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5. Claude - Das Haus oder Tagebuch einer Unglücklichen

  • privat8773
  • 12. Nov. 2025
  • 15 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19. Dez. 2025

Kurzer Hinweis zur Entstehung des Textes. Ihr lest hier die Erstfassung, d.h.zuerst schreibe ich mit Füller eine Art Vorlage in mein Notizbuch und versuche damit, in einem ersten Schritt, meiner dilettantischen Schreibkraft Herr zu werden. In einem zweiten Schritt extrahiere ich diese Skizze und übertrage sie auf meinen Rechner. Das Ergebnis dieser ersten Reinschrift könnt ihr hier lesen. Warum gehe ich so vor und mute euch das zu. Ganz einfach, wenn ich nach hinten schaue, verliere ich vielleicht den imaginären Bezug zur Geschichte. Erst wenn die Geschichte fertig ist, werde ich ich den Mut aufbringen, sie in ihrer Gänze noch einmal zu lesen.

Claude

30.

Die Aussage von Lorenz entfacht in Paul wieder den Impuls, den Begebenheiten entfliehen zu wollen. Die Möglichkeit, mit einer ihm unbekannten Wahrheit seines Bruders konfrontiert zu werden, hemmt ihn, denn er hat Angst, mit der Wohnung, eine Lebenswelt gezeigt zu bekommen, die ihm vielleicht nicht gefallen wird. Es ist einfach nicht seine Art, in die Privatsphäre seiner Mitmenschen einzudringen, denn dieser Schritt bedeutet auch immer, so glaubt er, mehr undefinierbare Verantwortung gegenüber diesen Menschen übernehmen zu müssen.

»Kommst du?«, Lorenz steigt aus dem Wagen und dreht sich zu dem erstarrt wirkenden Bruder um, »oder soll ich dir die Klamotten mitbringen? Dann müsstest du dich aber auch hier unten umziehen!«

Die Angst klebt noch an Paul und er denkt kurz darüber nach, ob er seinem Bruder zutrauen kann, dass dieser das richtige Outfit für ihn finden wird. Er wägt zwischen beiden Optionen ab und entscheidet sich gegen die Angst vor der Wohnung des Bruders, denn der Tag mit der geborgten und viel zu engen Hose hat ihm gereicht. »Ich komm ja schon«, macht die Tür auf und steigt aus dem Wagen.

Die schwüle Luft, die von außen in die Tiefgarage dringt, ändert unter den kühleren Bedingungen sofort ihren Aggregatzustand. Beim ersten Schritt aus dem Wagen legt sich ein leichter Wasserfilm auf Paul’s Haut ab. Ein Geruch aus Moder und Abgasen befällt seine Sinne. An den Wänden erstrecken sich große Kalkflecken, die an Abbildungen von Landkarten erinnern. Ein überforderter und viel zu schmaler Lüftungsschacht versucht, den klimatischen Bedingungen Herr zu werden. Die dominante Rolle des Raumes ist durch die in Reih und Glied geparkten Autos ersichtlich.

Lorenz öffnet den Kofferraum und holt die von der Arbeit mitgebrachte Laptop-Tasche heraus. Paul sieht das Chaos im Kofferraum und wird an seine Befürchtung, er könne in der Wohnung eine Lebenswelt des Bruders sehen, deren Entdeckung es eigentlich zu vermeiden gilt, erinnert. Sein Bruder macht den Kofferraum wieder zu und schlendert dann, mit der Tasche unter Arm, zur Tür, die ins Treppenhaus des Gebäudes führt. Er schiebt sie auf und wartet, während er sie offen hält, bis Paul an ihm vorbeigeht. Der Boden im dahinterliegenden Flur und Treppenhaus ist mit weißen Marmorimitaten gefliest. Der Aufzug hat schon bessere Zeiten erlebt. Die vielen Umzüge in den vergangenen Jahrzehnten haben ihre Spuren hinterlassen. Die Tür und der Rahmen haben Kratzer, Dellen und teilweise blättert die Lackierung ab. Die Wände im Flur sind mit unterschiedlichen Streifspuren übersät. An manchen Stellen ist der Mörtel angefressen und hat Löcher von den Kanten oder Ecken sperriger Möbelstücke, die unsanft durchs Treppenhaus geschleppt wurden.

Wieder überkommt Paul der vorherige Impuls, wischt seine Befürchtungen jedoch weg. Lorenz läuft am Aufzug vorbei und in Richtung Treppenhaus weiter.

»Nehmen wir nicht den Aufzug?«

»Das würde ich an deiner Stelle nicht machen, in letzter Zeit ist er öfter stecken geblieben. Vor Kurzem haben Leute einen halben Tag auf Hilfe warten müssen.«

Paul beschaut sich nochmals den Zustand des Aufzuges und folgt dann seinem Bruder ins Treppenhaus.

»In welchem Stockwerk wohnst du nochmal?«

»Fünfzehnter Stock«

»Ist das dein Ernst, du willst jetzt wirklich die ganzen Stockwerke hochlaufen?«

»Es wird uns nichts anderes übrig bleiben. Mit dem Aufzug fahre ich auf keinen Fall.«

»Ich gehe das Risiko ein«, geht zurück zum Aufzug und drückt den Schalter.

Das Gewinde und der Motor beginnen laut zu ächzen, die Kabine wird langsam in die Tiefgarage befördert.

»Gut, wir sehen uns dann hoffentlich oben«, sagt Lorenz und fängt an, die Treppen hochzugehen.

Die Kabine erreicht ihr Ziel und die Aufzugstür geht auf. Im Innern sieht es nicht besser aus als von außen. Der Kasten mit den Aufzugsknöpfen ist aufgebrochen. Jemand hat am Innenleben herumgepfuscht. Das für das notdürftige Schließen des Kastens verwendete Kreppband hat sich gelöst und die Tür wackelt frei umher. Der Lampenschirm der Beleuchtung ist beschädigt und unzählige eingekratzte oder mit Edding verfasste Kommentare an den Innenwänden des Aufzugs zeugen von der Langeweile seiner Benutzer. Der erbärmliche Zustand des Aufzugs erschlägt Paul und er revidiert seine Entscheidung.

»Halt, warte, ich laufe doch mit dir«, ruft er Lorenz hinterher und rennt durch den Flur die Treppen hinauf. Im ersten Stock wartet Lorenz und empfängt ihn schmunzelnd.

»Nicht sehr einladend, ich weiß, die Verwaltung hat es aufgegeben, Reparaturen durchzuführen.«

Das Rennen und die schwüle Luft im Treppenhaus setzen Paul zu. Beim Bruder angelangt, bleibt er stehen und ruht sich dann, mit den Händen auf seine Oberschenkel gestützt, erst einmal aus. Lorenz wartet, bis sein Bruder wieder zu Atem gekommen ist und nimmt dann die vor ihm liegenden Treppenstufen in Angriff.

»Auf geht’s, sonst kommen wir heute nicht mehr an.«

Paul folgt ihm im kurzem Abstand. Mit geübten, gleichmäßigen Schritten weißt Lorenz dem Bruder die Richtung. Im zweiten Stock angekommen, hören sie den Streit eines Ehepaars, im Hintergrund schreit ein kleines Kind um Liebe. Ein Fernseher ist durch’s ganze Treppenhaus zu hören. Zwei oder drei Stockwerke über ihnen wird eine Tür geöffnet und kurz danach kommen ihnen Kinderschritte entgegen.

»Hallo Lorenz«, sagt das Mädchen, als es die beiden erreicht und an ihnen vorbeiläuft.

»Hallo Lilly«, erwidert er.

Eine der drei Wohnungstüren des siebten Stockes ist beschädigt und nur notdürftig repariert. Die beiden können beim Vorbeigehen in die Wohnung einsehen. Auf dem Boden liegen Kleidungsstücke und zerbrochenes Geschirr. In der Küche läuft das Radio. Eine Frau heult und ein Mann redet lautstark auf sie ein.

»Du gottverdammte Hure, was fällt dir ein«, die beiden hören einen dumpfen Schlag und die Frau schreit auf, »ich hab dir gesagt, du sollst dich um die Wohnung kümmern«, und schlägt nochmals zu. Das Schluchzen verstummt für einen Augenblick und fängt dann wieder an, »aber, ich hab doch alles gemacht, was du wolltest!«, widerspricht sie ihm und erhält dafür den nächsten Schlag.

Lorenz rennt zur Tür und brüllt in die Wohnung hinein, »Frau Maier, brauchen sie Hilfe, soll ich die Polizei rufen?«, sie antwortet kaum verständlich, er solle gehen und sie in Ruhe lassen, er mache nur alles noch schlimmer. Lorenz bleibt stehen und ruft dann, »Herr Maier, ich rufe jetzt die Polizei!«.

Sie hören Schritte und können dann Herrn Maier zur Tür kommen sehen. Die Tür geht auf und ein nach Alkohol riechender, nur mit einem Unterhemd bekleideter Mann, steht vor ihnen und keift sie aggressiv an, »ich hab ihnen schon einmal gesagt, das geht sie nichts an«.

Lorenz schiebt den betrunkenen Mann zur Seite und ruft nochmals in die Wohnung, »Frau Maier, soll ich die Polizei rufen?«, bekommt aber nur das Schluchzen der zerbrochenen Frau zu hören.

»He, was soll das«, schreit jetzt der Mann. Ich zeig sie an, wenn sie nicht weitergehen. Hat ihnen das letzte Mal nicht gereicht!«

Unten können sie den Türöffner des Haupteingangs hören. Kurz danach rennen mehrere Menschen das Treppenhaus hoch. Ein Stockwerk tiefer hören sie eine Frauenstimme, »da oben, bitte kümmern sie sich darum!«

Der erste Polizist erreicht das Stockwerk und Herr Maier zeigt auf Lorenz, »ich zeige den Mann wegen Hausfriedensbruch an, ich kenne meine Persönlichkeitsrechte!«

»Was ist hier los«, fragt der Polizist und bemerkt den Schaden an der Tür, »haben sie das gemacht?«

»Nein, das war schon, ich wollte nur der Frau in der Wohnung helfen, der schlägt sie sonst halbtot«, verteidigt sich Lorenz. Paul weiß nicht, wie es ihm geschieht, bestätigt aber trotzdem die Aussage seines Bruders, »ja, das stimmt, wir sind hier zufällig vorbeigekommen und da haben wir mitbekommen, wie der Mann seine Frau verprügelt.«

Der Polizist tritt zwischen Lorenz und Herrn Maier und ruft dann in die Wohnung, »Hallo, ist da noch jemand in der Wohnung«, und erhält in weinender Stimme ein, »Ja«.

»Brauchen sie Hilfe?«

»Nein, alles in Ordnung!«

»Aber Frau Maier«, entfährt es Lorenz, »er hat sie doch geschlagen!«

Es steht jemand in der Küche auf. Eine Frau mit Blessuren im Gesicht und am Körper tritt zu dem betrunkenen Mann. Sie kann sich kaum aufrecht halten. Mit verheulten Hämatomen im Gesicht sagt die Frau zu dem Polizisten, »bitte lassen sie uns in Ruhe, mir geht es gut.«

»Hören sie, sie brauchen keine Angst haben, er wird ihnen nichts mehr antun können«, sagt der Polizist ruhig zu ihr, »ich kann ihnen helfen, sie müssen es nur sagen!«

»Alles Ok, ich bin heute Morgen nur dumm hingefallen.«

»Das sieht mir aber nicht so aus!«

»Sie hören doch meine Frau, bitte gehen sie jetzt.«

Mittlerweile sind die beiden anderen Kollegen dazu gekommen.

Herr Maier richtet sich zu ihnen und wiederholt seine Aussage, »hier, diesen Mann müssen sie mitnehmen, er hat mich weggedrängt und wollte unerlaubt in meine Wohnung. Fragen sie meine Frau!«

»Stimmt das, Frau Maier«, sie nickt nur.

»Also bitte, ich zeige den Mann wegen wiederholtem Hausfriedensbruch an.«

»Aber, Frau Maier, das können sie doch nicht machen, der prügelt sie doch tot, wenn wir jetzt weggehen.«

Sie schaut Lorenz an und sagt mit flehentlich schmerzverzerrten Gesicht, »bitte gehen sie, es ist alles in Ordnung.«

Geschockt von Frau Maiers Aufforderung, erkennt Lorenz die Ausweglosigkeit, »Aber Frau Maier, er hat Sie doch geschlagen.«

Herr Maier legt mit zufriedenem Gesicht den Arm um den geschundenen Körper seiner Frau, »das wär’s dann, oder?«

»Sie bleiben dabei, Frau Maier«, fragt der Polizist mit ruhiger Stimme, »ihr Mann hat sie nicht geschlagen und sie brauchen nicht unsere Hilfe?«

»Ja«, ihr Mann lächelt, dreht sich mit ihr zusammen weg, verabschiedet sich von den Polizisten und fügt hinzu, »ich sehe mal von einer Anzeige ab«, schiebt seine Frau in die Wohnung und macht die Tür zu, als sie beide in der Wohnung stehen.

Paul kann es nicht fassen, »sie können doch die Frau nicht allein mit diesem Monster lassen«, sie müssen doch eingreifen, es ist doch offensichtlich, dass er sie weiter verprügelt, sobald wir weg sind.

»Es tut mir leid, solange Frau Maier nichts Gegenteiliges sagt und uns nicht um Hilfe bittet, dürfen wir nicht eingreifen.

»Das darf doch nicht wahr sein, die Verletzungen sind doch nicht vom Hinfallen, das sieht doch jedes Kind.«

Lorenz bleibt ruhig.

»Sag doch was Lorenz, wir müssen doch der Frau helfen!«

»Ja Paul, ich weiß.«

»Dann los, wir gehen da rein und holen die Frau raus, das ist doch sonst unterlassene Hilfeleistung!«

»Das lassen sie schön bleiben, sonst muss ich sie wegen Hausfriedensbruch mit auf’s Revier nehmen.«

»Das ist nicht ihr Ernst«, und versucht an dem Polizisten vorbei zu gehen, um die Tür zu öffnen.

»Ich sagte, lassen sie das!«

Er schaut zu seinem großen Bruder, der mit hängenden Schultern dem Polizisten zunickt, »danke, dass sie gekommen sind, ich kümmere mich um meinen Bruder.«

Paul schaut ihn mit perplexer Mine an, »ist das dein Ernst.«

»Dafür sind wir da, wir lassen zur Sicherheit heute Nacht eine Streife unten zurück!«

»Danke. Komm Paul, wir gehen weiter.«

»Aber Lorenz…«, die Polizisten verlassen das Stockwerk und laufen die Treppen wieder abwärts Richtung Ausgang, »…das können wir doch nicht machen!«

»Uns sind die Hände gebunden, komm, wir gehen weiter«, konsterniert er und läuft dann los.

Paul schüttelt den Kopf und folgt ihm unwillig.

Lorenz dreht sich um, »das ist nicht das erste Mal. Letztes Mal hat er mich angezeigt, ich hab schon alles versucht, solange sie ihn nicht anzeigt, können wir nichts machen.«


31.

Die Geräusche im Treppenhaus sind erstickt. Nur die Schritte von Paul und Lorenz stören die erzwungene Lautlosigkeit. Die Wut über die eigene Hilflosigkeit, dem scheinbar willenlosen Verhalten seines Bruders und der Polizisten wuchert in Paul weiter. Das Treppenhaus ist offen gestaltet und von jeder Position ist es möglich, alle Etagen einzusehen. Paul muss immer wieder das siebte Stockwerk prüfen, in der Hoffnung, Frau Maier stünde vielleicht am Geländer und gäbe ihm Handzeichen, ihr zur Hilfe zu kommen. Doch das siebte Stockwerk bleibt leer.

»Warum?«

Lorenz hält an und dreht sich zu ihm um, »weil die Persönlichkeitsrechte über allem stehen, das Gute hat auch immer sein Schlechtes.«

»Das ist doch Bullshit.«

»Du kannst mir glauben, mir zerreißt es auch jedes Mal das Herz. Ich kann nur immer wieder meine Hilfe anbieten. Ich hab auch schon versucht, sie alleine im Treppenhaus anzutreffen, um dann ohne den direkten Einfluss ihres Mannes besser auf sie einwirken zu können. Aber das ist mir bisher noch nicht gelungen. Ich glaub, er sperrt sie ein, wenn er alleine weggeht.«

»Gott verdammte Scheiße, wir leben doch im 21. Jahrhundert und nicht im Mittelalter, es muss doch eine Möglichkeit geben, der Frau zu helfen.«

»Paul, wir sind nur Männer und dazu noch privilegiert aufgewachsen. Uns ist dieses Verhalten fremd, da unser Frauenbild durch Mutters standhaftes feminines Selbstverständnis geprägt ist. Man kann alles über Mutter sagen, aber in Hinsicht auf ihre Beharrlichkeit, als selbstständige Frau anerkannt zu werden, ist sie ein absolutes Vorbild. Trotzdem, es ist und bleibt nur eine Prägung, deshalb kann ich immer noch nicht behaupten, ich könnte nachempfinden, was es bedeutet, als Frau in unserer Welt aufzuwachsen.«

Paul lehnt sich über das Treppengeländer und schaut wieder zum siebten Stock, »ich hoffe die ganze Zeit schon, sie stände da unten und würde uns doch um Hilfe bitten. Aber sie kommt nicht und die Vorstellung, was ihr Mann ihr gerade antut, macht mich unglaublich wütend.«

»Paul, hör zu, sie entscheidet ganz sicher jedes Mal von Neuem. Doch am Ende glaube ich, hat sie einfach Angst, dass, wenn sie um Hilfe bitten würde, er sie bei der nächstbesten Gelegenheit umbringt und glaub mir, dieser Mann ist dazu in der Lage. Weißt du, wie viele Frauen auf der Welt täglich von ihren Männern umgebracht werden, nur weil sie sich für ihre Freiheit entschieden haben? Der Rechtsstaat hat bis heute kein wirklich profanes Mittel gegen den Femizid gefunden.«

Paul starrt immer noch hinunter auf das Geländer im siebten Stock, »das mag eine Erklärung sein, aber es geht mir trotzdem einfach nicht in den Kopf, ich kann’s einfach nicht verstehen!«

»Ja, so geht es mir auch, aber wie schon gesagt, ich bin nur ein Mann und kann mir kein Urteil darüber erlauben. Ich kann nur jedes Mal meine Hilfe anbieten und ihr irgendwie versuchen zu versichern, dass sie nicht alleine mit diesem Problem konfrontiert ist.«

Sein Bruder wendet sich vom Geländer weg und sagt, bevor er weiterläuft, »was für eine Scheiße, ich versteh’s einfach nicht.«

Lorenz folgt ihm. Nebeneinander setzen sie lautlos ihren Weg fort. Paul behält die ganze Zeit über, während sie ein Stockwerk nach dem anderen hinter sich bringen, das Geländer der siebten Etage, im Auge.

Vor der Wohnungstür von Lorenz angekommen, kramt dieser seine Schlüssel hervor und sagt währenddessen, »es ist ein wenig unordentlich bei mir«, steckt den Schlüssel ins Schloss und öffnet dann die Tür. Paul entdeckt kurz den Impuls, draußen warten zu wollen, bei sich, der Blick in die Wohnung verwirft diesen Gedanken sofort. Lorenz ist offensichtlich ebenfalls vom Anblick seiner Wohnung irritiert und bemerkt kurz, »jetzt hat sie es wieder gemacht!«

Der Flur ist sauber und aufgeräumt. Die Schuhe stehen an ihrem Platz im Schuhregal. Die Jacken sind ordentlich auf dem Ständer aufgehängt. In der Schale, die auf dem Tisch daneben platziert ist, liegen nur ein paar Schlüssel. Die Wohnung riecht frisch geputzt. Der geflieste Boden glänzt. Im Spiegel, der nach dem Eingang zum Schlafzimmer, an der Wand hängt, kann Paul sich das erste Mal in seinem neuen Outfit betrachten.

»Kann ich mir die Hände kurz waschen.«

»Klar, du kannst dich hier wie zu Hause fühlen.«

Im Bad, das sich gegenüber dem Schlafzimmer befindet, zeigt sich ihm das gleiche Bild. Alles steht an seinem Platz und die Armaturen glänzen im Licht der Deckenlampe. Er dreht den Wasserhahn auf und wäscht sich die Hände. Der Geruch nach Sauberkeit befriedet ihn. Als er aus dem Bad kommt, hört er bereits Lorenz mit jemandem sprechen.

»Du hast es wieder gemacht, wann versteht du eigentlich, ich will das nicht. Du bist nicht meine Putzfrau.«

Paul hört die Stimme der jungen Frau, die Lorenz am Mittag weggeschickt hat, »kannst du dich nicht einfach darüber freuen.«

»Du verstehst es einfach nicht, oder!«

Paul zieht seine Flipflops aus und spürt den angenehm flauschigen Teppich, der ihn zum Wohnzimmer führt, aus dessen Richtung die Stimmen kommen. Bevor er eintritt, klopft er an den Türrahmen und wartet auf die Antwort der beiden.

»Komm rein«, fordert Lorenz ihn auf.

Der Raum wird durch eine längliche Kommode geteilt, auf dem ein riesiges, bis zur Decke reichendes Aquarium, das einer Vielzahl von verschieden Fischarten als Bleibe dient, aufgebahrt ist. Links zur Wand hin, mit der Anreiche zur Küche, steht ein massiver Holztisch. Lauter unterschiedliche Stühle haben ihren Platz dort gefunden. Auf der anderen Seite des Aquariums fällt das ausufernde, bequem wirkende Sofa ins Blickfeld. Ein Bücherregal nimmt die komplette gegenüberliegende Wand für sich ein. Auf die ganze Breite des Wohnzimmers erstreckt sich eine bodentiefe Glasfront, die mit einer Schiebetür ausgestattet ist. Da die Schiebetür komplett zur Seite geschoben ist, kann Paul die schwüle Nacht riechen.

»Aber Lorenz…«, halb liegend, mit ihrer Schönheit bewaffnet und nur mit einer Decke bekleidet, die ihre Nacktheit nur andeutet, verteidigt sich Lorenz’ Freundin, »wir leben doch hier zusammen, dann ist es doch ok, wenn ich das mache!? Weißt du, nachdem du mich heute Mittag weggeschickt hast, sollte ich eigentlich auf dich sauer sein.«, und schaut ihn traurig an.

Paul erkennt sofort den Unterschied in Lorenz’ Stimme.

»Ok, ein letztes Mal verzeih ich dir.«, beugt sich zu ihr runter und nimmt sie in den Arm, »zieh dir bitte was an.«

Sie wickelt die Decke fester um ihren Körper und erhebt sich. Beim Rausgehen wendet sie sich zu Paul, »Hallo, ich bin übrigens Claude.«

»Hallo Claude, ich bin Paul, Lorenz’ Bruder.«

»Ich weiß, dein Bruder hat von dir viel erzählt und lächelt ihn dabei an.«, dreht sich zur Tür und verlässt den Raum.

»Fühl dich wie zu Hause«, fordert Lorenz ihn nochmals auf und verlässt das Zimmer, ihr folgend.

Zurückgelassen von den beiden, vernimmt Paul im Flur noch die Stimme seines Bruders, »warte mal«, und taucht dann in die plötzliche Stille ein. Er möchte die Nacht fühlen und begibt sich auf   den in Dunkelheit gehüllten Balkon. Draußen umgibt ihn die schwüle Nacht und er kann von seinem Standort die anderen Hochhäuser und die gesamte Stadt überblicken. Aus den umliegenden Häusern und Wohnungen schwebt Leben zu ihm hinauf. Einige Bewohner sitzen auf ihren Balkonen und unterhalten sich, bei anderen flimmern die Fenster von den angeschalteten Fernsehapparaten. Vom nebenliegenden Balkon wird er vom Abendprogramm eines Fernsehsenders berieselt. Weiter weg kämpft wieder das McDonalds-Logo gegen das von Burger King. Das Kraftwerk pustet Rauch aus seinen Kaminen. Er nimmt die Geborgenheit der Wohnung auf und muss an seinen Vater denken. Er muss lächeln und erinnert sich an die Stimme des Vaters, als er noch bei ihnen gelebt und ihm zum Zubettgehen immer etwas vorgelesen hat. Ein Bild von ihm will sich nicht einstellen. Die Stimme am Telefon hat er sofort erkannt. Der Rest an Erinnerung ist nur mit kurzen Sequenzen aus seiner Kindheit gefüllt. Der sonntägliche Sprung ins Elternbett und die Überraschung, dass beide nackt im Bett lagen. Die tröstenden Worte, wenn er hingefallen war. Aber auch der Streit zwischen den Eltern, wenn er schon im Bett lag und ihn mitbekam, weil er durchs ganze Haus lärmte. Auch die Lücke gibt sich ihm zu erkennen, die der Vater nach seinem Weggang zurückgelassen hat und die Frage, warum er so plötzlich aus seinem Leben verschwunden war. Genauso die Wut über die Entbehrung, wenn er bei Freunden zum Essen eingeladen war und deren Eltern zusammen mit ihnen am Esstisch saßen.

Er schaut wieder in die Ferne und kann der Stadt regelrecht beim Schwitzen zusehen. Die Luft vibriert voll lauter Luftfeuchtigkeit. Auf einem Balkon im Nebenhaus ist die gesamte Fläche komplett mit Menschen zugepflastert. Im Hintergrund ist die Musik voll aufgedreht, weshalb die Gäste sich noch lauter unterhalten und deren Stimmengewirr, unterstützt durch den Hall der Häuserschlucht, bis zu ihm hoch dringt.

Paul muss an das Nachtwimmelbuch seiner Kindheit und die Geschichten, die sein Vater dazu erfunden hat, denken. Er beginnt ein Lied zu summen und bemerkt, dass er ihm das zum Einschlafen immer vorgesungen hat. Auch wenn die Puzzleteile sich wieder zu einem vagen Bild zusammensetzen, an das Gesicht seines Vaters kann er sich nicht erinnern. Es ist wie ausgelöscht. Nur die Stimme gibt ihm einen Namen. Alles andere von der Person scheint weggeätzt von den Wunden, die das Verschwinden seines Vaters bei ihm verursacht hat.

Die Party im Nebenhaus wird immer ausgelassener. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen zwischen der Wohnung und dem Balkon. Er schaut nach unten und entdeckt ein paar Jugendliche, die eine der Spielplatzbänke okkupiert haben und wie berauscht auf ihre Telefone starren. Ab und an auflachen, weil sie zeitgleich eine lustige Sequenz im Netz gefunden haben und sich dann wieder dem Bildschirm widmen.

Das Gesicht seiner Mutter ist dafür umso dominanter, es ist der Stempel seiner Kindheit, beträufelt mit den Schmähungen über den Vater, die sie zu jeder Gelegenheit von sich gab. Die Tränen seiner Kindheit, die er immer geheult hatte, als er nach der Trennung seiner Eltern, abends im Bett lag und das Wimmelbuch alleine durchblätterte, überschwemmen ihn. Doch die Stimme seines Vaters durchschneidet fühlbar das Band zur Mutter und zerbricht die innere Ikone seiner Kindheit. Er kann die Chance wittern, die vom Besuch bei seinem Vater ausgeht und spürt die Freude auf das Wiedersehen.

»Meine Klamotten stehen dir wirklich gut«

Paul erschreckt, dreht sich ruckartig zur Schiebetür um und registriert dann seinen Bruder und Claude, »sehr witzig, wo finde ich denn was anderes zum Anziehen?«

»Im Schlafzimmerschrank, bedien dich.«

»Ich komm gleich wieder«, und verschwindet Richtung Flur.

Vor dem Schrank stehend muss er erkennen, wie wenig sein Bruder auf sein äußeres Erscheinungsbild Wert legt. Erst nach längerem Suchen findet er eine einigermaßen annehmbare dunkle Leinenhose, wechselt die Hose, findet dann unter den T-Shirt-Stapeln noch das alte Sexpistol-T-Shirt und stülpt es sich über. Der Blick in den Schrankspiegel beschwichtigt ihn und er schlendert zufrieden wieder aus dem Schlafzimmer.

Im Flur stoppt er vor der Lithografie von der Altstadt, die gegenüber des Schlafzimmers an der Wand hängt. Früher hing sie über der Couchgarnitur seiner Großmutter. Oft ist er damals davor gestanden und hat versucht, etwas davon wiederzukennen, bis ihm irgendwann seine Großmutter erklärt hatte, das ganze Viertel sei im Zweiten Weltkrieg zerbombt worden. Heute stehen dort die Überbleibsel des schnell hingebauten Ersatzes. Der Krieg hätte nicht nur den Menschen ihr Leben genommen, denkt er, auch die gegen die über die Jahrhunderte gewachsene Innenstadt, getauschten Betonklötze, seien Ausdruck dessen.

»Sie tun alles dafür, dass wir die gleichen Erfahrungen machen werden, wie unsere Großeltern.«, konstatiert Lorenz, der plötzlich neben ihm steht, »das Bild erinnert mich immer daran, wie viel Wunden Deutschland sich selbst und anderen Ländern zugemutet hat. Das war vor dem Krieg eine richtig schöne Innenstadt!«

»Es scheint mir auch so«, antwortet Paul, »obwohl, machen wir uns nichts vor, ich glaube, ich hab’ das vor Kurzem in einem Zeitungsartikel gelesen, seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat es kein Jahr gegeben, in dem es keinen kriegerischen Konflikt auf der Welt gab. Wir saßen die letzten achtzig Jahre halt nur auf der Insel der Glückseligen. Erst durch den Ukrainekrieg ist es wieder eine potenzielle Realität für uns geworden!«

»Ich hoffe immer noch, es fände sich eine Lösung für diesen Konflikt«, fügt Lorenz hinzu.

»Das hoffe ich auch, aber diese Realität kann schneller da sein, als uns lieb ist.«

»Und beschweren dürfen wir uns auch nicht, denn unsere Rüstungsindustrie verdient gutes Geld damit, schau dir mal deine stabilsten Aktienkurse an, dann weißt du, was ich meine.«

»Ja, ich weiß, aber trotzdem glaube ich immer noch an den Friedenswillen Europas, auch wenn es einem manchmal wirklich schwer fällt.«

»Die Hoffnung stirbt zuletzt.«

»Na ihr beiden!«, Claude ist ebenfalls vom Balkon in den Flur gekommen, » worüber sinniert ihr denn.«

»Wir haben uns über das Bild unterhalten«, antwortet Lorenz, zieht sie zu sich her und nimmt sie zärtlich in den Arm.

 
 
 

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