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4. Lorenz & Paul - Das Haus oder Tagebuch einer Unglücklichen

  • privat8773
  • 12. Nov. 2025
  • 14 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19. Dez. 2025

Kurzer Hinweis zur Entstehung des Textes. Ihr lest hier die Erstfassung, d.h.zuerst schreibe ich mit Füller eine Art Vorlage in mein Notizbuch und versuche damit, in einem ersten Schritt, meiner dilettantischen Schreibkraft Herr zu werden. In einem zweiten Schritt extrahiere ich diese Skizze und übertrage sie auf meinen Rechner. Das Ergebnis dieser ersten Reinschrift könnt ihr hier lesen. Warum gehe ich so vor und mute euch das zu. Ganz einfach, wenn ich nach hinten schaue, verliere ich vielleicht den imaginären Bezug zur Geschichte. Erst wenn die Geschichte fertig ist, werde ich ich den Mut aufbringen, sie in ihrer Gänze noch einmal zu lesen.

Vater

26.

Die Schwüle des Tages hat sich im Wagen eingenistet. Die Lüftung quält sich immer noch auf höchster Stufe und lärmt ohrenbetäubend vor sich hin. Der große Bruder schaltet sie ab und beide kurbeln ihr Fenster herunter. Die warme Luft beginnt, mit dem frisch einströmenden Fahrtwind zu diffundieren.

Nach einigen Kilometern erreichen sie das Villenviertel. Wenn die Abgrenzung des Geländes nicht zu hoch ist, können sie die kleinen Parkanlagen, die teilweise das Haus umgeben, einsehen. Manchen sieht man ihr Alter an, andere sind mondän renoviert oder ihre Eigentümer haben augenscheinlich Kinder, da die Gärten zu kleinen Spielanlagen umfunktioniert sind.

»Mich hat es schon damals gewundert…«, sagt der kleine Bruder und überlegt, während sie langsam die Straße entlangfahren.

»Was hat dich gewundert?«, der große Bruder schaut ihn fragend an.

»Naja, ich weiß nicht, wie es heute ist, aber ich kann mich nicht erinnern, es hätte sich irgendjemand zu meiner Zeit von den Anwohnern je beschwert…«

»Ich weiß, in den Siebzigern war es schick, soziale Projekte zu unterstützen, aber in den  Neunzigern ist die Situation eskaliert, weil die Jugendlichen betrunken Radau in der Gegend gemacht haben und öfter die Polizei gerufen wurde. Aber weil es jetzt ruhiger bei uns geworden ist, schicken sie sogar ihre eigenen Kinder zu uns.«

Der Wagen fährt an den letzten Villen vorbei und biegt dann wieder auf die Hauptstraße ab.

»Ist bestimmt auch manchmal von Vorteil, oder?«

»Wie meinst du das?«

Das Hallenbad und die Sportarena ziehen an ihnen vorüber und sie erreichen das Kneipenviertel des Stadtteils.

»Komm, geb zu, die Gegend wirft auch für euch was ab!«

»Ach, das meinst du, klar, es macht manches einfacher, das ist nicht von der Hand zu weisen.«

»Dir ist schon klar, warum die Leute in solchen Häusern leben können.«

»Ja, aber es kommen ja nicht nur Kinder aus reichen Elternhäusern zu uns. Es ist eine bunte Mischung. Beide können ihren Vorteil daraus ziehen.«

Der kleine Bruder streckt seine Hand aus dem Fenster, um den Fahrtwind auf seinen Fingerspitzen spüren zu können und beobachtet eine Frau, die den Gehweg entlangläuft, während er weiterredet, »aber ohne den Hintergrund würde es nicht so gut laufen. Andere Einrichtungen haben’s da bestimmt nicht so einfach!«

»Stimmt, ein gewisser Einfluss ist nicht abzustreiten.«

An den Kneipen und Restaurants sind die Tische im Außenbereich alle besetzt. Es herrscht ein reges Stimmengewirr, manchmal lacht jemand oder erhebt die Stimme.   

»Schau an, ganz ohne den Zuspruch des Profits geht es dann doch nicht.

»Hab’ ich auch nicht behauptet!«

»Es hat sich aber so angehört, als wärt ihr autark. Das bekommt dann schon einen Beigeschmack. Es ist ja nicht nur das Geld, sondern auch der bildungsnahe Hintergrund.«

Die Straßen sind jetzt belebt. Der Bruder fährt langsamer und lässt zwei Betrunkenen über die Straße laufen. An manchen Kneipen stehen die Leute bis auf die Straße.

»So hab’ ich das nicht gemeint.«

»Aber nach deinem langen Vortrag zu urteilen, hast du dich als den Gutmensch dargestellt und behauptest, dir sei der Profit nicht wichtig, sondern nur der Mensch.«

»Das ist ja auch der Fall.«

Sie nähern sich einem Pulk von Menschen und sehen, als sie daran vorüberfahren, wie sich zwei junge Männer im Innenkreis stehen und sich prügeln. Anstatt zu versuchen, sie auseinanderzubringen, jubeln die Zuschauer den beiden Gladiatoren zu.

»Entschuldigung, aber du bist kein bisschen besser, du hast dich genauso vom Profit abhängig gemacht.«

»Jetzt hör aber mal auf, das ist nicht wahr. Ja, wir sind froh, wenn es einmal eine Spende gibt, das ist aber nicht viel. In der Regel müssen wir jeden Cent umdrehen. Die Stadt wird immer knausriger, da sind wir über jeden zusätzlichen Euro froh.«

»Es geht mir ja nicht um den Widerspruch als solches, es geht mir darum, wie du es dargestellt hast. Weißt du, früher hat mich das immer auf die Palme gebracht, wenn du mit diesem Gutmenschding angefangen hast. Immer mit erhobenen Zeigefinger den anderen sagen wollen, was sie falsch machen. Das mein ich, verstehst du. Auch du sitzt im goldenen Käfig.«

Der andere überlegt und erwidert dann, »ich gebe es zu, vielleicht hab’ ich vorher etwas übertrieben«, nimmt sich eine Zigarette und zündet sie an, »ich war halt etwas euphorisch, weil du, nicht wie gewohnt, widersprochen hast.«

»Alles gut, ist mir nur aufgefallen. Das wollte ich eben loswerden.«

Sie erreichen das Einkaufsviertel der Stadt. Die meisten Läden sind geschlossen, weshalb nur noch wenige Menschen sich auf die Straße verirrt haben. Die sonst am Tag überfüllten weiträumigen Gehwege sind wie leergefegt. Eine Straßenkehrmaschine putzt den Dreck des Tages auf. Eine kleine Gruppe von Menschen verlässt durch den Seitengang des Kaufhauses das Gebäude und läuft dann Richtung Kneipenviertel. Die Stadt hat sich für die Nacht bereit gemacht.

»Es tut mir leid, wenn ich vorher arrogant rüberkam. Die Arbeit mit den Jugendlichen ist manchmal der einzige Grund, warum ich nicht ganz abtauche.«

»Wie schon gesagt, alles gut, mach dir keinen Kopf. Ich wollte es nur loswerden. Mach dir keine Sorgen. Vielleicht hast du ja jetzt Lust, bei mir anzufangen,« und grinst ihn vielsagend an.


27.

Die lautlosen Häuserschluchten der Innenstadt betäuben die Sinne. Die steil aufragenden Hochhausfassaden kanalisieren den Blick. Jeder der beiden ist auf sich fokussiert und nur die Straßenlaternen werfen ihr Licht auf den künstlichen Betonschlund. Durch die offenen Wagenfenster dringt der Widerhall des Motors in den Innenraum des Wagens. Völlig eingenommen von dem monotonen Geräusch des Wagens und dem zementierten Ausblick, fliehen sie durch die Nacht. Nur die unterschiedlichen Stirnseiten der Hochhäuser bieten Abwechslung in der sonst eintönigen Umgebung.

Der kleine Bruder nimmt eine bequemere Haltung ein und legt dann seine Füße wieder hoch. Keiner der beiden möchte die Lautlosigkeit stören. Die Hifi-Box auf der Rückbank lockt sie nicht aus ihren Gedanken, denn keiner der beiden hat Lust, jetzt Musik zu hören. Nur auf die Straße konzentriert, steuert der große Bruder den Wagen durch den eintönig dunkelgrauen Tunnel.

Der gelbe Vollmond wacht am Ende der Straße über ihre Fahrt. Außer den aus dem Boden ragenden, gleichmäßig auf dem Gehweg verlaufenden und etwas mit Gras umrandeten Bäumen, weißen keine anderen Indizien auf die Existenz von natürlichem Leben. Die geräuschlose Enge der Straße verwischt mit ihrer klaren, leblosen Pracht jegliche Lust. Der vor ihnen liegende fahle Kanal katapultiert die beiden weg vom Geschehen. Jeder ist bei sich und keiner macht Anstalten, den Moment mit Reden zu bombardieren.

Nach einigen hundert Metern entdecken sie an einem weit ausladenden Häusereingang mehrere, in Schlafsäcke eingewickelte Obdachlose, die dort ihr Nachtquartier aufgeschlagen haben. Der große Bruder bremst abrupt und lenkt den Wagen an den Bordstein.

»Hast du Bargeld dabei?«

Sein Bruder schaut ihn irritiert an, »Weiß nicht, muss ich nachscheuen«, drückt sein Unterleib etwas nach oben und holt umständlich seinen kreditkartengroßen Geldbeutel aus einer der hautengen vorderen Hosentaschen. Er klappt ihn auf, prüft den Inhalt und zeigt dem Bruder den zusammengefalteten Fünfzig-Euro-Schein.

»Das muss reichen«, greift hinüber und zieht den Geldschein heraus.

»Was hast du vor?«

»Wirst du gleich sehen, komm einfach mit!«, öffnet die Wagentür, steigt aus und geht zu den, wie Kokons wirkenden Schlafsäcken. Als er vor ihnen steht, beginnt sich einer davon zu entpuppen, richtet sich etwas auf und ein verwahrlostes, beanspruchtes Gesicht kommt zum Vorschein.

Immer noch konfus von dem Aktionismus seines Bruders, öffnet der kleine Bruder ebenfalls seine Wagentür und folgt dem anderen. Als er dort ankommt, hat dieser bereits mit dem Mann ein Gespräch angefangen.

»Na, wie geht’s?«, fragt der Bruder.

»Was wollt ihr von uns?«, antwortet das von der Schlafsackhaube umhüllte Gesicht.

»Ich hab’ euch vom Wagen aus gesehen«, holt den Schein aus der Tasche und legt ihn dem Mann hin.

Der Mann schaut ihn freundlich an, »danke Mann, wir haben den ganzen Tag noch nichts gegessen«, entwirrt sich aus dem Schlafsack und weckt die anderen auf, »he Leute, schaut mal«, und zeigt den aufwachenden Mitstreitern den Schein.

Drei eingemummte verdutzte Gesichter schauen zuerst auf den Schein und dann die beiden Brüder an. Sie sagen nichts, bedanken sich jedoch mit einem freundlichen Gesicht.

»Du hast uns den Abend gerettet«, jubelt der Mann mit dem Geldschein, nimmt eine halbvolle Flasche billigen Rotwein, die hinter ihm an der Wand steht, und bietet den beiden einen Schluck davon an, »mehr haben wir nicht!«

Der große Bruder nimmt die Flasche, trinkt einen Schluck und reicht sie seinem Bruder weiter.

»Nein, danke«, die Männer schauen ihn enttäuscht an.

»Los, nehm einen Schluck!«

Widerwillig akzeptiert er die Forderung, trinkt einen Schluck und reicht sie dann wieder zurück. Die Männer lächeln.

»Echt vielen Dank, du bist unsere Rettung.«

»Aber nicht nur für Alkohol, versprecht mir das.«

»Nein, versprochen«, entgegnen sie.

»Also macht’s gut, wir müssen weiter«, gibt dem vom Schlafsack befreiten Mann die Hand, dreht sich zu seinem kleinen Bruder, zwinkert ihm zu und läuft dann zurück zum Auto.

»Ja, tschüß dann, macht’s gut«, immer noch konsterniert von der Aktion, verabschiedet er sich ohne Handschlag und schließt sich seinem Bruder an.

»Das wünschen wir euch auch«, rufen die Männer ihnen hinterher.

Beim Auto wieder angekommen schaut ihn sein Bruder, an seiner Wagentür stehend, über das Dach hinweg, grinsend an.


28.

Wieder im Auto startet der Bruder den Motor. Sein Grinsen hat sich immer noch nicht verflüchtigt. Er betätigt die Kupplung, schiebt den Ganghebel auf eins und setzt den Wagen in Bewegung, in dem er langsam Gas gibt und dabei sachte den Fuß von der Kupplung nimmt. Die Mechanik greift fehlerlos und der Wagen nimmt wieder seine Fahrt auf.

Obwohl er etwas sagen möchte, fehlen seinem Beifahrer die Worte. Der ganze Tag widerspricht seinen normalen Gepflogenheiten. Gepaart mit dem Impuls des Ekels vor der Weinflasche, die ihm sein Bruder gereicht hatte, vor diesen Männern und ihren Lebensumständen, wühlt ihn seine Verfassung auf. Er spürt den Drang, sich waschen zu müssen. Der Bruder lächelt unverändert zufrieden vor sich hin. Fassungslos über sein eigenes Tun, vernimmt der kleine Bruder, wie der andere mit Summen beginnt. Die Begegnung mit seinem Ekel bohrt ein Loch in sein Gemüt.

Der Singsang seines Bruders verstummt kurz, als sie an eine Kreuzung kommen, auf der wieder mehr Verkehr herrscht, setzt aber sofort, sobald die Fahrt mit angepasster Geschwindigkeit weitergeht, wieder ein.

Die Ziellosigkeit der Situation schränkt den kleinen Bruder ein und das Summen hämmert jetzt noch stärker auf ihn ein. Der innere Widerspruch treibt ihn in sein kaltes Ratio. Doch das wird vom vorangegangenen Impuls des Ekels weiter befeuert und rückt dadurch die Angst vor dem Kontrollverlust unverändert ins Bewusstsein. Am liebsten würde er jetzt die Beifahrertür öffnen und durch einen gewagten Sprung aus dem Wagen flüchten. Unter anderen Umständen würde er es tatsächlich in Betracht ziehen, damit er nicht mehr diesem selbstzufriedenen Summen und dem Kontrollverlust ausgesetzt sein muss. Aber der gestrige und heutige Tag hat etwas in ihm verändert. Sein innerer Kompass ist zerstört. Die geballte Ladung seiner Inkonsequenz und dieses, sich der Situation zu ergeben und Entscheidungen anhand eines Gefühls zu treffen, widerspricht vollkommen seiner normalen Vorgehensweise, dem Abwägen und Analysieren, um dann den logischsten Weg einzuschreiten.

Die Melodie, die sein Bruder jetzt nach summt, erkennt er sofort. Es ist Supertramp und er hasst Supertramp. Aber er wagt es nicht, etwas zu äußern, da er den Frieden, der sich zwischen ihnen eingeschlichen hat, in diesem Moment mehr braucht, als jemals zuvor. Die innere Schranke verweist ihn auf seinen Platz. Er versucht wieder ruhig und Herr der Lage zu werden, doch die verschobene Realität liefert keine brauchbaren Antworten, die ihm diese Ruhe für kurze Zeit zurückgeben könnten.

Endlich hat der Bruder mit dem Summen aufgehört, schaltet einen Gang tiefer und lässt dann den Wagen an die nächste Abzweigung heranholen. Währenddessen beugt er sich zum Handschuhfach, zieht eine CD heraus, drückt die Auswurftaste der Anlage und wechselt sie dann gegen die andere CD aus. Von der Hinterbank beginnen es tiefe Reggae-Bässe zu regnen und die Vibration der Boxenmembran ist bis nach vorne zu spüren.

Er beobachtet ihn dabei und als die Musik einsetzt, bemerkt er die beruhigende Wirkung des sanften Rhythmus. Seine innere Unruhe nimmt den Takt auf und schwingt sich auf die Basswellen. Das Gleichmaß ebnet jede Kante und Ecke, die vorher den Ekel ausgelöst haben. Die Fragen von davor verlieren an Schwere und schweben wie Federn auf den watteweichen Seelengrund.

Sein Bruder beschleunigt den Wagen und der stärker werdende Fahrtwind glättet die restlichen Unebenheiten auf seinem Gemüt. Er versteht zwar immer noch nicht, wohin die Reise ihn führen wird, aber es fühlt sich jetzt besser an. Das, was ihm wie eine bröckelnde Fassade vorkam, erscheint ihm jetzt wie ein Kinderrätsel und er lässt sich uneingeschränkt darauf ein. Die kalte Intensität verbat ihm vor dem Einetzen der Musik, die Risse bis an ihren Ursprung zu verfolgen. In ihrem Rhythmus vereinfacht sich sein Blick auf die inneren Trümmer.

Egal welche Frage in jetzt zur Konfrontation auffordert, so stellt er erstaunt fest, finden sie ihren Ursprung immer in seiner Mutter. Erschreckt von der Einfachheit seiner Feststellung, kommt immer nur eine Antwort in Frage, er hat immer nur versucht, ihr zu gefallen. Ihr Lächeln war ihm immer schon wichtiger als seine eigene Definition von Freude. Sie ist die Triebfeder seines Tuns. Deshalb steht er jetzt nackt vor sich und kennt seinen Weg nicht mehr. Es fällt ihm wie Schuppen von den Augen. Die Entfernung von seinem Bruder sind die Schritte auf sie zu, die eingestanzte Gefallsucht gegenüber ihr. Jetzt bedeutet jeder Schritt, der ihm den Bruder näher bringt, dass er sich von ihr entfernt. Nicht er verliert die Kontrolle, sondern sie verliert die Kontrolle über ihn.

»Scheiße, man!«

Der große Bruder schaut ihn fragend an, »was ist los?«

»Es geht immer nur um sie!«

»Um wen?«

»Na, um Mutter!«

»Ach so.«

»Irgendwie habe ich das Gefühl, ich reduziere mich immer nur auf ihre Zustimmung.«

»Sie hat halt einen einnehmenden Charakter!«

»Ich mein nicht, wenn Mutter und ich uns sehen. Alles, meine ich. Je näher wir beide uns wiederkommen, wird mir immer mehr klar, wie weit ich von mir selbst entfernt bin und ich eigentlich nur ein Abziehbild von Mutters Erwartungen bin.«

»Da könnte was dran sein, aber übertreibst da nicht ein wenig!«, beschwichtigt der Bruder.

»Ich mein das im Abstrakten. Natürlich bin ich selber dafür verantwortlich, was ich tue.«

»Sei doch einfach froh, ich bin’s auf jeden Fall.«

»Ich überlege gerade, ob ich nicht auch mal bei Vater anrufe.«

»Klar, mach das, der freut sich bestimmt.«

»Was wird er wohl sagen?«

»Mach dir keine Sorgen, der beißt nicht.«

»Ich komm mir wie ein kleines Kind vor, das seinen Eltern ein Geständnis machen muss.«

»Wirklich, das ist echt kein Problem. Moment mal…«, er fährt den Wagen zur Seite und holt, als der Wagen vollkommen zum Stehen gekommen ist, sein Telefon hervor, »ich gebe dir seine Kontaktdaten. Ruf ihn doch gleich an!«, sucht den Kontakt des Vaters heraus und sendet ihn seinem Bruder.

Das Telefon des anderen vibriert. Umständlich holt er sein Telefon aus der Hosentasche, öffnet den Sperrbildschirm und dann den zugesendeten Kontakt. Wartet kurz und lässt dann die Nummer des Vaters wählen.

Am anderen Ende der Leitung nimmt jemand das Gespräch entgegen. Er hört eine Männerstimme sagen: »Guten Tag.«

Wartet wieder kurz und erwidert: »Hallo Vater.«


29.

»Arnold, ja bitte?«

»Hallo Vater«, wiederholt er.

»Paul, bist du das?«

»Ja, Vater, ich bin’s«

Es wird für einen Moment still, keiner von beiden weiß, was er jetzt sagen soll.

»Bist du es wirklich?«

»Ja, ich bin’s«

»Mein Gott…«, dann wird es wieder still, im Hintergrund fragt eine Frauenstimme, wer denn am Apparat sei.

»Du wirst es nicht glauben«, ruft der Vater, »es ist Paul«

Paul kann Schritte durch das Telefon hören und dann die Frauenstimme sagen hören, »das ist aber schön«

»Von wo rufst denn an, mein Junge?«

»Ich sitze hier neben Lorenz im Auto. Wir verbringen schon den ganzen Tag zusammen«

»Hat er von seinem Besuch bei mir erzählt?«

»Das hat er«

»Meine Güte, was für eine Überraschung. Sag Lorenz bitte einen Gruß von mir!«

»Mach ich. Vater, bitte wundere dich nicht. Ich weiß, wir haben uns schon sehr lang nicht mehr miteinander unterhalten. Irgendwie hatte ich gerade eben den Gedanken, mich mal wieder bei dir zu melden«

»Das ist wirklich sehr schön. Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich mich freue.«

»Eigentlich wollte ich nur anrufen, um dich zu fragen, ob wir uns, vorausgesetzt, du möchtest das überhaupt, einmal treffen. Ginge das?«

»Klar geht das.«

»Es wäre auch nur kurz..«

Der Vater unterbricht in, »Mach dir keinen Kopf. Kommt doch einfach beide zu mir. Inge freut sich auch schon, euch beide kennenlernen zu dürfen.«

»Wäre es in Ordnung«, er schaut zu Lorenz, während er weiterredet, »wenn wir heute noch vorbeikommen?«, und sieht wie sein Bruder zustimmend nickt.

»Hör zu, ihr könnt immer kommen, wann ihr wollt. Wir haben hier ein extra Gästezimmer, da steht ein altes Doppelbett drin. Kommt einfach.«

»Wirklich, machen wir dir keine Umstände.«

»Kommt einfach, wenn ihr wollt, meine Türen sind immer offen für euch.«

»Gut, sein Bruder nickt nochmals, »dann fahren wir demnächst los. Wir müssen nur noch bei Lorenz in der Wohnung vorbeikommen.«

»Super, sollen wir euch etwas zu essen machen?«

»Gerne«, sagt er und fügt hinzu, »Vater, es ist schön, mit ihm zu sprechen.«

»Ja, mein Junge, es ist schön, bis später«, während Paul das Telefon vom Ohr wegnimmt, hört er die Frauenstimme noch einmal und wie sie liebevoll zu seinem Vater sagt, »was für eine schöne Überraschung.«

Er schaut noch eine Weile das Telefon an und sagt dann, »ich kann es nicht fassen, ich hab’s getan. Es war, als hätten wir uns erst gestern, das letzte Mal gesehen«, dreht sich zu seinem Bruder, »danke Lorenz, ohne dich hätte ich das nicht gemacht, es ist das Beste, was mir seit langem zugestoßen ist« und lächelt.

»Hab ich dir zu viel versprochen. Ich sagte dir doch, er würde sich freuen«, und setzt hinzu, »komm, wir fahren kurz zu mir und danach kann’s gleich losgehen. Nur noch eine Sache.«

»Was?«

»Ruf bitte Mutter an, sie wartet vielleicht schon auf uns und sag, es würde uns nicht mehr reichen, wir kämen morgen, im Laufe des Tages bei ihr vorbei.«

»Mach ich gleich«, öffnet den Sperrbildschirm und tippt freudig die Nummer der Mutter ein, »soll ich ihr sagen, wohin wir gehen«, erntet aber sofort Stirnrunzeln von seinem Bruder.

»Ist das dein Ernst? Nachdem, was du vorher erzählt hast, so wird das ganz sicher nichts. Nein, du erzählst ihr nichts, lass den Blödsinn!«

Paul hört, wie es am anderen Ende anfängt zu klingeln und verdeckt mit der linken Hand das Telefon, »war nur ein Gedanke, du hast recht.«

Es klingelt immer noch, als er die Hand wieder wegnimmt. Anstatt seiner Mutter meldet sich nach einiger Zeit der Anrufbeantworter, der ihn dazu auffordert, eine Nachricht zu hinterlassen.

»Hallo Mum, ich bin’s, ich wollte nur sagen, wir schaffen es heute nicht mehr, morgen aber ganz sicher!«, und beendet das Telefonat.

»So ist’s gut, sie wird es auch ohne uns heute Abend hinbekommen«, und legt den dritten Gang ein. Der Wagen wird schneller und der stärkere Fahrtwind überflutet das Wageninnere mit kühler Luft.

Paul schiebt sein Telefon wieder umständlich in die Hosentasche und fragt, »Kann ich von dir etwas anderes zum Anziehen bekommen?«

»Klar, kein Problem!«

Während beide andächtig mit den Ereignissen beschäftigt sind, schaut Paul zufrieden aus dem Beifahrerfenster. Bevor er seine Füße wieder auf das Armaturenbrett legt, beugt er sich zum Handschuhfach hinunter, holt eine Cd heraus und wechselt sie dann aus.

»Was hast du rausgesucht?«

»Lass dich überraschen!«

Ungeduldig wartet der Bruder auf den Anfang des ersten Songs und erkennt sofort »Atom Heart Mother«, von Pink Floyd, als die Musik einsetzt, »gute Wahl!«.

Sie verlassen das Zentrum, indem sie auf den Stadtring fahren. Lorenz beschleunigt den Wagen und wechselt, sobald er den Einfahrtsstreifen verlassen hat, auf die linke Spur. Die Straße ist leer, da die meisten Pendler bereits ihren Heimathafen erreicht haben, weshalb sie mit konstanter Geschwindigkeit weiterfahren können. Nur noch vereinzelte Fahrer haben sich auf die Schnellstraße verirrt. Da die Stadt in den Anfängen des Autobooms schnelle Lösungen benötigt hat, ist ein Großteil des Stadtrings auf Betonpfeilern gebaut. Jedes Mal, wenn sie über ein Verbindungsstück der einzelnen Brückenteile fahren, machen die Reifen ein eintöniges Geräusch. Der wiederkehrende Takt begleitet sie hinaus in die Randbezirke.

Paul kann von seinem Fenster aus das Kraftwerk und das große Ikea-Logo entdecken. Der Turm der Stadtkirche ragt einsam aus der Altstadt heraus. Auf halber Höhe kann er die Lichter eines Flugzeuges ausmachen, das gerade zur Landung auf der Flughafenlandebahn ansetzt. Etwas weiter in der Ferne kämpfen die hell erleuchteten Logos von McDonald’s und Burger King darum, wer die größte Aufmerksamkeit ergattern kann. Vor ihnen breitet sich sich die Lichterkrone der gesamten Stadt aus und es sind bereits die ersten Hochhäuser zu sehen, in denen Lorenz sich vor Jahren eine Wohnung gekauft hat.

An der nächsten Ausfahrt verlassen sie den Stadtring und tauchen wieder hinab in die Stadt. In der Hochhaussiedlung angekommen, wird Paul erst die Dimension der buntbemalten Betonklötze bewusst. Nach dem zweiten Hochhaus biegt sein Bruder in eine Garagenzufahrt ein. Am Tor angekommen, sucht er seinen Schlüsselbund in seinen Hosentaschen und schließt, als er ihn gefunden hat, das Tor mit einem der Schlüssel, an dem dafür vorgesehen Toröffner, auf. Das Rolltor quält sich langsam hoch. Die Ampel wechselt auf Grün und Lorenz fährt den Wagen in den Bauch des zwanzigstöckigen Gebäudes hinein. Am Parkplatz angekommen, macht er den Motor aus und dreht sich zu Paul, »es dauert wirklich nicht lang, komm doch einfach kurz mit«.

 
 
 

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