6. Leni - Das Haus oder Tagebuch einer Unglücklichen
- privat8773
- 12. Nov. 2025
- 16 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Dez. 2025

Kurzer Hinweis zur Entstehung des Textes. Ihr lest hier die Erstfassung, d.h.zuerst schreibe ich mit Füller eine Art Vorlage in mein Notizbuch und versuche damit, in einem ersten Schritt, meiner dilettantischen Schreibkraft Herr zu werden. In einem zweiten Schritt extrahiere ich diese Skizze und übertrage sie auf meinen Rechner. Das Ergebnis dieser ersten Reinschrift könnt ihr hier lesen. Warum gehe ich so vor und mute euch das zu. Ganz einfach, wenn ich nach hinten schaue, verliere ich vielleicht den imaginären Bezug zur Geschichte. Erst wenn die Geschichte fertig ist, werde ich ich den Mut aufbringen, sie in ihrer Gänze noch einmal zu lesen.
Leni
32.
Die Konfrontation mit der unbefangenen Intimitäten graviert eine Trennungslinie zwischen Paul und den anderen beiden in den Raum. Ein Hauch von Eifersucht und Neid separiert ihn und er muss an das Telefonat mit Leni, das er am Vormittag geführt hat und das Versprechen, sie am Abend zurückzurufen, denken. Er entzieht sich der Konfrontation und verschwindet mit einer wortkargen Entschuldigung ins Wohnzimmer, holt dort sein Telefon aus der Gesäßtasche und wählt, während er den Fischen im Aquarium bei ihrem Unterwassertanz zuschaut, ihre Nummer. Als er ihre Stimme hört, beflügelt die anhaltende Eifersucht und der Neid den Wunsch, ganz nah bei ihr sein zu können.
»Hallo«
»Hallo Leni«
»Paul, wo bist du, ich warte schon den ganzen Abend auf dich!«
»Bei meinem Bruder in der Wohnung«
»Bei deinem Bruder, welcher Bruder, du hast mir nichts von einem Bruder erzählt«
»Naja, eigentlich hatte ich den auch nicht richtig…«
»Was jetzt, hast du einen Bruder oder nicht.«
»Ja, schon. Nur wir haben uns nicht verstanden, deshalb habe ich nichts von ihm erzählt. Es gibt so einiges, das ich dir noch nicht erzählt habe.«
»Du bist wirklich ein seltsamer Kauz. Wann kommst du?«
»Ich weiß nicht, wie ich’s sagen soll.«
»Was sagen?«
Paul verstummt und wägt die richtige Antwort ab, »der ganze Tag verläuft völlig unerwartet«
»Ja, das soll vorkommen. Was willst du mir sagen. Willst du Schluss machen oder was ist los?«
»Nein, ich weiß, ich habe mich in letzter Zeit etwas seltsam benommen…«
»Ja, das kannst du laut sagen«, unterbricht ihn Leni.
»…aber das hat nichts mit dir zu tun. Es gibt jetzt nichts Schöneres, als bei dir sein zu können.«
»Dann komm her, ich laufe nicht weg.«
»Das geht aber nicht.«
»Warum geht das nicht?«
»Naja, wie gesagt, der ganze Tag ist schon seltsam verlaufen. Die Sache mit meinem Bruder. Wir haben den ganzen Tag zusammen verbracht, das haben wir schon lange nicht gemacht. Auf jeden Fall hat er irgendwann von seinem Treffen mit unserem Vater erzählt. Dann kam eins aufs andere und ich hab’ mir die Nummer von ihm geben lassen und ihn angerufen. Wir treffen uns heute noch.«
»Was machst du?«
»Ich fahre heute meinem Vater besuchen.«
»Paul, echt jetzt. Du hast gesagt…ich kann’s nicht fassen…«
Paul fällt ihr ins Wort, »aber Leni!«
»…lass mich bitte ausreden. Du hast vorher am Telefon gesagt, du würdest heute noch vorbeikommen und mir alles erklären.«
»Aber, hör doch zu…«
»Nein Paul, du hörst mir zu, ich hab’ die Schnauze voll, immer die Ausflüchte, ich kann mich einfach nicht auf dich verlassen. Wir fangen jedes Mal von Null an und kommen keinen Schritt weiter. Was willst du von mir, ich bin keine Matratze, sondern ein Mensch!«
»Leni…«, der Schlag sitzt tief, »…wirklich, glaub mir. Es tut mir leid, dass ich nicht kommen kann…«
»Das ist einmal zu viel. Paul, es reicht mir, entweder du kommst jetzt und wir klären das oder…«, es wird kurz still, »ach geh doch doch wohin du willst, ich steh dir nicht mehr länger im Weg«
»Leni, ich verspreche dir«
»Hör auf Paul, mach es nicht schlimmer, es geht einfach nicht mehr. Ich schaffe das einfach nicht mehr, immer dieses Warten, wann es dir genehm und wann du deinen nächsten Aussetzer hast.«
»Leni, jetzt hör mir doch bitte zu, wenn ich nicht zu meinem Vater gehe…«
»Ich glaub, ich hab’ das schon richtig verstanden, wo deine Prioritäten liegen. Bitte ruf mich nicht mehr an«, und beendet das Gespräch.
Paul schaut auf das Telefon und wählt die Nummer von Leni nochmals. Es klingelt und er legt wieder auf, als der AB anspringt.
»Scheiße«, und wählt die Nummer nochmals, doch Leni blockiert ihn abermals.
Die Fische tanzen immer noch umher. Das dicke Glas wirkt wie eine Lupe und seine Augen sind überfordert mit dem Vergrößerungseffekt. Er steckt das Telefon wieder in die Gesäßtasche zurück und bleibt regungslos stehen.
»Was ist los?«
Paul reagiert nicht, als Lorenz und Claude ins Zimmer kommen.
»He, alles ok?«
Einer der Fische durchschwimmt die ganze Breite des Aquariums und versteckt sich dann hinter einer Pflanze. Paul kann die Schwanzflosse noch erahnen, »sie hat Schluss gemacht,«
»Wer hat Schluss gemacht, von was redest du.«
»Leni, meine Freundin, sie hat gerade Schluss gemacht. Wir waren verabredet. Grad eben hab’ ich mit ihr telefoniert und ihr abgesagt, weil wir doch Vater besuchen wollen«
»Nur deshalb?«
»Ist leider nicht das erste Mal, hab mich nicht immer besonders fair verhalten, irgendwie kann ich’s ihr nicht verübeln.«
Claude macht einen Schritt auf ihn zu und nimmt ihn in den Arm, »das tut mir leid…« drückt ihn an sich, »weißt du was, wenn sie dir wichtig ist, dann geh jetzt zu ihr, deinen Vater könnt ihr auch danach noch besuchen!«
»Sie wird mich nicht reinlassen!«
»Dann kommen wir einfach mit und erklären ihr alles, wie findest du das?«
Paul überlegt, »Das würdet ihr machen?«
»Klar, oder Lorenz, für deinen Bruder tun wir doch alles!«
»Auf jeden Fall, ja, das machen wir, du kannst dich auf Claude und mich verlassen.«
Der Fisch ist wieder von seinem Versteck hervor geschwommen und treibt genügsam umher. Das Blau des Wassers beruhigt ihn und Paul erwidert, »aber was ist, wenn sie nicht darauf eingeht?«
»Was kannst du verlieren?«, entgegnet Lorenz und tritt ebenfalls zu ihm heran, »das wird schon, wirst schon sehen.
»Also«, ruft Claude, »worauf warten wir, lasst uns zu Leni fahren!«
Der Fisch hat sich wieder versteckt. Paul wendet sich vom Aquarium ab, lässt sich dann auf das Sofa fallen und beobachtet die beiden, wie sie hell aufgeregt durch die Wohnung rennen und sich für die Abfahrt bereit machen. Nach einigen Minuten stehen sie wie zwei ungeduldige Kinder erwartungsvoll im Türrahmen, »komm, lass uns gehen Paul«
Paul folgt den beiden, als sie bereits im Flur sind und die Tür aufmachen. Trotz der Vorfreude, die sich von den beiden auf ihn übertragen hat, bleibt etwas Skepsis übrig, »meint ihr wirklich, es ist eine so gute Idee? Sollte ich nicht noch eine Nacht darüber schlafen und es morgen versuchen, mit ihr zu klären?!«
»Auf keinen Fall!«, kontert Claude, »jetzt oder nie.«
Im siebten Stock hält Lorenz an und prüft die Haustür von Familie Maier. Jemand hat die Tür repariert, so, dass jetzt von außen nicht mehr in die Wohnung hineingeschaut werden kann. Es ist ruhig. Paul tritt an Lorenz heran, »hörst du etwas?«
»Nein, es ist ruhig.«
»Das muss aber nichts heißen.«
»Paul, wir können nichts tun«, und schaut seinen Bruder eindringlich an.
»Lorenz hat mir erzählt, was vorher vorgefallen ist…«, beginnt Claude, »weißt du, ich weiß nicht mehr genau, wer…,« sie überlegt kurz, »obwohl, ich glaube, meine Mutter hat mir das erzählt, ja genau, meine Mutter. Auf der Arbeit hätte eine Kollegin zu ihr gesagt, sie glaube, ihr Mann würde sie nicht mehr lieben, auf die Frage warum, hat die tatsächlich geantwortet, weil er sie nicht mehr schlagen würde. Lorenz hat leider recht.«
»Lasst und wenigstens unten nachschauen, ob tatsächlich ein Polizeiwagen vor der Tür steht.« Paul prüft noch einmal, ob er etwas hört, läuft zum Treppenabsatz und setzt dann den Weg die Treppe hinunter, ohne auf die beiden zu warten, fort.
Erst als er den Polizeiwagen auf der Straße vor dem Haus entdeckt, ist Paul beruhigt. Lorenz und Claude holen ihn ein. Alle drei sagen nichts und gehen dann weiter. Beim Golf von Lorenz angekommen, bietet Paul Claude an, sie solle doch vorne sitzen, er mache es sich hinten bequem.
Der Motor des Wagens startet diesmal ohne Problem. Lorenz legt den Rückwärtsgang ein, dreht sich nach hinten und fährt dann langsam aus der Parknische. Am Garagentor öffnet er das Fenster und zieht an der Leine, die den Öffnungsmechanismus in Gang setzt.
»Kannst du bitte das Fenster offen lassen!«, Paul öffnet den Aschenbecher an der Mittelkonsole, bietet den anderen eine Zigarette an und zündet sich dann selbst eine an.
Lorenz lenkt den Wagen aus der Garage. Die Luft ist immer noch drückend. Claude kurbelt ihr Fenster ebenfalls herunter. Nur die Scheinwerfer des Wagens leuchten ihnen den Weg in die Nacht. Sonst ist es Stockfinster.
Claude dreht sich zu Paul um. Ihre sanfte Aura nimmt ihn für sich ein. Paul ist irritiert über diesen zärtlichen Moment. Claude zwinkert ihm zu und sagt, »Mach dir keinen Kopf, das wird schon!«
Er nickt ihr mechanisch zu, er möchte etwas erwidern, bringt aber keinen klaren Satz zustande.
Sie dreht sich wieder zu seinem Bruder. Paul sieht ihre Hand auf der von Lorenz. Die Sinnlichkeit zwischen den beiden zieht ihn wieder zu Leni und spült ihn wieder in den inneren Dialog mit ihr. Die Angst, die er am Morgen, als er bei ihr aufgewacht war, verspürt hat, rüttelt wieder an seinem Gedächtnis. Die Angst vor der Nähe, die er nicht verkraftet hat, weil die Tatsache, von Lenis Erwiderung abhängig zu sein, ihn zum Bittsteller ihrer Gefühle machte, nistete sich wieder bei ihm ein. Die Freude und die Sehnsucht nach ihr bekämpfen die reine Negation dieser Tatsache. Er vernimmt den Kampf zwischen seinem Versagen und der wohltuenden Nähe zu sich selbst. Das Ausgesetztsein triggert augenblicklich die Konfrontation mit seiner tief verwurzelten Hürde, keinem Menschen zu vertrauen. Er findet keine rationale Erklärung und lässt die Gefühle zu. Der Graubereich zwischen seinem Ratio und der Irrationalität schüttet Blitze ihrer zerbrochenen Zweisamkeit über ihn und der erste Streit, den Leni und er hatten, wird wieder präsent. Die Wunde in ihm, der erste Riss seines Vertrauens, seine Flucht vor ihrer Angst, der Evidenz ihrer Verletztheit, der Widerspruch zwischen seinem Verhalten und ihrem Verhalten, alles kommt zurück und hämmert auf den reflexiven Moment ein.
Sie hatten sich verabredet und er hatte viel Stress im Geschäft gehabt. Seine Vorfreude, sie an diesem Tag noch sehen zu können, war groß, ist aber im Moment, als er bei ihr zur Tür hereinkam, zerplatzt. Schon da hätte er es ansprechen müssen, aber sein kraftloser Wille übertünchte seine Intuition, sein gut geschulter Selbstschutz vergrub wieder einmal seine Empathie. Es wurde ein Abend mit Missverständnissen und Vorwürfen. Sie stand im Wohnzimmer und hängte Wäsche auf. Die latente Angespanntheit forderte ihn sofort auf, doch fehlte ihm die Kraft, die Begegnung mit ihrer Wahrheit herauszufordern. Er wollte sich nicht streiten, nur in ihre Nähe und ihre Geborgenheit eintauchen, doch fand er die Tür dazu nicht. Er begriff erst später, dass er schon zu diesem Zeitpunkt auf sie eingehen hätte müssen, da war es dann jedoch zu spät. Nachdem sie mit dem Aufhängen der Wäsche fertig war, kochten sie etwas und richteten den Esstisch, wie sie es immer taten, zusammen. Erst beim Essen, er hatte Hunger und schlang es viel zu schnell in sich hinein, registrierte er die Härte in ihrem Verhalten und wie sie sagte, das Essen schmecke beschissen. Auch diese Chance, sie darauf anzusprechen, nutzte er nicht und auch später, als sie krampfhaft ihre Vergangenheit, indem sie die Fotoalben ihrer Hochzeit und das kleine Kästchen mit den Fundstücken ihrer persönlichen Erinnerung auf dem Tisch ausbreitete, versagte ihm der Wille, sie auf ihr Verhalten anzusprechen. Seine einzige Reaktion war der Versuch, ihr seine Vergangenheit auf den Tisch zu legen, indem er Bilder auf seinem Telefonspeicher durchblätterte und ihr eine Auswahl davon zeigte. Ihr Wutausbruch, der auf sein Verhalten folgte, traf ihn unvorbereitet, und er verkroch sich in seine konditionierte Blase und wusch alle übriggebliebene Nähe weg. Auch wenn sie gemeinsam im Raum anwesend waren, teilte er sich in diesem Moment und hinterließ zwei ungleiche, enge Räume, die nicht zusammenpassten. Er spürte nur noch das Messer, das sie ihm in den Rücken gestoßen hatte, und er begann, seine beste Waffe zu wetzen. Kalter Rationalismus dämmte jedes Gefühl in ihm ein, sie hatte keine Chance mehr, ihn zu erreichen. Jeder Satz, den er als Antwort abwägte und ihr hinwarf, wurde von ihrer Verletztheit abgeschmettert. Auch er konnte sie nicht mehr erreichen. Irgendwann sagte er, er würde jetzt gehen, blieb dann trotzdem und schlief bei ihr, weil sie ihn nach seiner Aussage damit konfrontierte, wenn er jetzt ginge, würde sie Schluss machen. Diese Zäsur veränderte etwas in beiden und grub eine Kluft zwischen ihnen. Ab diesem Zeitpunkt wurde er vorsichtiger und kontrollierter. Er sammelte die Schlüssel zu seinem Innenleben, die er in der Zeit davor bereitwillig an sie verschenkt hatte, einen nach dem anderen wieder ein und verschloss sich wieder vor ihr. Doch hatte er auch den Unterschied zu anderen Beziehungen bemerkt, denn wenn er alleine war, versuchte er, Leni zu verstehen, fühlte die Wunde, die ihre Dissonanz bei ihm verursachte. Sie hatte etwas in ihm berührt und er wollte sie nicht verlieren, fand aber nicht die passenden Worte, um ihr das verständlich zu machen.
All das geht ihm durch den Kopf und er nimmt sich vor, mit ihr darüber zu sprechen, wenn sie ihm die Chance einräumen sollte.
»Paul!«
Paul merkt erst jetzt, wie Claude sich wieder nach hinten gebeugt hat, ihn fragend anschaut und dann sagt, »alles ok bei dir?«
Paul nickt ihr zu,
»In welcher Straße wohnt denn Leni?«, kommt die Frage von Lorenz, die ihn endgültig zurückholt.
»Schubertstraße 10, das liegt am Südring.«
»Ah, ich weiß, wo das ist.«, und fährt an der Abzweigung nach links, in Richtung Südring weiter.
»Darf ich eine CD raussuchen?«
»Klar«, antworten Paul und Lorenz.
Claude flucht kurz über das Chaos im Handschuhfach, sagt dann, »da ist sie ja«, und schiebt dann die Cd in den CD-Player.
»Boys don’t Cry« setzt ein. Claude legt ihre Hand auf den Oberschenkel von Lorenz und gibt ihm einen Kuss auf die Backe.
»Für was war das denn.«
»Für alles, Lorenz, für alles!«
Lorenz blickt kurz zu ihrer Seite und lächelt sie an.
Die Dunkelheit verschlingt das Auto und hat die meisten Menschen in ihre Häuser verwiesen, nur noch vereinzelt tauchen Passanten auf dem Gehweg auf und verschwinden dann wieder in der Nacht. Sie fahren auf der anderen Seite des Stadtparks vorüber, der jetzt menschenleer auf den nächsten Tag wartet. Dort, wo am Nachmittag noch die Straßen verstopft waren, erstreckt sich jetzt nur die vereinsamte asphaltierte Straße. Auf dem Marktplatz torkelt ein Betrunkener umher, bleibt am Brunnen stehen, öffnet seine Hose und uriniert freizügig auf die Stelle, an der vorher noch die Jugendlichen saßen. Paul schaut ihm dabei zu und beginnt damit, das bevorstehende Gespräch mit Leni vorwegzunehmen. Ziellos wälzt er alle Eventualitäten umher.
An der Ecke zur Hirschstraße sitzen noch Menschen im Café Wunderbar. Danach tauchen die ersten Pfeiler des überirdisch gelegenen Südrings auf. Nach der zweiten Querstraße lenkt Lorenz den Wagen unter dem Betonviadukt hindurch. Paul erkennt die Aufschrift des Straßenschildes und zählt dann die Hausnummern bis zehn mit, dort angelangt verpufft jegliche Rationalität und er wird nervös.
»Hier ist es.«, sagt er und überlegt, ob er nicht alles abblasen soll.
Lorenz hält an und macht sich auf die Suche nach einem geeigneten Parkplatz. Direkt vor dem Haus mit der Nummer zehn sieht er, dass bei einem geparkten Wagen die Rücklichter angehen, wartet ab, bis das Auto weggefahren ist und stellt dann den Wagen auf der freigewordenen Fläche ab.
»Bleib du erst mal im Wagen sitzen, Claude, und ich bilde erst einmal die Vorhut.«
Claude lächelt ihn beim Aussteigen zu und verlässt dann den Wagen. Lorenz schließt sich ihr an. Hand in Hand laufen sie den schmalen Weg zum Eingang hoch. An der Haustür angekommen, diskutieren sie kurz. Nachdem sie fertig sind, kehrt Lorenz zum Wagen zurück und steckt, als er angekommen ist, seinen Kopf durch das offene Fenster und fragt Paul, »wie heißt Leni denn mit Nachnamen?«
»Rudolf« antwortet Paul.
»Danke«
Lorenz schlendert langsam wieder zu Claude zurück. Paul hört, wie sein Bruder Claude den Namen ihr zuruft, woraufhin sie die Namensschilder prüft und dann klingelt. Als Lorenz zu ihr aufschließt, neigt Claude ihren Kopf zum Lautsprecher der Freisprechanlage und spricht etwas hinein. Der Türöffner ertönt und beide verschwinden ins Hausinnere.
33.
Durch das offene Fenster der Fahrertür dringt ein wenig von der abgekühlten Luft ins Wageninnere. Paul entscheidet sich, aus dem Wagen auszusteigen. Er schiebt deshalb den Griff an der rechten Seite des Beifahrersitzes nach oben, klappt den oberen Teil des Sitzes nach vorne und entflieht der drückenden Schwüle und den Gedanken an das mögliche Gespräch mit Leni, indem er sich durch den entstandenen schmalen Spalt durchzwängt, die Beifahrertür öffnet und dann den Wagen verlässt.
Ein klarer Nachthimmel und frische Luft begrüßen ihn. Paul atmet tief ein und geht dann zur Front des Wagens. Dort angekommen, setzt er sich auf die Haube und zündet sich dann eine Zigarette an. Zwar gelingt ihm die Flucht vor der Schwüle, die Unruhe wegen Leni meldet sich jedoch sofort wieder zurück.
Der Tanz in seinem Kopf nimmt Fahrt auf und er sieht sich wieder mit Leni am Tisch sitzen, konfrontiert mit der Unfähigkeit, wie ein erwachsener Mensch über einen Konflikt zu sprechen. Seine Reaktion darauf, wie er den schützenden Käfig, die Blase seiner Klarheit, aufsucht, die alles andere ausklammert und als nichtig abtut, das profane menschliche Gefühl der Sehnsucht nach Nähe austilgt und Leni damit aussperrt.
Er sieht ihre Hilflosigkeit und ihr Unverständnis darüber, warum ihr Gegenüber wie ein kleines Kind reagiert, nur weil sie ihn auf sein falsches Verhalten aufmerksam gemacht hat. Die Gehemmtheit vor der Situation, immer wieder an einen Punkt zu kommen, an dem er als Mensch versagt, überschwemmt ihn, greift ihn an und würgt sein Gewissen. Ein Gefühl, das er bisher erstickt hat, sich jetzt aber frei entfalten kann, da seine selbstgetrickten Konventionen plötzlich versagen.
Jede Ausrede, die er für sein Verhalten innerlich schmiedet, verhallt an der Erkenntnis, dass er sich nur in seiner Konformität entwickelt hat, indem er jahrelang den finanziellen Erfolg im Fokus hatte, aber als Mensch ein kleines Kind geblieben ist. Er spürt die Angst vor den weichen Faktoren, dem emotionalen Konflikt zweier Menschen, die schon lang genug leben, um zu wissen, was sie wollen, den einfachen Reibungen, die dadurch zwangsläufig entstehen und immer auch ein Versagen aufdecken. Die Reduzierung auf diese weichen Faktoren ist ihm fremd, weil er es, stellt er fest, nicht gelernt hat, damit umzugehen.
Er überlegt, warum das so ist, verschmäht seine erste Antwort, es läge an seiner Mutter, sofort, weil es nur eine weitere unter den vielen anderen unreflektierten Ausreden wäre, die ihm nur zum Schutz dienen, den Kern seines Problems aber aussparen. Er entdeckt seine Sehnsucht nach Leni, die aber zeitgleich durch ein infantiles Geschrei getrübt wird, der Verletztheit aus der Kindheit. Die Diskrepanz zwischen dem Kind in ihm und seinem Status als erwachsener Mann, filetiert ihn in tausend Stücke.
Paul triftet immer tiefer in die Selbstbetrachtung ab und entdeckt einen Paul, den er lange nicht hervortreten hat lassen. Dieser Paul verflucht den Tag, an dem er seinen Bruder als verloren preisgegeben hat, den Bruder, der jetzt bei ihm ist und ihm bedingungslos beisteht. Dieser Paul schaltet das Licht aus, indem er vor seiner Mutter besser dasteht und konfrontiert ihn mit dem Nichtvorhandensein eines Lichtes, das ihn in seiner vollen Gänze einfinge. Dieser Paul sucht nach Nähe und Geborgenheit, einer unbefangenen zwischenmenschlichen Zärtlichkeit, dem Risiko des Zufalls und den Entdeckungen, die sich dahinter verbergen können. Er stellt fest, dass dieser Paul immer den Impuls für eine Entwicklung ausgelöst hat. Der Paul, den er gut kennt, verwaltet diese Erfolge nur noch.
Irgendwann hat er aufgehört zu träumen und Luftschlösser zu bauen, nur weil er Angst hatte, das Bestehende könnte verloren gehen. Dieser Moment verpackte alle Attitüden des Nebenbuhlers in eine Kategorie und beschilderte sie mit risikobehaftet und irrational. Doch die Verlässlichkeit dieser Vorgehensweise hat in den vergangenen Tagen ihre Grenzen aufgezeigt bekommen, hat sich als leer und als Unzugänglichkeit entpuppt, und die Evidenz offenbart, dass ihm dadurch der simple Kontakt mit anderen Menschen verwehrt wird.
Die plötzliche Forderung nach dieser uferlosen Nähe, die er am gestrigen Morgen, als Leni noch schlafend im Bett lag, verspürt hat, verweist auf die hintere Plätze als Mensch, weil er den Moment nicht ertragen konnte und weggerannt ist. Dieser Moment, nur ein kurzer Augenblick der Reflexion, stellte alles in Frage, riss die Schubladen auf, in denen er seine Ängste verpackt hatte und warf sie ihm vor seine Füße.
Paul fragt sich, ob es tatsächlich so komplex ist oder nicht einfach nur die Angst davor ist, sich eingestehen zu müssen, wie bedingungslos seine Gefühle für Leni in Wahrheit sind und wie groß die Sorge ist, sie könnte irgendwann diese Bedingungslosigkeit nicht mehr erwidern. Der Wille, diese Bedingungslosigkeit auf die Probe zu stellen, verweht den Graubereich, der ihn, an das Angstgefühl und den damit einhergehenden möglichen Kontrollverlust, gedanklich fesselt, und ersetzt ihn durch die Freude, sie vielleicht bald sehen zu können. Nur ein Rest an Skepsis bleibt.
Am Licht der Straßenlaternen, die in gleichmäßigen Abständen zwischen den Bäumen aufgereiht sind, sammeln sich die Fliegen. Ein Auto hat sich in der Straße verirrt und fährt am geparkten Wagen vorbei. Im Scheinwerferlicht tauchen vor den Häusern die Mülltonnen, die dort auf die morgige Müllabfuhr warten, auf. Im Nebenhaus liegt ein Fahrrad und Kinderspielzeug in der Auffahrt. Im dahinterliegenden Haus sind die Zimmer hell erleuchtet und Kindergeschrei durchbricht die umliegende Nachtruhe. Das ausgetrocknete Blätterwerk der Bäume ächzt nach Erholung. Ein leichter Windzug setzt ein. Das Rauschen der Blätter beruhigt Paul und treibt ihn weg von seinen Gedanken. Er nimmt einen weiteren Zug von der Zigarette, schaut kurz zur immer noch geschlossenen Eingangstür von Lenis Haus und, da es keine Veränderung gab, dann zum Nachthimmel hoch. Der sichelförmige Mond leuchtet hell. Zwischen den unzähligen starren Sternen bewegt sich ein blinkendes Licht. Ein weiteres Auto fährt zügig durch die Straße. Die aufgedrehten Bässe zwingen Paul ihren Rhythmus auf.
Plötzlich hört Paul, wie eine Tür geöffnet wird und lenkt seinen Blick wieder auf Lenis Haustür. Der Drang, wieder wegrennen zu wollen, verfliegt, als er entdeckt, dass es nur eine ältere Frau mit Hund ist. Langsam kommt sie den Weg herunter und redet dabei auf den Hund ein. Der Hund bellt Paul an und wird dann von seinem Frauchen unsanft weggezogen. Ohne weiter Paul Beachtung zu schenken, verliert sich, immer noch mit dem Hund redend, die Frau in der Dunkelheit des Gehweges und verstummt dann irgendwann. In einem nahegelegenen Garten plätschert Wasser. Paul merkt, wie er Durst bekommt und holt sich eine Flasche aus dem überfüllten Kofferraum des Golfes. Während er wieder an seinen Platz zurückgeht, öffnet er die Flasche, trinkt einen Schluck und stellt sie dann auf den Boden, bevor er sich wieder auf die Motorhaube setzt.
Ein Rascheln im Gebüsch erweckt seine Aufmerksamkeit. Kurz darauf sieht er im Schein der Straßenlaterne eine Katze. Er steht von seinem Platz auf, geht ihn Hocke, um ihr die Angst zu nehmen, und versucht sie dann anzulocken. Behutsam nähert sich die Katze dem Fremden und lässt sich dann von Paul streicheln. Paul setzt sich ganz auf den Boden. Als die Katze sich hinlegt und seinen Bauch hinstreckt, krault er sie am Bauch, woraufhin sie befriedigt schnurrt und dabei die Augen schließt. Paul kann auf der anderen Seite wieder die Stimme der älteren Frau erkennen. Auf der Höhe des Hauses verlässt sie den Gehweg und überquert die Straße. Plötzlich beginnt der Hund zu bellen und die Katze rennt erschreckt davon. Paul bleibt auf dem Boden sitzen. Die alte Frau registriert den sitzenden Fremden kurz, prüft ihn, läuft dann den Weg zum Haus hoch und redet dabei wieder mit ihrem Hund.
Kurz nachdem die Frau ins Haus gegangen ist und die Haustür sich wieder schließt, wird sie erneut geöffnet und Paul sieht, wie sein Bruder, Claude und Leni aus dem Haus kommen.
»Wir haben umdisponiert.«
»Wie meint ihr das, umdisponiert?«
»Wir fahren alle vier Vater besuchen,« berichtet Lorenz und lächelt Paul dabei an, »ist das ok für dich?«
Die drei haben den Wagen erreicht und bleiben vor dem verdutzt dreinschauenden Paul stehen.
»Jetzt hab’ ich deinen Bruder und seine Freundin auch mal kennengelernt«, Leni kommt näher zu Paul.
»Er kann sehr überzeugend sein«, erwidert Paul und nimmt dabei ihren wohltuenden Geruch wahr.
»Ist es dir wirklich recht, wenn ich mitgehe?«
»Ja Leni, ich würde mich freuen, wenn du meinen Vater kennenlernst, wobei, eigentlich müsste ich sagen, wir ihn zusammen kennenlernen.«, und nimmt ihre Hand.
Das Zerrbild der Phantasie ihrer Nähe wird von deren Wirklichkeit erschlagen. Er drückt ihre Hand fester und hat das tiefe Bedürfnis, sie in den Arm zu nehmen, rückt aber vom Wagnis sofort ab, da sie ihre Hand von seiner befreit und er ihren inneren Abstand wahrnimmt.
»Wir müssen reden, Paul.«
»Ja Leni, wir müssen reden.«
Diesmal greift sie seine Hand, »danke Paul«, stellt sich vor ihm hin und gibt ihm dann einen Kuss.
Die Spontanität überrascht Paul, doch die plötzlich wiedergekehrte vermisste Nähe und der damit einhergehende Geruch fangen ihn vollkommen ein und er erwidert den Kuss.
Die Katze taucht wieder auf und begrüßt miauend die anderen drei. Claude beugt sich zu ihr runter und streichelt sie, »wo kommst du denn her?«
Lorenz läuft um den Wagen herum und fordert die anderen auf, sie sollen sich in den Wagen setzen, damit sie losfahren können.
Paul öffnet die Beifahrertür, schiebt den Sitz nach vorne und steigt in den Wagen. Leni folgt ihm und setzt sich neben ihn hin. Bevor Claude ebenfalls einsteigt, schaut sie noch einmal zu den beiden nach hinten, »Alles klar bei euch?«
»Ja, alles klar«, antworten sie im Duett.
Der Motor stottert zuerst und springt dann an. Lorenz legt den ersten Gang ein und fährt los.
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