen geboten wurde.

Die letzten Wochen der Schwangerschaft waren eine einzige Tortur für die Mutter und das ungeborene Kind. Unter ständiger Beobachtung, da die Schwangerschaft den Diabetes verstärkte, war sie nur noch ein Nervenbündel. Er stand ihr immer zur Seite. Der Kinderwunsch war stärker und Mutter und Kind überstanden diese Zeit. Entkräftet von den vorgehenden Wochen kämpfte sich die kleine Ann auf die Welt, doch der Diabetes hatte seine Spuren hinterlassen. Fast alle Organe waren angegriffen und die Ärzte drängten darauf, sofort einen operativen Eingriff vornehmen zu dürfen, da sie sonst keine Überlebenschance hätte. Die kleine Ann hatte in ihren ersten Lebenstagen mehr Operationen, als manch ein Mensch es je in seinem Leben hat. Sie kämpfte tapfer um ihre Chance. Doch nach unzähligen Eingriffen hatte sie nicht mehr die Kraft zum Überleben und starb.

Danach brach die Welt für Hanna und ihn zusammen. Hanna gab sich und ihrem Diabetes die Schuld. Sie verlor sich in ihren Selbstanschuldigungen. Er kam nicht mehr an sie heran. Wenn er abends von der Arbeit zurückkam und das leere Haus vorfand, wusste er bereits, wo er sie suchen musste und fand sie immer beim Grab ihres Kindes.

Irgendwann bekam der jüngere Bruder einen Anruf von ihm, Hanna hätte ihn verlassen und er wüsste nicht weiter. Überfordert schob der Bruder seine Firma vor und wiegelte ihn ab. Der große Bruder fiel wieder in sein Loch, aus dem er bis heute keinen Ausweg gefunden hatte.

»Nein, ich habe schon länger nichts mehr von ihr gehört«, bricht es aus dem großen Bruder hervor, »das letzte Mal war vor zwei Jahren, sie hat irgendwo aus dem Ausland angerufen und die ganze Zeit geheult!«, fügt er traurig hinzu, »wir haben seit dem Tod von Ann keinen Zugang mehr zueinander. Wir haben es oft versucht, aber jeder von uns geht mit seiner Trauer anders um. Wir haben uns verloren und jeder sucht auf seine Art nach dem Grund, warum das Schicksal uns unser Kind weggenommen hat«, während er weiterredet, lenkt er den Wagen in die nächste Querstraße, »weißt du, ich hätte damals echt jemand gebraucht, der mir einfach zuhört, aber Mutter und du, ihr wart nur mit euch selber beschäftigt, dass es euch gar nicht in Sinn kam, eure Prioritäten einmal zur Seite zu legen und einfach für mich da zu sein. Neben dem Tod meines Kindes hat mich das ebenfalls lange beschäftigt und für beides habe ich bis heute keine Antwort gefunden«, konstatierte er mit zitternder Stimme. Seine Haltung kehrte seine ganze Traurigkeit nach außen.

Von der Ehrlichkeit eingeschüchtert wagt sein Beifahrer keine Erwiderung. Sie fahren an der Kirche vorbei, in der sie getauft und konfirmiert wurden. Lassen den großen Supermarkt und den Sportplatz hinter sich.

Erst als sie das Rathaus passieren, ist es dem kleinen Bruder möglich, etwas zu sagen: »Das wusste ich nicht. Warum hast du nie etwas gesagt? Du hast irgendwann nicht mehr angerufen, da bin ich davon ausgegangen, dass du mit der Situation wieder klar kommst und die Dinge wieder ihren normalen Lauf nehmen.«

»Das ist Bullshit, hörst du dir zu, du weißt selber, dass das eine billige Ausrede ist. Du warst immer kurz angebunden und wenn wir uns einmal länger unterhielten, ging es immer nur um deine Firma. Gib es zu, es kam dir einfach nicht in den Sinn, dass ich deine Hilfe brauche. Du hast dich einfach abgewendet und hast deinen Plan weiterverfolgt, ohne nach links oder rechts zu schauen, so bist halt. Mutter ist da keinen Deut besser. Wirklich, ich hätte euch so sehr gebraucht und euch war es scheiß egal«, klagt er den Bruder an, »irgendwann hab’ ich es aufgegeben, gegen eure Ignoranz anzukämpfen.«

Der weitere Ausbruch an Ehrlichkeit zerbricht das vom jüngeren Bruder, in den vergangenen Jahren mühsam zurechtgestutzte, Bild der Selbstrechtfertigung. Ohne diese selbstgerechte Struktur ist er nicht mehr in der Lage, seine profane Ausrede vor sich selbst aufrecht zu erhalten und kann auf den Vorwurf nur erwidern, »es tut mir leid, du hast vollkommen recht, ich bin ein selbstgerechtes und ignorantes Arschloch!«


17.

Verlegen, weil er wie ein kleines Kind von seinem Bruder entlarvt und gescholten wurde, schaut er durch den Außenspiegel dem Rathaus dabei zu, wie es langsam aus dem Blickfeld verschwindet. Er tippt mit den Fingerspitzen nervös auf die Armlehne.

»Kannst du bitte damit aufhören, das macht mich wahnsinnig!«, entfährt es dem Fahrer.

Er hört auf und wendet sich zum Türfenster. Er kann seinem großen Bruder immer noch nicht in die Augen schauen, doch er kann jeden Gedanken von ihm in seinem Nacken spüren.

»Da hast du vollkommen recht«, setzt der andere nach. Wieder schlägt die Aussage auf sein bereits gepeinigtes Ego ein. Die Situation ist für ihn ungewohnt, denn normalerweise geht er aus solchen Diskussionen als Sieger hervor. Gedemütigt durch die Wahrheit verliert er sich im regen Treiben des Marktplatzes. Am Stadtbrunnen beobachtet er eine Gruppe junger Leute dabei, wie sie zur Abkühlung ihre nackten Füße ins Wasser baumeln lassen.

Die Lüftung hat es immer noch nicht geschafft, das Wageninnere auf eine angenehme Temperatur zu senken. Es kommt ihm vor, als blies sie noch zusätzlich, die warme Luft von draußen, zu ihnen herein. Durchschwitzt schaut er den Jugendlichen am Stadtbrunnen neidisch dabei zu, wie sie lachend und ausgelassen jubelnd anfangen, sich gegenseitig nass zu spritzen und in den Brunnen zu schubsen. Ein Kind setzt sich daneben hin und schlotzt dabei genüßlich an seinem Eis. Beim Café am Markt verfolgt die Mutter, von einem Sonnenschirm geschützt, das Geschehen und gibt ihrem Kind warnende Hinweise. Die nahegelegenen Fußgängerzone ist menschenleer. Vereinsamt hockt ein Mann vor der Tür des Dönerladens und raucht eine Zigarette.

Sie erreichen die Ausläufer des Stadtparks, biegen rechts ab und fahren dann an seiner Nordseite entlang weiter. Die Turmuhr schlägt vier und der einsetzende Berufsverkehr verstopft die Straßen. Sie kommen nur noch langsam voran.

Von Ihrer Position aus kann der ganze Park überschaut werden. Auf der Allee, die sich wie eine Schlange durch den Park hindurchwindet, teilen sich Fahrradfahrer und Spaziergänger den vor der Sonne abgeriegelten Weg. Ein alter Mann führt seinen Hund aus. Vereinzelt bleiben einige stehen und nutzen eine Parkbank für eine Atempause. Scheinbar werden die Menschen, wie von einem Magnet, in die städtische Oase gezogen. Um den See herum liegen verteilt verwaiste Handtücher, die von den im See badenden Besitzern dort zurückgelassen wurden. Im Schatten der umliegenden Bäume ruht sich ein Pärchen aus. An einem Eiswagen wartet eine Menschenschlange auf ihr wohlverdientes Eis.

Das rege Leben im Park beruhigt ihn. Er verlässt sein inneres Versteck und sagt, immer noch aus dem Fenster blickend, »Ich hör dir wirklich sehr gern zu«, und richtet seinen Blick auf den großen Bruder und redet weiter, »lass uns bitte nicht streiten, wir haben heute so viel gewonnen, lass uns das nicht wegwerfen!´«.

Der Verkehrsfluss kommt jetzt vollkommen zum Erliegen. Sein Fahrer nutzt die Pause und dreht sich jetzt ebenfalls zu ihm herum. Sichtlich entspannter, jedoch genauso verschwitzt wie sein Beifahrer, nimmt er das Angebot an, »ja, lass uns nicht streiten«.

Der zurückgewonnene Frieden beflügelt den kleinen Bruder. Er zieht seine Flipflops aus und legt dann seine Füße auf das Armaturenbrett.


18.

Die nachmittägliche Berufspendlerebbe ist im vollen Gange und eine metallische Welle zieht sich wieder in die Vororte der Stadt zurück. Auf einmal sind die beiden von lauter Autos umringt. Beiden wird klar, dass jeder Versuch, daraus zu entfliehen, scheitern wird, da jetzt alle auswärtsgerichteten Straßen mit Autos überschwemmt sind.

Beim ersten Stocken beginnen bereits etliche Fahrer, ihr Privatleben unbewusst vor allen anderen Leuten auszubreiten. In den meisten Wagen befindet sich nur eine Person. Wenn es doch vorkommt und zwei oder mehr darin sitzen, starrt jeder auf sein mobiles Telefon oder sie streiten den Stress vom Stau und der Arbeit am anderen ab. Andere haben sich dem Zustand ergeben und sitzen reglos im Wagen. Neben ihnen hat eine Frau ihr Abendessen vorzeitig angefangen. Auch wenn die Menschen sich damit nur fortbewegen, besitzt jedes Auto seinen eigenen Kosmos.

Der Bass vom Wagen hinter ihnen vibriert bis in den Innenraum ihres Autos. Nur die Sirene eines Einsatzwagens der Feuerwehr übertönt die Musik. Der große Bruder versucht, den Wagen soweit wie möglich an die Seite der Straße zu fahren. Die anderen Fahrer tun es ihm gleich und langsam bekommt der vor ihnen ausgebreitete Fahrzeugteppich einen Riss, der sich über die ganze Fläche durchfrisst.

Die routinierten Fahrer arbeiten den unvorhergesehenen Stressmoment problemlos ab, nur einige wenige unterbrechen das Schwarmverhalten, indem sie demonstrativ auf ihrer Spur stehen bleiben und erst wegfahren, wenn der Einsatzwagen direkt hinter ihnen steht. Andere sind sichtlich überfordert, verlieren die Kontrolle und sind nicht mehr in der Lage, die einfachsten Fahrmanöver zu verrichten. Krampfhaft versuchen sie ebenfalls, einen Platz an der Straßenseite zu ergattern und verursachen dadurch noch mehr Chaos. Die ersten Ungeduldigen suchen ihre Entspannung, indem sie anfangen zu hupen und wild gestikulieren. Das Chaos ist perfekt und der letzte Rest an Bewegung des Autostroms kommt vollkommen zum Erliegen.

Nach einigen Minuten beruhigt der Stillstand die Gemüter und die ersten Fahrer nehmen wieder sofort ihr Telefon zur Hand, um die auferlegte Zwangspause für ihre rituellen Bildschirmgewohnheiten zu nutzen. Für einen kurzen Moment herrscht eine geruhsame Einigkeit. Die Einsatzwagen winden sich durch die Gasse, die sich vor ihnen auftut, und verschwinden dann am Horizont im Meer der Autos. Hinter ihnen verschließt sich die offene Wunde des Autoteppichs wieder.

Die kurze Atempause ist vorüber und die Hauptschlagader der Stadt beginnt wieder zu pochen. Wie auf Knopfdruck verlassen die metallischen Blutzellen ihren Ankerplatz und setzen ihre einsame Fahrt im Gleichstrom der künstlichen Gezeiten fort.

Während der große Bruder sein Fahrverhalten an die Autokolonne anpasst, kramt der andere eine CD aus dem Handschuhfach und zeigt sie seinem Bruder. Er kann die Antwort nicht abwarten und wechselt die CD’s.

Die Musik setzt und beide beginnen bei der ersten Strophe mitzusingen, »There is a war between the rich and poor; a war between the man and the woman; there is a war between the ones who say there is a war; and the ones who say that there isn’t«, werden dann beim Refrain lauter, »why don't you come on back to the war?; that’s right, get in it; why don't you come on back to the war?; It’s just beginning«, und setzen dann ihre Fahrt im metallenen Strom ebenfalls fort.


19.

Beide zünden sich eine Zigarette an. Sie treiben im Fluss der Autokolonne weiter am Friedhof und am Stadtmuseum vorüber. Vor ihnen taucht der alte Klinkerbau auf, bei dem ihre Mutter früher einmal, bei einer dort ansässigen Firma, gearbeitet hatte.

»Weißt du noch, wie Mutter uns immer mitgeschleppt hat, wenn sie niemand für uns gefunden hatte, aber dringend ins Büro musste«, erinnert sich der große Bruder, »sie hat uns dann immer bei ihrer Sekretärin abgegeben. Mein Gott, hab’ ich das gehasst. Es war alles so steril und kalt dort. Die Sekretärin hat uns dann immer befohlen, wir sollten Mucksmäuschenstill sein und durften uns nicht bewegen.«

Der Bruder überlegt, »Nein, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.«

»Wirklich nicht, vielleicht warst du noch zu klein. Das hat sie nur bei dem Job gemacht. Da hat sie eh nicht lang gearbeitet«, stellt der große Bruder fest und verstummt für einen Moment, »vor Kurzem hab’ ich Vater besucht.« Sein kleiner Bruder zieht die Brauen hoch, »ich hatte es satt, dass sie nie etwas von sich und Vater erzählt hat, und warum sie sich getrennt haben. Selbst wenn ich sie heute noch direkt darauf anspreche, windet sie sich heraus und fängt an, über irgendetwas anderes zu reden. Ich hab’ mir in den letzten Jahren oft gewünscht, wir hätten mehr mit Vater gemacht. Mutter hat in ihrer üblichen Art das Kapitel geschlossen und nahtlos ihr Leben, nur mit uns, ohne Vater, fortgesetzt«, erzählt er und lenkt den Wagen aus dem zäh fließenden Verkehr heraus und biegt bei der Abzweigung zum alten Industriegebiet ab.

»Mir hat sie auch nie etwas erzählt,« sagt der kleine Bruder.

»Mutter hat ihn einfach ausgeklammert, das kann sie wirklich gut. Er war nicht existent für uns. Er war nie Thema, es ging immer nur um sie und da sie immer präsent war, haben wir das als Kinder auch nicht in Frage gestellt. Oder kannst du dich daran erinnern, dass wir einmal darüber gesprochen haben,« sein Beifahrer verneint, »sie hat es geschafft, ihn bei uns auszutilgen. Erst später, nachdem Ann gestorben war und wir uns immer seltener gesehen haben, kam Vater mir immer öfter in den Sinn. Hab’ mich aber nicht getraut zu ihm zu gehen, erst vor Kurzem dann, hab’ ich allen Mut zusammengerauft und mich mit ihm verabredet. Kam dir das nie in den Sinn?«

»Ne, der kam mir nie in den Sinn! Ja, im Verdrängen ist sie gut, irgendwo muss ich das ja herhaben«, erwidert der Bruder.

»Ich kann mir einfach nicht vorstellen, sie hätte all das kalt gelassen. Was glaubst du, warum sie so oft den Arbeitsplatz gewechselt hat? Sie hat zwar immer erzählt, die Kollegen und der Job seien daran Schuld, in Wirklichkeit konnte sie nicht auf Dauer den Schein wahren. Ihr fehlen jegliche menschliche Kompetenzen, um mit anderen Leuten zusammenarbeiten zu können. Das und ihre viel zu hohen Ansprüche standen ihr irgendwann immer im Weg. Der Auslöser kam von ihr und nicht von den Kollegen. Fachlich konnte ihr niemand das Wasser reichen, aber menschlich hat sie versagt. Ich glaube, in Wahrheit hing ihr die Geschichte mit Vater noch lange hinterher. Wenn die Komponente Menschlichkeit dazu kam, musste sie immer passen. Früher dacht’ ich immer, es wäre Vaters Schuld gewesen, in Wahrheit war sie der Auslöser für die Trennung«, deklariert der große Bruder.

»Es ist wirklich komisch, dass wir das erste Mal über Vater und die Trennung reden. Sie hat es  tatsächlich geschafft, ihn aus unserem Familienleben auszutilgen«, gibt der kleine Bruder zu.

Verdammte Scheiße, sie hat ihn regelrecht aus unserem Leben weggeätzt. Sie war so zentral in unserem Leben und hat uns zudem extrem stark manipuliert, beschwert sich der große Bruder und sagt dann beschwichtigend, »sie hat das aber nicht bewusst gemacht, sie kann einfach nicht anders mit Problemen umgehen. Zumindest hab’ ich mir das irgendwann so erklärt. Auf jeden Fall hat sie sich immer um uns gekümmert, eben auf ihre spezielle Art. Auf eine andere Weise hätte sie es nicht mit uns ausgehalten. Das hab’ ich mittlerweile verstanden«, er zündet sich, während er redet, eine weitere Zigarette an, »du bist ihr da nicht unähnlich. Nachdem ihr nicht in Frage kamt, bin ich eben zu Vater gegangen.«

Der kleine Bruder antwortet nicht gleich und gesteht dann dem anderen, »Weißt du, das bewundere ich an dir. Du hast dir schon immer Fragen gestellt, die dich menschlich weiter bringen sollten. Ich dagegen schloss diese Fragen aus und löste nur Probleme, die meiner Karriere im Weg standen.

»Naja, das macht dich für Mutter zum perfekten Sohn. Das stand immer zwischen Mutter und mir!«, erwidert der große Bruder.


20.

Nur das Kreischen eines erschreckt flüchtenden Vogelschwarms stört die im Wagen herrschende Lautlosigkeit. Der jüngere Bruder wühlt in seinen Gedanken und hat wieder damit begonnen, mit seinen Fingernägeln auf der Armlehne herumzutippen. Er sucht nach den richtigen Worten, aber findet nur seine abgedroschenen Floskeln, mit denen er sonst argumentiert. Jede formulierte Entgegnung verwirft er wieder, da sie dem inneren Gericht nicht standhält. Er nimmt allen Mut zusammen, »bis vor Kurzem hättest du keinen Zugang zu mir gefunden und ich hätte mich wahrscheinlich über dich lustig gemacht« und wendet sich dann dem Bruder zu, »es tut mir leid, alles tut mir leid, wirklich, es tut mir unsagbar leid, dass du die beiden wichtigsten Menschen in deinem Leben verloren hast. Hanna war ein solch liebenswerter Mensch und ihr wart glücklich. Als sie mich wegen der Patenschaft anrief, war ich überglücklich, ein Teil von euch sein zu dürfen. Nachdem Ann starb, war ich einfach geschockt. Und weil ich mit solchen Momenten anders umgehe, bitte versteh das nicht falsch, ich spreche von damals, glaubte ich, nur der Blick nach Vorne wäre der richtige Weg und konnte deshalb kein Verständnis für dein Verhalten aufbringen. Glaub mir, das sehe ich jetzt anders. Es war ein großer Fehler von mir, mich vor dir zu verschließen. Ich war der gehörige Schüler einer Meisterin ihres Faches. Es tut mir unglaublich leid, glaub mir das bitte. Aber seit heute Morgen hat sich etwas verändert. Irgendwie fühle ich mich nicht mehr sicher in meiner Haut. Als grabe sich ein Teil aus mir heraus, der versteckt war und jetzt seine Daseinsberechtigung einfordert, während er redet, schaut er den aufgebrachten Vögeln dabei zu, wie sie am Himmel ihre einstudierte Formation einnehmen und im Schutz der Ordnung wieder zur Ruhe finden. Von der Schönheit ihres natürlichen Spiels eingefangen fragt er seinen großen Bruder, »Was ist er für ein Mensch?«

»Nachdem ich über das Internet seine Adresse und seine Telefonnummer rausgefunden hatte, habe ich ihn gleich angerufen. Er wohnt an der Grenze zu Frankreich, in der Nähe von Mannheim und lebt dort mit einer anderen Frau zusammen. Ich hatte Angst davor, wie er reagieren wird, aber er hat sich gefreut und sofort zugesagt. Am Anfang unseres Treffens war er ganz schön nervös, ich aber genauso. Wir hatten sofort einen guten Draht zueinander. Es kommt mir vor, als hätte er schon lange auf diesen Augenblick gewartet. Er ist so anders als Mutter. Viel offener und ehrlicher zu sich selbst. Er hat auch nach dir gefragt und wollte wissen, wie es dir geht«, berichtet der große Bruder.

Die Vögel verschwinden im gleichmäßigen Flug am Horizont und lassen den blauen Nachmittagshimmel zurück.

Die Stadt lichtet sich und sie erreichen die Nordstadt, mit ihren Retortenhäusern und den steinigen Vorgärten. Früher war hier das industrielle Herz der Stadt angesiedelt, doch nachdem die Unternehmen abgewandert waren und die alten Fabrikgebäude leer standen, hat die Stadt das gesamte Gelände gekauft und eine Neubausiedlung für junge Familien in Auftrag gegeben. Alles wurde dem Erdboden gleich gemacht. Jetzt ist das Gelände mit lauter Einfamilienhäusern übersät, die in ihrer Bauweise ähnlich sind, quadratisch, praktisch und gut, aber auch steril und eintönig. Die ersten Pendler haben den Stau schadlos überstanden und in den Einfahrten ihre überdimensionalen Autos geparkt.

Während sie mit ihrem alten grünen Golf die perfekte Autowelt verschandeln, schwärmt der große Bruder weiter, »er ist einfach so anders als Mutter und seit ich ihn getroffen habe, fühle ich mich noch mehr darin bestätigt, dass mir die ganze Zeit etwas gefehlt hat. Du musst ihn unbedingt kennenlernen.«

Sein gegenüber hört ihm andächtig zu und sucht dabei den Himmel nach dem Vogelschwarm ab. Er fängt an, in den CD’s herumzuwühlen und ruft dann, als er die richtige findet, »Da ist sie ja. Den Song habe ich nie verstanden«, und wechselt die CDs aus.

Der grüne Golf verlässt die Nordstadt. Als die Hifi-Box »Father and Son« spielt, stellen beide erfreut fest, dass der Vogelschwarm zurückgekommen ist und wieder seine einstudierten Figuren in den Himmel zeichnet.

 
 
 

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