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3. Brüder - Das Haus oder Tagebuch einer Unglücklichen

  • privat8773
  • 12. Nov. 2025
  • 21 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19. Dez. 2025

Kurzer Hinweis zur Entstehung des Textes. Ihr lest hier die Erstfassung, d.h.zuerst schreibe ich mit Füller eine Art Vorlage in mein Notizbuch und versuche damit, in einem ersten Schritt, meiner dilettantischen Schreibkraft Herr zu werden. In einem zweiten Schritt extrahiere ich diese Skizze und übertrage sie auf meinen Rechner. Das Ergebnis dieser ersten Reinschrift könnt ihr hier lesen. Warum gehe ich so vor und mute euch das zu. Ganz einfach, wenn ich nach hinten schaue, verliere ich vielleicht den imaginären Bezug zur Geschichte. Erst wenn die Geschichte fertig ist, werde ich ich den Mut aufbringen, sie in ihrer Gänze noch einmal zu lesen.

Brüder

21.

Der Wagen schwenkt in die Zufahrt des inneren Stadtrings, beschleunigt auf der Einfahrtsspur und ordnet sich dann in den Verkehr ein. Der Lärm der Autobahn ist wegen der spröden Isolierung des Golfs unerträglich. An der nächsten Ausfahrt verlässt der Wagen den Stadtring wieder und hält dann an der roten Ampel, die am Ende der Verbindungsstraße dort auf sie wartet, an. Die lärmende Autobahn ist jetzt nur noch als leises Summen zu vernehmen.

Dem Lärm entkommen taucht vor ihnen die Gründervilla, in der das Jugendwerk untergebracht ist, auf. Viel erinnert nicht mehr an das ehemals gutbürgerliche Wohngebäude. Die Mauer, die die Villa umgibt und deren Fassade, sind vollkommen mit Graffiti überdeckt. Der Platz vor dem Tor, das in den Innenhof führt, ist von Jugendlichen okkupiert.

Sie parken das Auto auf einer freien Parklücke am Straßenrand. Als sie aussteigen, werden sie von den Jugendlichen in Empfang genommen. Alle begrüßen den großen Bruder herzlich. Jeder will von ihm wahrgenommen werden und redet auf ihn ein. Mit großer Gelassenheit nimmt er ihre Anerkennung entgegen und überträgt seine Ruhe auf sie. Er kennt alle beim Namen und lässt bei der Begrüßung niemanden aus. Während sie weiterlaufen, wird er immer noch von der Horde umringt. Der große Bruder gibt seinem Anhängsel durch ein Handzeichen zu verstehen, er solle mitkommen. Mit etwas Abstand folgt dieser der Ansammlung und anstatt, dass sie abnimmt, wird sie im Innenhof noch größer. Von überall kommen Kinder herbeigerannt und gesellen sich dazu. Alle kämpfen um eine persönliche Regung des Bruders, die er jedem gerne schenkt.

Am Haupteingang der alten Villa hocken ein paar ältere Jugendliche. Sie erreichen die Treppe, die zum Eingangsbereich hochfährt, und der Pulk von Kindern löst sich langsam auf. Bei den älteren angekommen, bleiben sie stehen, der große Bruder begrüßt sie mit Faustgruß und wechselt einige Worte mit ihnen. Vereinzelt grüßen sie auch den kleinen Bruder freundlich und reden dann weiter.

Während sie den Hauseingang durchqueren, schaut der große Bruder den anderen an und sagt, »eigentlich frisst mich die Arbeit auf, aber jedes Mal, wenn ich hier hereinkomme, weiß ich wieder, warum ich den Job mache!«

Drinnen setzt sich das gleiche Bild wie draußen fort und sie sind sofort von einem Pulk von brüllenden Jugendlichen belagert. Auf der anderen Seite des Flurs gibt sich ein Mann zu erkennen und bedeutet ihnen, zu ihm rüberzukommen. Sie setzen sich in dessen Richtung in Bewegung. Auf dem Weg dorthin kommen sie an den Zimmern des Untergeschosses vorbei, gekennzeichnet mit Buchstaben, beherbergen sie die Projekte des Jugendwerks. Auch dort begrüßt der große Bruder jeden. Sie erreichen den Mann, der ihnen beiden die Hand gibt und sofort hektisch auf seinen Kollegen einredet.

Der große Bruder unterbricht den Kollegen, dreht sich zur Seite seines Bruders und sagt, »Kann ich dich kurz alleine lassen, ich muss das klären!«

»Klar, geh du ruhig, ich komm zurecht!«, schon sind sie weg und lassen ihn alleine zurück.

Von der Aura des Bruders verlassen, verunsichert ihn das Chaos und er spürt das Bedürfnis, gehen zu wollen, kämpft aber gegen den Reflex an und setzt sich auf die untere Stufe der Treppe hin, die in die oberen Etagen führt. Die Jugendlichen ignorieren ihn ohne das Beisein seines Bruders. Nur ein paar Mädchen schauen zu ihm rüber und lachen. Er schaut an sich herab und weiß sofort, warum. Plötzlich steht ein kleiner Junge vor ihm und fragt in unverblümt, warum er Mädchenkleider trage und ob er schwul sei. Er antwortet mit Nein. Offensichtlich haben ihn die Mädchen zu ihm geschickt, denn er rennt sofort zu ihnen rüber und redet mit ihnen. Immer wieder schauen die Mädchen dabei zu ihm herüber und prusten vor Lachen los. Peinlich berührt versucht er sich aus der Situation zu retten, indem er aufsteht und die Treppe hoch flüchtet.

Das Getöse wird schwächer, als er oben ankommt. Auch hier sind die Zimmer mit Buchstaben gekennzeichnet, nur das, das im unteren Bereich herrschende Chaos, gegen eine betriebsame Stille ausgetauscht ist. Es scheint ihm, als gäbe es eine imaginäre Altersgrenze, denn er begegnet nur älteren Jugendlichen bei seiner Inspektion der oberen Zimmer.

Freigelassen von äußeren Zwängen beteiligen sich hier alle rege an den Projekten. Er kann die konstruktive Frische der jugendlichen Inspiration in jedem Raum wahrnehmen und lässt sich davon einnehmen.

Im Flur findet er einen Stuhl und setzt sich hin. Von dort kann er die von den Räumen ausgehende produktive Kraft in Ruhe genießen und schließt die Augen.

Eine Stimme weckt ihn auf. Vor ihm steht der große Bruder und sagt in einem sachten Ton: »Kommst du, ich möchte dir meine Kollegen vorstellen.«

Worauf der andere erwidert: »Ich komme gleich nach. Ich möchte nur noch kurz hier sitzen bleiben.«

Sein großer Bruder lächelt nur und schlendert pfeifend davon.   


22.

Nach wenigen Minuten verlässt er seinen Tribünenplatz und folgt seinem Bruder die Treppe hinunter ins Erdgeschoss. Noch eingelullt von der vorherigen Erfahrung bemerkt er erst am Treppenabsatz, dass der rege Betrieb abgenommen hat. Der Flur und die Zimmer, in denen es vorher kaum ein Durchkommen gab, sind jetzt wie leergefegt.

An der Tür, an der er zuvor alleine zurückgelassen wurde, prüft er die Aufschrift und klopft an, nachdem er sicher ist, dass es die Türe zum Büro ist. Die Tür geht auf und eine junge Frau schaut ihn fragend an. Die Menschen im dahinterliegenden Raum unterbrechen ihre Unterhaltung und starren ihn ebenfalls wortlos an.

»Ich werde hier erwartet«, begründet er sein Klopfen und kann seinen Bruder auf einem Fenstersims sich abstützend entdecken und hört, wie dieser im selben Moment erklärt, »das ist mein Bruder, er wollte mal sehen, was wir alles so treiben«, winkt ihn zu sich her und kommt ihm dabei einige Schritte entgegen. Er stellt sich zu ihm und sagt einladend, »komm rein, wir beißen nicht«, wie auf ein Zeichen wartend, setzt die Gespräche wieder ein, »na, was sagst du?«

Immer noch etwas verschüchtert von den Leuten, erwidert der andere, »unglaublich, was ihr aus dem alten Schuppen gemacht habt. Früher sind die Leute hier rumgehangen, um sich zuhause nicht alleine langweilen zu müssen oder kamen wegen des billigen Alkohols und der Drogen. Es war mehr eine Verwahrungsstelle, jetzt gebt ihr den Kindern was in die Hand, mit dem sie offensichtlich was anfangen können. Die Stimmung im ersten Stock ist unglaublich. Echt super.«

Der Bruder nimmt das Lob grinsend entgegen, legt seinen Arm über die Schulter des kleinen Bruders und sagt, »komm, lass uns was essen gehen, unten in der Kantine gibt es Abendessen.«

»Ah, deshalb ist es so ruhig hier«, stellt er fest, »ja, lass uns was essen, ich hab’ den ganzen Tag nichts richtiges gegessen!«

Gemeinsam mit ein paar Kollegen verlassen sie das Büro und laufen dann über die Treppe ins Parterre der Villa. Beim Öffnen der Schiebetür begrüßt sie ein großer Raum, der sich über die ganze Etage erstreckt und die bekannte Lebendigkeit, die sich aus dem Erdgeschoss hierher geflüchtet hat.

Er hat den Raum ganz anders in Erinnerung. Früher war hier alles abgedunkelt und an der Decke hing eine Discokugel. Der erhöhte DJ-Pult ist eingetauscht gegen zwei saubere Kühlschränke mit kindergerechten Getränken und Snacks. Dort, wo früher die Holzverkleidete Theke stand, funkelt jetzt ein moderner Thekenbau mit einer Vitrine für die Salate und Desserts, an der sich bereits eine Schlange gebildet hat. Die provisorischen Sitzgelegenheiten mit ihren roten Bezügen sind verschwunden, stattdessen ist der Raum jetzt mit ausreichenden Tischen und Stühlen ausgestattet, auf denen bereits Jugendliche Platz genommen haben und ausgelassen mit dem Essen begonnen haben. Der kleine Bruder erinnert sich an seinen ersten Stehblues, den er hier getanzt hat, und seinen ersten Zungenkuss. Die von der Abdeckung befreiten Fenster geben dem Raum, die einstmals vom Erbauer zugewiesene Würde, wieder zurück.

Sie laufen zur Essenausgabe und reihen sich am Ende der Schlange ein.

Der jüngere von den beiden Brüdern beginnt wieder zu reden, »Das war doch früher die Disco. Es ist plötzlich so hell, ich wusste gar nicht, dass der Raum hier unten Fenster hat. Was für eine angenehme Atmosphäre er jetzt hat. Der ganze Garten ist ja von hier aus zu sehen«, und nimmt sich ein Tablett vom Stapel, »mein Gott, ist das schön, ihr habt dem alten Kasten wirklich wieder Leben eingehaucht, Respekt, ist euch wirklich gelungen«.   

»Das hat mich schon während meiner Zivi-Zeit hier gestört. Als ich dann hier nach meinem Studium angefangen habe zu arbeiten, setzte ich alles daran, den Raum anderweitig zu nutzen. Das hat mich am Anfang viel Überredungskunst gekostet, du kannst dich bestimmt noch an die alte Sozpädriege erinnern, hat lang gedauert, bis ich ihnen das schmackhaft machen konnte«, postuliert der ältere Bruder.

»Es lebt und das ganze Konzept lässt eine klare Struktur erkennen. Das überrascht mich wirklich.«

»Hättest du von deinem alten Hippie-Bruder nicht erwartet. Nicht nur du hast einen Plan. Wie du jetzt siehst, habe ich auch einen, nur orientiert sich der nicht am finanziellen Profit. Das war meine erste Amtshandlung, als mir die Leitung später übertragen wurde. Mich hat das gestört, dass die Kids hier nur abhingen und mit ihrer Zeit nichts anfangen konnten«, und führt fort, »deshalb hab’ ich mit den jüngeren Kollegen zusammen damit begonnen, ein neues Konzept zu erstellen. Mir war dabei wichtig, die Kids mit ins Boot zu nehmen. Ohne sie hätten wir es nie soweit gebracht. Wir haben nur die Möglichkeiten geschaffen und mit der Zeit ist es zum Selbstläufer geworden. Heute organisieren sie fast alles selber. Alles, was du im ersten und zweiten Stock mitbekommen hast, inklusive des Raumes hier, entstammt aus ihren Ideen. Die Alten haben uns für verrückt erklärt, sind aber, wie du heute siehst, eines besseren belehrt worden. Danach waren sie still und haben uns nicht mehr belächelt. Aber im Ernst, wir haben die Kids nur begleitend unterstützt«, gesteht er zum Schluss.

»Du kannst sofort bei mir in der Firma anfangen. Was ich vorher im oberen Stock erleben durfte, diese inspirative frische Atmosphäre, das habe ich in all den Jahren in der Firma vermisst. Und du sagst, sie organisieren das alles selbst. Bei uns kannst du lange auf Eigeninitiative warten. Wenn ich das nicht einfordere, käme nichts in die Gänge. Also echt, da oben hat sich jeder eingebracht und alles daran gesetzt, dass was Brauchbares entsteht. Das habe ich sofort gespürt. Wann willst du bei mir anfangen?«, bietet er dem großen Bruder an.

»Das funktioniert bei euch nicht. Unser Ziel hat keinen kommerziellen Beweggrund. Die Kinder haben vollkommen freie Hand und definieren den Anspruch an das jeweilige Projekt, aus sich selbst heraus. Ohne diese Freiheit hätten sie viel weniger Impuls für ihr Engagement. Sie machen etwas für sich selbst. Wenn wir anfingen, diesen Impuls zu manipulieren, bekäme das Ganze wieder einen Schulcharakter und darauf haben sie in ihrer Freizeit keinen Bock. Nein, es funktioniert nur unter dieser Prämisse, nur wenn sie ihr Ziel selber definieren dürfen und das ohne Einschränkungen. Erwächst diese konspirative Initiative in ihnen! Das ist ihre Insel und ihre Regeln. Wenn wir Erwachsene hier auch noch den Ton angeben wollen, machen sie zu und beteiligen uns am Veränderungsprozess nicht mehr. Verstehst du, wenn wir hier auch noch Druck aufbauen, verlieren wir sie und der so wichtige Eigenimpuls würde darin versiegen. Das ist bei den Erwachsenen nicht anders, konkretisiert der große Bruder und fügt hinzu, »möchtest du wirklich die Zügel aus der Hand geben und das Risiko eingehen, dass du gegebenenfalls deinen Kapitaleinsatz verlierst. Wenn du damit klar kommst, dann fange ich sofort bei dir an.«

Bei der Kühlvitrine nimmt sich jeder einen Salat und ein Dessert heraus und der Bruder erläutert dann weiter, »ich kann mir leider nicht vorstellen, dass du dazu in der Lage bist. Deshalb funktioniert das Konzept auch in der renditegescheuchten Privatwirtschaft nicht. Ihr seid vom Profit getrieben und am Ende wird der Erfolg durch ein Plus in der GuV eindeutig definiert. Unser Profit ist die Zufriedenheit und das Glücksgefühl eines Menschen. Eine Größe, die sich in wirtschaftlichen Kennziffern nicht ausdrücken lässt«.

Sie rücken zur Essenausgabe vor. Während der Jüngere sich die Pasta geben lässt und der Ältere sich für das Schnitzel mit Pommes entscheidet, erklärt der kleine Bruder seinen Ausgangspunkt: »Unter den bisherigen Umständen gebe ich dir Recht. Ich merke nur schon seit längerem, dass es immer schwieriger wird, die Firma auf diese Weise im Fahrwasser zu halten. Seit Trump wieder Präsident ist, werden wir immer mehr zum Spielball des globalen Marktes. Die Pläne von heute sind morgen nichts mehr wert. Früher konnte ich das alles gut überschauen und hatte immer genug Zeit, um mir Lösungen zu überlegen. Das geht heute nicht mehr. Ich bin immer mehr darauf angewiesen, dass meine Mitarbeiter selbstständig Initiative ergreifen, nur so können wir angemessen regieren. Natürlich habe ich selbstständige und engagierte Mitarbeiter, aber es fehlt der Funke, der die Dinge vegetativ in Bewegung bringt. Ohne meine Anweisungen fehlt dieser Impuls. Unsere Ideen haben kein Eigenleben und hier setze ich mit deinem Konzept an. Als ich vorher oben saß, habe ich dieses Eigenleben gespürt und was noch viel wichtiger ist, ein unglaublich stabiles Einheitsgefühl, das von den Kids ausging. Wenn ich diese Kraft implementieren könnte, wäre das System anpassungsfähiger und könnte schneller regieren.        

So wie wir momentan agieren, werden wir unter den gegebenen Umständen nicht mehr lange bestehen können. Und davon einmal abgesehen, kann ich auf diese Weise, rein menschlich betrachtet, nicht mehr weitermachen. Das ist mir heute bewusst geworden. Mein bisheriger Plan lebt nur durch mich und dein Plan lebt durch die Beteiligten. Dieser wesentliche Unterschied stärkt mehr in die Breite und stabilisiert umfassender als meiner.

»Du hast es vollkommen richtig erkannt. Langfristig stabilisiert sich ein System umfänglicher und schöpft aus seinem Selbstreinigungspotential, wenn der Mensch im Mittelpunkt seiner Tätigkeit steht und nicht der Profit. Das kannst du aber keinem Aktionär erklären, für ihn gilt nur die Höhe der Dividende. Bei meinem Konzept sind die Stakeholder Teil des Ergebnisses und dieses Ergebnis ist die Gesellschaft der nächsten Generationen«, konstatiert der große Bruder und fügt hinzu, »wenn ich etwas verstanden habe, dann, dass es nicht vereinbar ist. Am Ende frisst das Profitstreben immer die Menschlichkeit auf. Schau dir unser Schulsystem an, anstatt mündige Bürger hervorzubringen, produziert es in der Regel nur ideenlose Geschöpfe, die ohne Anleitung nicht funktionieren. Wichtige gesellschaftliche Veränderungen können so nicht angestossen werden. Wahrscheinlich ist das auch gar nicht erwünscht, da nicht messbar und somit für den Fortbestand des Bestehenden unbrauchbar. Die einzige messbare Größe, die mein Konzept aufweist, sind die Kosten, die es verursacht. Nein, ich glaube nicht, dass mein Konzept in der freien Wirtschaft funktioniert, ich muss dein Angebot ablehnen, mir ist der Mensch als solches einfach zu wichtig«, betont der große Bruder.

Gemeinsam gehen sie auf die Suche nach einem Sitzplatz und setzen sich dann hin.

»Da ist was dran, ein Versuch wäre es trotzdem wert, irgendwer muss ja damit anfangen. Komm, lass uns essen! Fügt der kleine Bruder hinzu und beginnt damit, seine Pasta zu essen.


23.

Die Belüftungsanlage der Kantine surrt ihr monotones Lied und kühlt den Raum auf eine angenehme Temperatur herab. Während die beiden noch beim Dessert sind, räumen die ersten bereits ihre Tabletts in einen der dafür vorgesehenen Rollcontainer.

Der Geräuschpegel nimmt wieder zu. Vereinzelt gehen die Jugendlichen durch die Schiebetür zurück zu ihren Projekten im ersten oder zweiten Stock. Andere bleiben an ihrem Tisch sitzen, um dort auf die Nachzügler zu warten oder sie flüchten über die Gartentür nach draußen, um dort ihr zurückgelassenes Spiel wieder aufzunehmen. Jedes Mal, wenn die Tür geöffnet wird, überfällt die schwüle Luft von draußen den abgekühlten Raum und provoziert einen allgemeinen Aufschrei, es solle doch die Tür zu gemacht werden.

Auch die Brüder sind mit ihrem Dessert fertig und stapeln dann ebenfalls ihr Tablett in den Rollcontainer.

»Trinken wir noch einen Kaffee«, fragt der ältere und bestellt, nachdem sein Bruder zustimmend nickt, bei der Essensausgabe zwei Tassen Kaffee.

Sie setzen sich wieder an ihren alten Platz und beobachten lautlos das Treiben im Garten.

Eine Gruppe von Jugendlichen hat den Raum für eine Besprechung okkupiert. Sie diskutieren wild über Politik und Gesellschaft.

Während draußen die Aktivitäten wieder voll im Gange sind, verabschiedet sich die Sonne mit ihren letzten Strahlen. Das Lärmen der Spielenden gesellt sich zu den Stimmen der im Raum zurückgebliebenen Jugendlichen. Genügsam trinken die beiden Brüder ihren Kaffee und lauschen dabei zufrieden der latenten Lebendigkeit.

Nach einiger Zeit schaut der große Bruder zur Wanduhr und löst die Zweisamkeit auf, indem er aufsteht und die Jugendlichen mit der Aussage, es sei schon spät, auffordert, ein Ende zu finden. ihre bittenden Augen und das Versprechen, sich dann zu beeilen, trotzen ihm noch einige Minuten ab. Danach geht er durch die Gartentür nach draußen und klärt auch dort die Jugendlichen über die Uhrzeit auf. Er kommt zum Tisch zurück.

»Ich helfe den Kids beim Aufräumen, du kannst hier gerne warten!«

»Nein, ich komm mit und helf’ euch«, sagt der kleine Bruder, bringt die Tassen zum Container und folgt ihm in den Garten. Dort schließt der Bruder den seitlich gelegenen Schuppen auf und fängt an, bunte leere Ikea-Kisten herauszutragen.

»Wir haben für alles verschiedene Kisten, auf jeder ist eine Beschriftung, daran kannst du erkennen, was reingehört«, und verteilt dann die Kisten an die bereits wartenden Kinder. Beide nehmen sich ebenfalls eine Kiste und helfen dann beim Aufräumen.

Der Spielsachenteppich löst sich langsam auf. Als alles seine vorgesehene Kiste gefunden hat, verabschieden sich die Jugendlichen und rennen dann ins Haus. Beide inspizieren den Garten noch einmal nach eventuell übersehenem Spielzeug und räumen dann die Kisten wieder in den Schuppen zurück.

Es ist still im Garten. Die beiden laufen wieder zurück und setzen sich nebeneinander auf den Rasen in der Mitte des Gartens. Von ihrem Platz aus können sie den Vorplatz der Villa einsehen und beobachten, wie die ersten Jugendlichen das Gelände verlassen.

Nur noch wenige Sonnenstrahlen dringen durch die Baumkronen der umliegenden Baumgruppen. Der große Teich lockt, jetzt im Stillen gelegen, die Vögel der Nachbarschaft zum Trinken ein. Schwalben fliegen im Sturzflug herunter und gleiten ganz nah über das Wasser, um sich so ihren Durst stillen zu können. Zwei Eichhörnchen haben sich ebenfalls in den Garten verirrt und gesellen sich zu den Vögeln.

Die Sonne ist verschwunden und die Gartenlampen gehen an. Die letzten Jugendlichen verlassen das Gebäude und winken den beiden zum Abschied. Der kleine Bruder kramt seine Schachtel Zigaretten hervor und bietet dem anderen eine Zigarette an. Dieser bedankt sich. Holt sein Feuerzeug aus der Tasche, gibt dem Bruder Feuer und zündet sich dann die eigene an. Im Halbdunkel des künstlichen Lichts verhaftet sie die Stimmung, die sie umgibt.   


24.

In der Gesäßtasche des jüngeren Bruders vibriert penetrant das Telefon. Um es aus der Hosentasche der eng anliegenden Frauenjeans rausziehen zu können, muss er aufstehen und schaut dann auf das Display. Er wartet einen Moment und öffnet dann den Sperrbildschirm.

»Ich muss da rangehen, das ist meine Assistentin, die versucht schon den ganzen Tag, mich zu erreichen«, und entfernt sich ohne eine Reaktion abzuwarten von seinem Bruder. Dieser beobachtet ihn dabei, wie er über die Dauer des Gesprächs im Garten umherläuft und mit dem Telefon diskutiert.

Als dieser fertig ist, bleibt er stehen und denkt nach, um sich dann wieder an seinen alten Platz hinzusetzen. Die Lockerheit von vorher ist eingetauscht gegen eine ernste Miene.

»Was ist los?«

»Ach, wir haben gerade einen großen Deal abgeschlossen und die neuen Geschäftspartner wollen mich schon den ganzen Tag über sprechen. Sie drohen sogar schon, das Geschäft platzen zu lassen, wenn ich mich nicht melde. Außer mit mir wollen sie mit keinem sprechen.«

»Dann ruf sie doch einfach zurück!«

»Das würde ich ja gern machen, aber ich bin gerade nicht in der Verfassung, genügend Abstand aufzubauen, um mich mit Arschlöchern unterhalten zu können. Du kannst dir nicht vorstellen, was das für Typen sind.«

»Stimmt, da bin ich zu weit weg von der Materie, aber offensichtlich machen sich einige Leute schon Sorgen um dich. Ruf einfach kurz an und wenn es nur zur Beruhigung deiner Assistentin ist.«

»Mmhhh, da hab ich nicht daran gedacht. Ok, ich ruf kurz an«, er erhebt sich und begibt sich wieder auf seine Runde im Garten. Eine halbe Stunde später beendet er das Telefonat und ruft danach seine Assistentin an, um ihr zu sagen, er hätte alles geklärt.

Seine Miene hat wieder die vorige Lockerheit zurückgewonnen, als er das Telefon in die enge Hosentasche schiebt und sich dann wieder hinsetzt.

»Danke!«

»Dafür nicht, ich habe nichts gemacht, du hast den Anruf selber machen müssen.«

»Sie war spürbar erleichtert, als ich ihr vom Gespräch mit den Geschäftspartnern erzählt habe.«

»Empathie ist gar nicht so schwer, mit etwas Übung kommst du auch noch selber darauf.«

Der Sommerabend schließt sie wieder in seine Arme und die beiden frönen wieder der stillen warme Nacht.

Ein Fenster der Villa öffnet sich und die junge Frau, die den kleinen Bruder bei der Bürotür in Empfang nahm, schaut heraus und sagt, »wir machen uns auf den Weg, machst du dann alles zu!«

»Klar, mach ich, einen schönen Abend noch, bis morgen.«

»Tschüß, ebenfalls«, winkt den beiden zu und macht dann das Fenster wieder zu.

Kurze Zeit später hören sie vom Haupteingang aus, die fröhlichen Stimmen der Kollegen, die, als sie den Vorplatz erreichen, beide grüßen und dann durch das Tor verschwinden.

»Die mögen dich alle«, stellt der kleine Bruder fest.

»Ja, die mögen mich«, erwidert er kurz und widmet sich dann wieder dem klärenden warmen Sommerabend.

Ein leichter Windzug erfasst das Blattwerk der Bäume und Büsche. Ihr Rauschen streichelt alle Sinne wach. Wortlos hören die beiden dem Singen zu und lassen sich darin treiben. Ein Rascheln im Untergehölz ist das einzige Zeichen, dass sie nicht ganz allein sind. Kurze Zeit später wuselt ein Igel über den Rasen. Auf der anderen Seite des Gartens verschwindet er wieder unter den Büschen.

Beide schauen zum Abendhimmel, wo die Dunkelheit bereits vom Mond und den Sternen beleuchtet wird. Fledermäuse beginnen damit, ihre riskant wirkenden Manöver zu fliegen.

Das rufen eines Kauzes beginnt das Lied der Nacht zu singen. Das Licht der Gartenlampen zieht Unmengen von Fliegen an.

»Ja, sie mögen mich und übertragen mir damit indirekt die Verantwortung«, bricht es aus ihm heraus, »es gibt noch einen Unterschied.«

»Was meinst du genau…«

»Naja, zwischen unseren Konzepten!«

»Und der wäre?«

Er denkt kurz nach und sagt dann, »während du deine Firma in eine andere Richtung lenken oder von heute auf morgen abwickeln kannst und mit dem Kapital, inklusive der Mitarbeiter, etwas Neues anfangen kannst, wird mir das vom Ergebnis meines Konzeptes verweigert, da es viel stärker auf der Zufriedenheit der Beteiligten beruht und dadurch unflexibel wird.«

»So einfach ist es auch nicht. Immerhin habe ich Angestellte, denen ich meine Entscheidung erklären muss.«

»Aber du kannst sie mit einem höheren Gehalt locken, außerdem ist der Ausgangspunkt deines Ergebnisses eine austauschbare Sache, meine ist der Mensch!«, erklärt der große Bruder.

Keiner von beiden redet weiter. Die Nacht hat den Garten jetzt ganz für sich vereinnahmt. Der Mond erstrahlt in seiner vollen Blüte und der Sternenhimmel überzieht das ganze Firmament.

»Manchmal möchte ich einfach alles hinwerfen. Wenn ich morgens aufwache und wenn ich abends ins Bett gehe, denke ich jedes Mal mal darüber nach, wie es gewesen wäre, wenn Ann überlebt hätte und Hanna noch bei mir wäre. Wir vielleicht noch ein zweites Kind bekommen hätten und im Schutz unserer kleinen Familie ein normales Leben bestreiten könnten. Jeden Gott verdammten Morgen und Abend verfolgt mich dieses Bild. Jeden Tag, bevor ich hierherkommen verabschiede ich mich vor dem Tor davon, um es abends, wenn ich hier fertig bin, dort wieder einzusammeln und mit nach Hause zu nehmen. Vielleicht ist gar nicht die Zufriedenheit der Menschen um mich herum, die mein Plan als Ergebnis haben soll, sondern meine eigene Zufriedenheit. Ja, wahrscheinlich ist es so, es ist ein zutiefst egoistischer Beweggrund. Nur weil ich es selber nicht mehr schaffe, mit meinem Leben zufrieden zu sein, labe ich mich an dem Glück meiner Mitmenschen.«

»Geh nicht so hart mit dir ins Gericht. Du hast hier wirklich etwas wunderschönes aufgebaut. Seh’ es doch positiv, das ist jetzt deine Familie.«

»Ist das so, wenn die Kollegen und die Jugendlichen nach Hause gehen, finden die meisten dort eine funktionierende Familie, ich dagegen gehe zurück in mein Vakuum. Nein, das ist nicht meine Familie, es erfüllt nur einen Zweck, nämlich mich für diese Zeit davon abzuhalten, über mein eigenes Schicksal nachdenken zu müssen.«

»Versteh mich bitte nicht falsch, aber das ist Blödsinn. Warum musst du das so negativ sehen, das Positive ist doch klar zu erkennen. Wenn ich jedes Mal nur alles Schlechte an einer Sache betrachten würde, dann käme ich keinen Schritt weiter«, sagt er und überlegt dann noch einmal darüber nach, was er gesagt hat, »vergiss’ es, ich glaube den Scheiß, den ich da erzähle selber nicht mehr. Entschuldigung!«

Beide erkunden den Nachthimmel. In der klaren Nacht sind die Krater und die Bergrücken des Mondes deutlich zu sehen. Ein blinkender Punkt zieht an den Sternen vorüber und wird dabei vom Zirpen der Grillen begleitet. Ein Auto mit einem viel zu lauten Auspuff wird irgendwo in der Nachbarschaft gestartet. Der Fahrer gibt extra viel Gas, damit der große Motor den Klang seines ganzen Volumens in die Nacht schicken kann und fährt mit quietschenden Reifen davon. Im Licht der Laterne, die direkt an der Mauer des Gartens steht, taucht ein eng umschlungenes Pärchen auf. Nur mit sich selbst beschäftigt, reden sie miteinander und lassen dann die beiden Gestalten wieder im Garten zurück.

»Weißt du, ich wäre froh, wenn ich so nah an mir dran wäre. Ich bin mittlerweile so weit weg von jeglichem Sinn, dass ich den täglichen Trott nur noch mit meiner geschäftigen Maskerade aufrecht erhalten kann«, sagt der kleine Bruder.

Eine Sirene durchschneidet die friedliche Dunkelheit, während die beiden sich eine weitere Zigarette anzünden. Wie zwei Leuchtkäfer schweben die glühenden Enden durch die Nacht.

»Ich hol uns etwas zu trinken aus dem Büro«, sagt der große Bruder und geht durch die Gartentür ins Haus. Kurze Zeit später kommt er mit zwei Bierflaschen zurück und gibt eine davon seinem Bruder. Sie prosten sich zu und trinken dann einen Schluck aus der Flasche.

»Wenn ich in die glücklichen Augen der Kinder schaue, sehe ich immer Ann vor mir stehen. Auch wenn die Vorstellung wehtut, macht mich das glücklich. Für diesen Moment tue ich alles. Nachts holt mich dann die Realität wieder zurück, dann sehe ich sie in ihrem kleinen Krankenhausbett liegen und wie ihr der Lebenswillen entflieht. Gott verdammte Scheiße, warum musste uns das passieren. Diese Frage stelle ich mir jeden Tag«, verzweifelt sucht er den Augenkontakt zu seinem Bruder, »verstehst du, jeden Tag!«

»Ich kann versuchen, es zu verstehen, aber Nachfühlen fällt mir schwer. Bei mir lief alles immer relativ geschmeidig. Ich hab’ mir bisher nicht so viele Gedanken darüber gemacht, was heute sein könnte, wenn dies oder jenes nicht eingetreten wäre. Mein Weg war immer klar und deutlich zu erkennen und in der Regel hab’ ich immer das bekommen, was ich mir vorgestellt habe. Vielleicht hatte ich auch einfach Glück.«

»Auf dieses Talent von dir bin ich schon immer neidisch gewesen. Dieses, die Schotten dicht machen und auf Kurs bleiben, das kann ich einfach nicht. Für mich war es schon immer wichtiger, das Ganze zu betrachten. Das wurde mir nach dem Tod von Ann zu meiner täglichen Last. Ich habe keine Erklärung gefunden und das hängt mir nach. Wenn ich alleine bin, bemerke ich immer erst, wie weit die anderen Menschen in Wirklichkeit von mir entfernt sind.«

Der jüngere Bruder schaut zu ihm rüber, erwidert aber nichts, sondern versucht nur, dem Bruder ohne Worte sein Verständnis zum Ausdruck zu bringen. Der große Bruder dreht sich ebenfalls zu ihm hin. Im Licht der Gartenlampe kann der andere die trockenen Tränen erkennen und versucht sie mit einem freundlichen Lächeln aufzufangen.



25.

Der Augenblick verwahrt sich in ihren Herzen. Die jahrelange, gut gepflegte Trennungslinie verwässert und fließt in die stille, dunkle Nacht. Sie ergeben sich dieser unbändigen Kraft und lassen ohne Einschränkung die altbekannte Vertrautheit aus Kindeszeiten wieder zu. Ohne Worte feiern sie die Auferstehung der tief vergrabenen Seelenverwandtschaft. Jeder kramt die alten Bilder aus seinem Langzeitgedächtnis und setzt sie in der Gegenwart wieder zu einer Collage zusammen. All die verschollenen und eingesperrten Kindheitserinnerungen, die eingefroren brachlagen, tauen auf und füllen die Lücken in ihren Herzen. Jeder nimmt die Puzzleteile in seine Seelenhände und betrachtet sie willenslos. Jeglicher Widerstand, der bisher die Trennungslinie definierte, ist aufgegeben und hat sich in die absolute Bereitschaft zur Offenheit umgewandelt. Die Welt steht für die beiden still. Jeder für sich und trotzdem vereint, tragen sie die ihnen gegenseitig beigefügten Wunden zu Grabe und bejubeln das Geschenk. Dem Groll der Einsamkeit endlich entkommen, möchte keiner mehr von den beiden in seine vorherige Lebenswelt zurück.

Die krampfhaft verhärteten und trockenen Tränen des Bruders haben keine Chance mehr gegen die echten Tränen seiner Erinnerung. Ein tiefes Schluchzen findet seinen Weg an die Oberfläche und entwickelt sich langsam zu einem Fluss. Jedes Ventil öffnet die Schleusen und der Frust, der Schmerz und die mentale Verhärtung überfallen den Gegenüber mit ihrer Intensität. All der aufgestaute Kummer der letzten Jahre, der Verlust seiner Tochter, die letzten Sekunden ihres Lebens, während sie in seinen Armen lag, die unzähligen zerbrochenen Momente mit Hanna und die Einsamkeit mit diesen Erinnerungen, entweicht in wenigen Minuten aus ihm, als hätte er nur auf diesen Augenblick gewartet.

Sein kleiner Bruder braucht keine Erklärung, denn er fühlt dieses Öffnen ebenfalls. Der Schmerz überträgt sich direkt auf ihn. Die körperliche Präsenz der Traurigkeit seines Bruders verhindert jegliche Tür, durch die er fliehen könnte, konfrontiert mit dem Innenleben des anderen, rekapituliert er das Telefonat, das er mit ihm geführt hatte, nachdem Ann gestorben war und realisiert seine Scham und die Unfähigkeit zur Empathie. Kampflos ergibt er sich seinen Gefühlen und vernimmt die Stimme der eigenen Trauer. Auch er beginnt zu weinen.

Der tränenreiche Ausbruch der beiden verebbt mit der Zeit und die warme Nacht klärt dessen letzte Wellen.

Die beiden Brüder schauen sich an und beginnen laut und herzlich zu lachen. Die befreiende Wirkung des Zusammenbruchs legt sich heilend über ihre alten Wunden. Beide prosten sich zu und trinken einen Schluck aus der Flasche.

»Das hat gut getan, das will schon lange raus. Das hing wie ein Pfropfen in meinem Hals. Das haben wir schon viel zu lange vor uns hergeschoben!«

»Ja«, pflichtet der jüngere bei, »das hat gut getan!«

Mit dieser Erkenntnis geschultert bleiben sie noch eine Weile sitzen und trinken ihr Bier leer.

»Lass uns die Flaschen aufräumen und dann im Haus alles fertig machen.«

»Gut, lass uns gehen.«

»Ich muss dann noch kurz nach Hause.«

»Kein Problem«, er folgt dem Bruder durch die Gartentür der Kantine ins Haus. Dort stellen sie die leeren Flaschen in die Kiste für Leergut, verriegeln die Fenster sowie die Tür, und lassen dann die Rollläden herunter. Beim Rausgehen schaltet der große Bruder das Licht in der Kantine aus und schließt dann, als sie im Flur des Parterre stehen, die Schiebetür ab. Der alte Dielenboden knarzt, als sie zur Treppe gehen. Die Lebendigkeit und der Lärm, die im Haus am Nachmittag noch geherrscht haben, sind eingetauscht gegen die leisen Schritte der beiden Brüder. Sie fangen im zweiten Stock damit an, jeden Raum zu prüfen und machen dann im ersten Stock weiter.

Das Büro hat durch die fehlenden Leute, scheint es dem kleinen Bruder, an Größe gewonnen. Er setzt sich auf einen Stuhl, während sein Bruder zu seinem Spind geht und nachschaut, ob er noch etwas vergessen hat. Bevor er die Tür am Haupteingang zuschließt, entfernt der große Bruder sich einige Schritte und kontrolliert, ob in einem der oberen Räume noch ein Licht brennt. Er schließt ab und sie gehen dann gemeinsam zum Auto.

Als sie im Wagen sitzen, dreht der große Bruder den Zündschlüssel. Nach einigen Zündvorgängen geht der Motor jedoch wieder aus. Nach mehrmaligen Versuchen schlägt der Bruder auf das Lenkrad und verflucht seinen Wagen, »Nicht schon wieder«, und versucht es ohne Glück nochmals, »kannst du bitte anschieben, sonst müssen wir zu Fuß weitergehen.

Der kleine Bruder steigt aus und begibt sich zur Hinterseite des Autos, »sag, wenn ich losschieben soll!«

»Einen Moment«, er nimmt den Gang raus und ruft dem Bruder zu, »so, jetzt kannst du schieben.

Dieser setzt seine Hände auf den unteren Teil des Kofferraumes und beginnt mit dem Anschieben. Der große Bruder lenkt auf die Straße ein, wartet bis der Wagen genug Geschwindigkeit erreicht, drückt die Kupplung und legt dann den ersten Gang ein. Bereits schwitzend schiebt der kleine Bruder weiter. Der Wagen macht einen kleinen Hopser und bleibt dann stehen.

»Noch mal, bitte!«

Die ungewohnte Anstrengung treibt den Schweiß aus allen Poren und er setzt das Schieben, nachdem der Bruder sein OK gibt, fort. Beim zweiten Versuch springt der Motor an. Er geht zur Beifahrertür, öffnet sie und setzt sich dann hinein.

 
 
 

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