7. Nachtfahrt - Das Haus oder Tagebuch einer Unglücklichen
- privat8773
- 12. Nov. 2025
- 32 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Dez. 2025

Kurzer Hinweis zur Entstehung des Textes. Ihr lest hier die Erstfassung, d.h.zuerst schreibe ich mit Füller eine Art Vorlage in mein Notizbuch und versuche damit, in einem ersten Schritt, meiner dilettantischen Schreibkraft Herr zu werden. In einem zweiten Schritt extrahiere ich diese Skizze und übertrage sie auf meinen Rechner. Das Ergebnis dieser ersten Reinschrift könnt ihr hier lesen. Warum gehe ich so vor und mute euch das zu. Ganz einfach, wenn ich nach hinten schaue, verliere ich vielleicht den imaginären Bezug zur Geschichte. Erst wenn die Geschichte fertig ist, werde ich ich den Mut aufbringen, sie in ihrer Gänze noch einmal zu lesen.
Nachtfahrt
34.
Er wacht auf. Durch das Fenster bricht sich Licht und lullt den ganzen Raum hell ein. Die Sonne hat den Tag offensichtlich schon länger unter ihren Fittichen. Ihre Wärme tut gut. Er hat keine Erinnerung, wie er hierher gekommen ist. Seine Augen sind noch taub. Er streckt sich, um den Rest an Müdigkeit aus seinem Körper zu vertreiben. Erst jetzt registriert er den schlafenden Körper einer Frau neben sich. Der Raum ist ihm völlig fremd und unwirklich. Ein sanfter, matter Schleier beansprucht ihn und die Konturen des Raumes, der Frau, aller Gegenstände, selbst sein eigener Körper, sind unscheinbar, verfließen ineinander, als befände er sich im Inneren einer Wolke, jegliche Sinneswahrnehmung, außer dem Geruch und dem Sehen, ist abgeschaltet.
Er ist vollkommen nackt und sieht, als er sich aufrichtet und dabei die Bettdecke etwas zur Seite rückt, den nackten Rücken der Frau. Peinlich berührt von ihrer Verletzlichkeit, zieht er die Decke wieder über ihren Körper, wodurch ihr Geruch in seine Richtung geschoben wird. Er kennt diesen Geruch, kann aber keine Verbindung mit einer Erinnerung herstellen. Am Boden liegt eine Männerunterhose. So leise wie möglich beugt er sich zum Rand des Bettes, hebt sie vom Boden auf und zieht sie, trotz der ungeeigneten Position, dann umständlich an. Der fremde Körper bewegt sich und die Frau, immer noch schlafend, dreht sich mit dem Gesicht auf ihre Seite. Dabei nimmt er wieder einen leichten Hauch von Bekanntheit wahr. Er blättert in seinen Erinnerungen, doch das schlafende Gesicht findet keine Entsprechung, nur die Gesamtheit des Augenblicks erzeugt einen Widerhall. Er möchte sie aufwecken, sie fragen, wie er hierher kommt, warum sie zusammen im Bett liegen, ob sie Sex hatten. Doch er wagt es nicht, sie zu wecken. Er fühlt sich zu ihr hingezogen, vergräbt dann aber die körperliche Lust wieder, behält aber den sinnlichen Teil im Herzen. Die abstrakte Vertrautheit ihrer Nähe taucht ihn in eine handelbare Sehnsucht.
Er entwindet sich dem Bett und nimmt, als die Frau sich wieder zurückdreht, ihren Geruch wieder wahr. Er überlegt, ob er nicht doch im Bett bleiben und ihre stille Schönheit weiter in sich aufnehmen soll, kniet sich auf’s Bett und beugt sich über den vermummten Körper und berauscht sich ein letztes Mal, bevor er den Raum verlässt, an ihrem Geruch. Betäubt von der Sinnlichkeit sucht er die Orientierung in der ungewohnten Umgebung. Im Rest der Wohnung setzt sich der Schleier fort. Vor dem Schlafzimmer zieht sich ein langer Flur bis zu einem offenen, gänzlich in schlichtem Weiß gehaltenen und spartanisch eingeräumten Zimmer hin. Auch der Flur weißt keine Ablenkung auf.
»Der Boden ist bestimmt kalt«, denkt er, aber er nimmt über die Haut immer noch nichts wahr, sieht nur den Marmorboden, wartet auf die Kälte, versucht sie zu riechen, doch sie hat keinen Geruch. Nur die in der Vergangenheit liegende Erfahrung mit der Kälte erzeugt ein stumpfes Gefühl in seinem Kopf. Er lässt den kahlen, unwirklichen Gang hinter sich. Durch ein großes Fenster empfängt ihn, im dahinterliegenden Zimmer, die Morgensonne.
Auch dort hat sich ein leichter Schleier über alles gelegt. In der hinteren Ecke des Raumes entdeckt er eine kleine Kochnische. Davor steht ein weißer Tisch mit weißen Stühlen. Er schaut sich im Raum um. Alles in diesem Raum ist weiß. Es fühlt sich künstlich an. Alles ist fremd und doch gewohnt.
Er nimmt aus dem Kühlschrank eine Milch heraus, beginnt die Schubladen und Schranktüren zu öffnen, und findet im Schrank unter der, neben dem Kühlschrank anschließenden, Kocheinheit, eine kleine Kasserolle, stellt sie auf die Kochplatte und schaltet sie dann an. Die Unwirklichkeit des Raumes beherrscht seine verbleibenden Sinne immer noch, doch er kann sie nur sehen, riechen kann er nichts. Langsam gießt er Milch in die Kasserolle, überlegt kurz und öffnet einen der beiden Hängeschränke, und als er die achteckige Caffettiera gefunden und herausgeholt hat, dreht er das Kannenoberteil ab, nimmt das Sieb heraus und füllt den unteren Teil der Kanne bis zum Ventil mit Wasser voll. Jetzt erst bemerkt er die Stille. Auf der anderen Seite steht ein weißes Radio auf einem Sideboard.
Das Päckchen Espresso, das neben dem Platz, auf dem die Caffettiera stand, platziert ist, wurde noch nicht geöffnet. Er greift zum Messerblock, zieht die Schere heraus und schneidet dann das Päckchen auf. Nachdem er das Sieb wieder eingesetzt hat, füllt er es mit Espressopulver auf und schraubt dann das Oberteil der Maschine wieder darauf. Er schaltet beide Herdplatten an und stellt Caffettiera und Kasserolle auf je eine Platte.
Die Klarheit, mit der er diese Verrichtungen durchgeführt, verblüfft ihn, denn als er sich abwendet und zum Radio läuft, fühlt sich alles an, als würde er im Raum schwimmen, mehr als gehen.
»Das war vorher noch nicht«, stellt er fest, als wolle etwas ihn davon abhalten, das Radio zu erreichen. Er wirbelt mit den Armen und kämpft sich so zum Sideboard. Doch das Radio ist verschwunden. Nervös blickt er sich um und findet es dann auf dem Tisch. Immer wieder versucht er es einzufangen, aber kurz bevor er es erreicht, verschwindet es wieder und taucht an einem anderen Platz wieder auf.
Er setzt sich auf einen der Stühle, die am Tisch stehen, um sich zu beruhigen. Plötzlich taucht das Radio auf dem neben ihm stehenden Tisch auf. Er versucht unbeteiligt zu wirken, dreht sich abrupt zu ihm hin und überwältigt es dann. Mit dem einen Arm festhaltend, dreht er am Lautstärkerad, um es anzuschalten und stellt es, als er klassische Musik hört, wieder auf den Tisch. In Begleitung der Musik richtet er sich auf und prüft dann die Milch in der Kassarolle. Die Milch weist zwar erste Bläschen auf, dennoch wartet er noch kurz, um dann in der Schublade den Schneebesen herauszuholen und, indem er anfängt, den Besen schnell in der Kassarolle hin und her zu bewegen, die Milch aufzuschäumen. Er dreht die Herdplatte herunter und nimmt sich eine Tasse aus dem Hängeschrank. Ein zischendes Geräusch verkündet ihm den Status der Caffettiera. Als sie nur noch blubbert, klappt er den Deckel hoch und prüft die kochende braune Brühe. Die Hälfte des Kaffeewassers gießt er in die Tasse und bedeckt es dann mit Milchschaum.
Das Radio befindet sich immer noch auf dem Tisch, nur dass es jetzt im Licht der hereinscheinenden Sonne steht. Mit der Tasse in der Hand geht er zum Fenster. Wieder möchte ihn etwas daran hindern, seinen Plan umzusetzen. Mit aller Kraft rudert er ans Fenster. Draußen ist es wolkenbehangen und er sucht nach der Erklärung, warum die Sonne trotzdem in den Raum scheinen kann. Es ist ruhig auf der Straße. Als ein Militärfahrzeug vor dem Haus vorbeifährt und an der nächstgelegenen Kreuzung abbremst und ein zweites Fahrzeug folgt, kann er die Situation nicht einordnen. Die klassische Musik bricht ab. Schlagartig ist es wieder still. Völlig unerwartet spürt er eine Hand auf der Schulter und eine zweite Hand am Bauch. Er schaut hinunter.
»Was ist los, warum bist du aufgestanden?«, fragt ihn eine Frauenstimme.
Ruckartig dreht er sich um und erkennt die fremde Frau.
»Wo bin ich, wer bist du und wie bin ich hierher gekommen?«, sie legt einen Finger auf seine Lippen, nimmt ihn wieder weg und küsst ihn dann.
Er befreit sich von ihr, »wer bist du, ich hab’ dich noch nie gesehen.«
»Kannst du dich an gar nichts mehr erinnern. Das ist aber schade«, sie lächelt ihn an.
»Nein, an überhaupt nichts. Aber das ist jetzt erst einmal unwichtig. Draußen steht Militär!«
Die Frau prüft ihn und sagt dann ernst, »wir befinden uns im Krieg, kannst du dich an gar nichts erinnern.«
Draußen sind Schüsse zu hören und dann Explosionen. Er rennt zum Fenster. Die ganze Stadt brennt, Gebäude sind eingestürzt. Am Ende der Straße rollt ein Panzer im Schneckentempo auf das Haus zu. Das Rohr beginnt sich zu bewegen und stoppt, als es eine Linie mit der Richtung der Militärfahrzeuge eingenommen hat. Einige Soldaten springen aus den Fahrzeugen und retten sich gerade noch zur Seite, als der Panzer mit ohrenbetäubendem Lärm einen Schuss abgibt.
Im Radio ist die Stimme des Sprechers zu hören, »Das ist keine Übung, Achtung, das ist keine Übung. Bitte verlassen sie die Häuser nicht. Gehen sie in ihren Keller oder einen anderen geschützten Raum.«
Das Geschoss trifft den ersten Wagen. Die Schreie der Männer, die es nicht geschafft haben, den Wagen zu verlassen, tränken die Stille mit Angst. Der Panzer nimmt das zweite Fahrzeug ins Visier und feuert das Geschoss ab. Das Schreien erlischt in der Detonation des Geschosses.
Er stellt die Kaffeetasse ab. »Wir müssen hier weg, hörst du.«, doch die Frau lacht ihn nur an. Er schüttelt sie, »wir müssen hier weg, hast du verstanden.«
Eine dritte Detonation erschüttert das Haus. Durch die Stärke des Einschlags zittern die Wände. Die Kaffeetasse fällt zu Boden.
»Komm, lass uns wieder ins Bett gehen!«, sagt die Frau.
Er schüttelt den Kopf. Der Schleier im Raum ist verschwunden. Überall an den Wänden haben sich Risse gebildet und das Fensterglas ist zerbrochen. Eine vierte Detonation erfolgt. Beim Einschlag bröckelt ein Teil vom Putz ab und die halbe Decke bricht herunter.
Die Frau versucht, ihn jetzt aus dem Zimmer zu zerren, »Wir müssen ins Schlafzimmer, los komm!«
Zuerst wert er sich wieder, geht dann aber mit. Sie verlassen das Zimmer. Der Flur hat keinen Schaden genommen, doch er sieht, wie die weißen Wände mit Blut getränkt sind und wie langsam das Blut zu Boden fließt. Als sich kleine Rinnsale bilden, wird er von der fremden Frau ins Schlafzimmer gezogen.
Es ist still und die Sonne scheint immer noch durch das Fenster. Er schaut aus dem Fenster. Blauer Himmel bewacht die Stadt. Er kann keine Panzer oder Militärfahrzeuge entdecken. Im Garten vor dem Haus spielt ein Kind.
»Paul«, hört er.
»Paul«, er kennt den Namen.
»Paul, wach auf.«
Paul öffnet die Augen und erschrickt. Leni hat sich über ihn gebeugt.
»Paul«, er reibt sich die Augen und schluckt den Schreck des Traumes herunter.
»Paul, du hast geträumt«, sie streift mit der Hand die Haare aus seinem Gesicht, kommt näher und küsst ihn. Paul erwidert den Kuss und kann ihren Geruch wieder wahrnehmen. Er erinnert sich an seinen Traum.
35.
Der Mond hat sich in die Nacht hineingefressen. Claude lehnt ihren Kopf an den Fensterrahmen der Beifahrertür und betrachtet den Abendhimmel. Sie mag die vom Mond beschienene Dunkelheit. Es ist still im Auto.
Schon als Kind liebte sie Nachfahrten, wenn sie im Sommer mit dem Auto in den Urlaub fuhren, ihr Vater mit dem Fahren beschäftigt war und ihre Mutter aufpasste, dass dabei nichts schief lief. Sie zählte dann immer die Sterne am Himmel und malte sich aus, wie es wohl wäre, auf dem Mond zu leben. Sie erinnert sich gern an diese Zeit und an die Unbefangenheit, mit der damals ihre Eltern mit ihr umgegangen sind. Irgendwann schlief sie dann immer ein und wurde erst wach, wenn sie früh morgens an der Fähre ankamen und die aufgehende italienische Sonne am Horizont, die für sie fremde Welt, bereits aufweckte. Sie erinnert sich an ihre Aufgeregtheit, am Pier zu stehen und mit dem Rauschen des roterleuchtenden Meeres die einfahrenden Boote zu begrüßen und dabei das von der Mutter in der Hafenbar besorgte, mit Schokoladencreme gefüllte, frisch gebackene Cornetto zu essen. Damals verstanden sie sich noch gut. Sie fragt sich, wann das aufgehört hat und wann ihre Eltern damit angefangen haben, nur noch alles an ihr zu kritisieren.
Die letzten Wochen kommen Claude in den Sinn. Ihre Mutter rief sie an und lud sie zum Abendessen ein. Sie und ihr Vater wollten sie einmal wiedersehen und würden sich freuen, wenn sie wieder einmal vorbeikommen würde.
»Claude, komm doch einfach Freitag zum Abendessen, Papa würde sich auch freuen!«
»Mama, du weißt doch…«, die Lüge tat ihr weh, »…ich muss die Hausarbeit fertig machen.«
»Aber Kind, du musst doch auch einmal eine Pause machen.«
»Mama, bitte«
»Dein Vater würde sich so freuen.«
»Mama, bitte«
»Wir haben dich wirklich schon lang nicht mehr zu Gesicht bekommen.«
»Mama, hör bitte auf!«
»Warum kannst du nicht einmal nachgeben«
Claude hätte ihr gern die Wahrheit gesagt, sagte dann aber beschwichtigend, »Gut, ich verspreche dir, euch am Freitag zu besuchen.«
»Na also, geht doch! Auf wie viel Uhr soll ich das Essen machen?«
»19:00 Uhr«
»Franz«, hörte sie ihre Mutter durch das Haus rufen, »Claude kommt am Freitag um 19 Uhr zum Essen«
Aus dem Hintergrund vernahm sie die Stimme ihres Vaters, »Super, sag ihr, dass ich mich freue.«
»Papa freut sich auch«
Claude überlegte und sagte dann, »Mama..«
»Ja, mein Kind«
»…ich wollt dir noch was sagen…«
»Was denn«
Sie brachte es nicht über das Herz, »…ach nicht so wichtig, kann auch noch bis Freitag warten.«
»Gute Idee, also bis Freitag, komm bitte nicht wieder zu spät.«
Die Worte ihrer Mutter erdrückten das warme Gefühl, das sie bis zu diesem Moment in sich gespürt hatte, »Nein, ich bin pünktlich da.«
Sie wusste, sie hätte ihnen schon lange alles erzählen sollen, aber sie brachte bisher nicht den Mut dazu auf. Anfang des Sommers merkte sie, dass sie das Jurastudium langweilte und hatte deshalb ihr Studium hingeschmissen. Seitdem war sie in der Szene abgetaucht und half manchmal beim Jugendwerk aus. Dann traf sie Lorenz, sie mochte ihn von Anhieb an und verliebte sich sofort. Als sie dann beim Frühlingsfest zusammenkommen waren, hatte sie nur noch ihn im Kopf und deshalb erst recht keine Muse mehr, das Studium fortzusetzen.
Claude beobachtet Lorenz und muss lächeln, als sie eine zufriedene Gelassenheit an ihm feststellt. Sie nimmt ihr Telefon, entsperrt den Bildschirm und gibt sich den sozialen Kanälen hin. Es befriedigt sie nur kurz und legt es dann wieder weg. Von hinten hört sie die Stimme von Leni und wie sie versucht, Paul aufzuwecken. Sie lehnt sich wieder zur Seite und betrachtet den hellen Mond am Himmel.
Claude fuhr am darauffolgenden Freitag, wie versprochen, zu ihren Eltern und hatte sich fest vorgenommen, von ihrem abgebrochenen Studium und Lorenz zu erzählen. Sie wollte pünktlich sein und nahm deshalb einen Bus früher. Sie freute sich, ihre Eltern einmal wieder zu sehen und war mit einem guten Gefühl aus dem Bus gestiegen. Als sie vor der Tür ihrer Eltern stand und ihre Mutter, nachdem sie klingelte, die Tür öffnete, verlor sie dieses gute Gefühl, denn ihre Mutter fing sofort damit an, kein gutes Haar an ihr zu lassen. Nur ihr Vater war friedlich. Er schaute sie liebevoll an, lächelte und nahm sie in den Armen. Ihre Mutter redete dabei ununterbrochen auf sie ein, kritisierte ihr Outfit, ihre Haare und kramte immer wieder die alte Leier hervor, warum sie sich nicht melden würde. Sie schaute ihren Vater flehentlich an, aber er ließ ihre Mutter gewähren. Sie fragte dann, ob sie sich kurz die Hände waschen dürfe, war dann aufs Gästeklo gegangen, um sich einen kurzen Moment hinter der Tür verkriechen zu können. Dort blieb sie vor dem Spiegel stehen und mahnte sich zu mehr Mut. Nachdem sie genug Willen getankt hatte, stürmte sie ins Esszimmer, in das die Eltern währenddessen schon gegangen waren. Sie hatten bereits am gedeckten Tisch Platz genommen. Es roch gut, ihre Mutter hatte ihr Lieblingsessen zubereitet. Sie liebte den Geruch von frischgekochter Bolognese.
»Setz dich Claude«, sagte ihre Mutter.
Claude setzte sich an den freien Platz, an dem noch ein Service stand.
Ihr Vater nickte ihr zu, seine Freude über ihr Kommen stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Ihre Mutter fing wieder an zu reden: »Ich habe letzte Woche Maria getroffen, sie hat gesagt, ihr hättet kaum noch Kontakt, versteht ihr euch nicht mehr.«
»Nein, wir verstehen uns nicht mehr so gut«, Claude wusste, was kommt, denn Maria studierte mit ihr zusammen Jura. In letzter Zeit war sie ihr nur noch auf die Nerven gegangen. Maria hatte immer wieder angerufen, um sie zu fragen, wann sie wieder an die Uni käme.
»Sie hat mir auch erzählt,« setzte ihre Mutter fort und war von Claude sofort unterbrochen worden.
»Lass mich das erklären, ich habe’s wirklich versucht,« ihr Vater blickte sie traurig an, »aber es tut mir leid, Jura langweilt mich. Ich habe’s Studium hingeschissen.«
Ihre Mutter schaute sie nur ernst an.
»Das kann doch nicht wahr sein, was fällt dir ein, was glaubst du, wer du bist«, Claude zuckte zusammen, als ihr Vater plötzlich anfing, sie anzuschreien. So aggressiv hatte sie ihn noch nie erlebt.
»Wer wirft denn kurz vor dem Abschluss einfach alles hin, ich rate dir, schleunigst mit dem Unsinn aufzuhören. Ab nächster Woche kümmerst du dich wieder nur um dein Studium, du bringst das zu Ende und machst diesen Abschluss. Haben wir uns verstanden?«
»Nein, das werde ich nicht tun,« entgegnete sie ihm, »du kannst mir gar nichts befehlen.«
»Das werden wir ja sehen. Ich warne dich, wenn du nicht das machst, was man dir sagt, werden wir dir alle finanziellen Mittel streichen. Hast du verstanden, Claude?«
Claude schaute ihren Vater an und sagte dann ganz ruhig: »Nein, das werde ich nicht machen. Es ist euch ja eh egal, was ich sonst mache. Hat Maria auch von meinem neuen Freund erzählt?«
»Nein, das hat sie nicht.«
»Na gut, dann mach ich das eben selber. Ich bin mit einem 25 Jahre älteren Mann zusammen und ich liebe ihn.«
Ihr Mutter blickte den Vater an: »Das hast du davon!«
»Ich verbiete dir diese Beziehung, das wär ja noch schöner, meine Tochter mit einem doppelt so alten Mann.«, schrie ihr Vater sie an.
Claude fing zu weinen an und schrie nur noch hysterisch ihren Vater an.
Der war still und kühl geworden. »Du machst, was wir dir sagen, ich hab’ es satt, immer die Scherben aufräumen zu müssen.«
Claude schob, immer noch schreiend, ihren Stuhl nach hinten, rannte, ohne sich umzudrehen, aus dem Zimmer, nahm in der Garderobe ihre Jacke und flüchtete, ohne ein weiteres Wort, aus dem Haus. Erst als sie wieder in ihrer Wohnung angekommen war, hatte sie das Ausmaß begriffen. Im darauffolgenden Monat blieb die Zahlung ihrer Eltern aus. Lorenz erzählte ihr nichts davon. Sie konnte dann die Miete nicht mehr bezahlen und war froh, als Lorenz nichts dagegen hatte, dass sie bei ihm wohnte.
Ihr Telefon vibriert, sie nimmt es in die Hand und blättert durch die Nachrichten. Kurz hofft sie, ihr Vater würde sich melden, denkt dann aber, als es nur eine Bekannte ist, »Ihr könnt mich mal.«
36.
Lorenz schaltet in den zweiten Gang, dann in den dritten Gang und als er feststellt, dass der Motor immer noch hochtourig läuft, in den vierten Gang. Wenn der Wagen zu schnell wird, bremst er nicht mit dem Bremspedal, sondern legt den dritten Gang wieder ein und lässt den Motor die Bremsarbeit verrichten. Er versucht sich auf das Fahren zu fokussieren, was ihm schwerfällt, denn er ist alleine auf der Straße und triftet deshalb immer wieder in seinen Gedanken ab. Ab und an schreckt er kurz auf, weil er bemerkt, dass er nicht mehr sagen kann, was die letzten Sekunden auf der Straße passiert ist.
Von der Seite bekommt er das Flimmern von Claudes Telefonbildschirm mit und denkt, wann Claude endlich kapiere, dass sie sich mehr mit sich selbst auseinandersetzen, als mit den sozialen Medien. In diesem Moment muss er an Anne denken und dass sie jetzt im Alter von Claude wäre.
Das rote Licht der Ampel reißt ihn aus den Gedanken und er bremst den Wagen langsam ab. Lorenz wendet seinen Blick auf den Innenrückspiegel, um zu prüfen, ob ein anderes Auto hinter ihnen steht, dabei kommt auch sein Bruder in sein Blickfeld. Die Ampel springt auf Grün. Lorenz schaltet wieder in den ersten Gang, beschleunigt und schaltet bis zum vierten Gang weiter.
Endlich, sagt er sich, immer wieder nur endlich. Er hat solange auf diesen Tag gewartet, dass ihm jetzt die Worte fehlen. Es wäre aber auch nicht so wichtig, sagt er sich im selben Augenblick, Hauptsache sei nur, sie hätten wieder zueinander gefunden. Er spürt, wie der gemeinsam verbrachte Tag auf ihn abstrahlt und ihn glücklich macht. Endlich, sagt er sich immer wieder, endlich.
Berauscht fokussiert er die Straße wieder, schaltet einen Gang runter, bevor an eine Abbiegung kommt, beschleunigt dann wieder und schaltet, als er sich wieder auf der Geraden befindet, einen Gang höher. Das monotone Geräusch des Motors besänftigt ihn.
Er schaut noch einmal in den Rückspiegel, sein Bruder ist eingeschlafen und Leni, angelehnt an die Schulter von Paul, schaut ihn an, er erkennt, wie ihre Augen strahlen und wendet dann seinen Blick wieder ab.
Die strahlenden Augen werfen ihn zu Hanna zurück, so sehr er versucht, sie aus seinem Leben zu verbannen. Bestimmte Sequenzen mit ihr, wenn sie der Gegenwart ähneln, schalten die Realität ab und konfrontieren ihn mit der Vergangenheit. Er kann das Strahlen in Hannas Augen nicht vergessen, dieses Strahlen hat sie zu dem Gemacht, was sie heute immer noch für ihn ist. Irgendwann war dieses Leuchten weg, er wusste, nicht weil ihre Gefühle für ihn verschwunden waren, ihr Schmerz hatte das Feuer langsam aber sicher zum Erlöschen gebracht. So sehr er damals versucht hatte, dieses Feuer wieder in ihre Augen zu bringen, es misslang ihm jedes Mal. Die Kraft ihres Schmerzes war stärker, als seine Bemühungen, dieses Leuchten in ihr wieder zu entfachen. Er spürt wieder Hannas Nähe, wird aber kurz von einem vorbeifahrenden Auto abgelenkt, holt es dann wieder hervor und wirft sich in das pure Gefühl der Geborgenheit. Er fühlt die gemeinsamen Abende auf der Couch, ihre Zärtlichkeit, den gemeinsamen Austausch, ihre Unbedingtheit, mit der sie seinen Blick suchte und ihre Freude, wenn sie ihn gefunden hatte. Früher, bevor Anne gestorben war, war diese Nähe das Glück auf Erden, heute machte es ihn traurig.
Das Flimmern des Bildschirmes neben ihm hat aufgehört, die Dunkelheit zu stören. Er wusste, er brauchte Claudes Nähe, ihre körperliche Existenz, sie tut seiner Seele gut und er empfindet auch etwas für sie, doch sobald er dieses Leuchten auch in Claudes Augen entdeckt, verschwimmt die Realität und Hanna zertritt die wiedergefundene Nähe.
Eine hell erleuchtete Tankstelle erweckte seine Aufmerksamkeit. Seine volle Blase drückt und er will einen Kaffee trinken. Er schaltet einen Gang runter und lässt den Wagen in die Einfahrt der Tankstelle rollen. Claudes Telefon vibriert und sie nimmt es in die Hand. Er merkt, wie er sich wieder aufregt, doch bevor er etwas sagen kann, legt sie es wieder zur Seite.
»Ich mache hier kurz einen Halt. Willst du was zu trinken?«
Claude dreht sich zu ihm, »sehr gern, bring mir bitte eine Cola mit«.
Er sieht das zufriedene Leuchten in ihren Augen, spürt die Traurigkeit, verdrängt sie aber gleich wieder und lächelt sie an.
»Ok, sonst noch jemand etwas von der Tankstelle«, er schaut in den Innenrückspiegel. Sein Bruder ist wieder wach. Lorenz wendet seinen Blick jedoch gleich wieder ab, als er sieht, dass Leni ihn küsst.
»Ich bring dann einfach zwei Flaschen Wasser mit.«
Lorenz fährt den Wagen auf einen freien Parkplatz, steigt dann aus, merkt seine volle Blase wieder, und eilt dann in die Tankstelle.
In der rechten hinteren Ecke der Verkaufsfläche stehen zwei Männer an einem Hochtisch, jeder hat ein Bier vor sich, und starren leer in den Raum. Links davon zieht sich eine wandhohe Kühleinheit, gefüllt mit Getränken, hoch. Rechts steht ein Regal mit Autozubehör und Waschutensilien.
Auf der gegenüberliegenden Seite davon ragt der Oberkörper der Tankwärtin hinter der Kassentheke hervor. Zwischen den beiden Wänden reihen sich Regale, in denen unterschiedliche Fressalien aufgestapelt sind. Vor der Kassentheke wartet ein Teenager auf die von ihm bestellten Zigaretten.
»Kann ich den Schlüssel für die Toilette bitte haben?« ruft Lorenz in den Raum, ohne abzuwarten, ob die Frau ihn registriert hat.
»Einen Moment, junger Mann, sie sehen doch, ich bediene gerade«, bäfft die Tankwärtin ihn an und holt dann eine Schachtel Marlboro aus der Zigarettenwand und legt sie dem Teenager hin.
»Du weißt, ich gebe dir die Dinger nur, weil ich deinen Vater kenne.«
Der Junge bedankt sich, nimmt die Schachtel, gibt ihr das abgezählte Geld und läuft dann in Lorenz Richtung. Auf der Höhe von Lorenz hebt er seinen Kopf und grinst ihn an.
»Kann ich bitte den Schlüssel für’s Klo haben, mir platzt gleich die Blase.«
Die beiden Männer lachen, »los Emma, gib ihm schon den Schlüssel, sonst macht er sich noch in die Hose.«
Lorenz lässt es über sich ergehen, eilt zur Theke und reißt der Frau, als sie ihm den Schlüssel hinhält, ihn ihr aus der Hand, rennt wieder hinaus und dann zur Toilette. Der erste Strahl Urin bringt die erhoffte Erleichterung. Als er fertig ist, wäscht er sich die Hände und denkt kurz darüber nach, ob er das vor dem Pinkeln nicht auch hätte machen sollen. Auch wenn es zu spät ist, reißt er ein Papierhandtuch ab, befeuchtet es mit der Flüssigkeit aus dem Hygienespender und desinfiziert damit den Schlüssel. Genauso macht er es mit dem Türknauf und wirft, als er wieder draußen ist, das Tuch in den Mülleimer, der vor der Eingangstür steht.
Er betritt wieder den Laden und schaut zu den beiden Männern, die sofort wieder zu lachen anfangen, »Na, daneben gepinkelt?«
Lorenz reagiert nicht darauf, läuft zum Kühlregal, nimmt eine Cola sowie zwei Flaschen Wasser und geht dann zur Kassentheke.
»Danke für den Schlüssel«, die beiden Männer lachen weiter, »und bitte einen Becher Kaffee noch«
Lorenz zahlt, als alles vor ihm steht. Mit der Cola und dem Becher Kaffee jeweils in einer Hand, und den beiden Flaschen unter die Arme geklemmt, verlässt er die Tankstelle. Das Lachen der Männer hört abrupt auf, als die Türe sich hinter ihm wieder schließt.
Als es wieder still ist, kommt ihm der grinsende Junge wieder in den Sinn. Diese Fratze des jugendlichen Übermutes kennt er zu genüge von seiner Arbeit und er hat sie sofort durchschaut. Auch wenn er versucht, die Arbeit aus seinem Privatleben herauszuhalten, erkennt er trotzdem, wenn ein Jugendlicher Probleme hat. Es ist immer wieder das gleiche Schema, die Kinder, die nach Außen das stärkste Auftreten an den Tag legen und immer auf Angriff gepolt sind, denkt er, machen Erfahrungen, die ihnen die Kindheit rauben und sie viel zu früh, ohne Schutz, mit den Problemen der Erwachsenenwelt konfrontieren. Er weiß, dieses überzogene Grinsen ist ein einziger Schrei nach einfacher Liebe und Geborgenheit. Die Fratze ist nur die Reaktion auf die Härte der Realität, mit der der Junge in ihrer Gänze bereits als Kind gestraft ist. Die Gesellschaft sieht in ihnen nur den funktionsuntüchtigen Abschaum und wirft sie wie Müll einfach weg. Sein Job, das hat er mittlerweile verstanden, ist der des Müllsammlers, dessen Aufgabe es ist, den Müll wiederverwertbar zu machen. Lorenz erkennt, dass er schon wieder zu viel hineininterpretiert und baut sofort eine mentale Grenze auf. Trotzdem lässt er die Ohnmacht, die ihm diese Konfrontation bereitet, an sich heran, berührt es nochmals ungefiltert, verstaut es dann wieder und geht dann zum Auto.
Als er die Wagentür öffnet, schlafen alle. Er stellt den Kaffee ab und legt den Rest in den Fußraum auf der Beifahrerseite.
»Solche Arschlöcher,« konsterniert er und wischt die beiden Männer aus seinem Gedächtnis, steckt den Zündschlüssel ein und startet den Motor. Wieder auf der Straße beschleunigt er und schaltet vom ersten Gang in den zweiten und dann in den dritten Gang. Er schaut zu seiner schlafenden Freundin und konzentriert sich dann wieder auf die Straße. Die Scheinwerfer eines anderen Autos kommen von hinten auf ihn angerast, das Licht blendet ihn im Rückspiegel. Das andere Auto setzt den Blinker und überholt ihn. Erst als es wieder weg ist, legt sich die Nacht wieder über sie. Nach kurzer Zeit erreichen sie die Autobahnauffahrt. Lorenz biegt ein, beschleunigt auf der Einfahrtsspur, lenkt den Wagen auf die Fahrbahn und schaltet dann in den höchsten Gang. Die Autobahn ist genauso leer wie Straßen in der Stadt. Immer wieder prüft er durch den Rückspiegel, ob ein Auto angefahren kommt. Paul ist wieder wach. Lorenz merkt, wie Paul ihm seine Hand auf die rechte Schulter legt.
»Lorenz«
»Ja, was ist Paul?«
»Danke.«
37.
Nach der Arbeit machte sie noch einen Abstecher zum Fluss. Sie war direkt hingelaufen, lehnte sich an das Geländer und sah dem Wasserstrom dabei zu, wie er langsam an ihr vorüberfloss. Das Geräusch der Strömung verwies das rege Treiben um sie herum in den Hintergrund. Sie atmete tief ein, machte die Augen zu und hörte nur auf das sanfte Plätschern des dahingleitenden Wassers und öffnete dann wieder die Augen, um dem Fluss dabei zuzusehen, wie er sich seinen Weg durch die Stadt bahnte. Vollkommen bei sich, mit der Hand am Geländer, lief sie einfach in die Richtung, die der Fluss ihr vorgab. Auf der danebenliegenden Straße staute sich der Lärm der Autos, doch der Fluss nahm sie zu sich auf und schützte sie davor, er machte sie immun gegen alle störenden Einflüsse von außen.
Nach einiger Zeit spürte sie den Boden wieder unter Füßen, hatte den Stress des Tages abgelegt und war wieder mit sich zufrieden. So lief sie noch einige Zeit weiter, bis sie an eine Brücke kam, an der sich der Fluss staute und danach eine leichte Biegung machte, weshalb sich eine kleine Landzunge gebildet hatte und das Wasser etwas seichter war. Auf der rechten Seite der Brücke führte eine Treppe hinunter. Sie hatte Lust, noch näher ans Wasser zu gehen, ergriff die Chance und lief die Treppe hinab. Unten vermengte sich das harte Gestein der Stadt mit dem Kiesboden des natürlichen Strandes. Sie war nicht alleine auf die Idee gekommen, an diesem Nachmittag den Fluss zu besuchen. Es hatten sich schon einige Leute auf der Landzunge einen Platz ausgemacht. Familien mit Kindern saßen im Pulk beieinander und lärmten vor sich hin. Vereinzelt lagen Handtücher herum. Kurz vor der Biegung, unterhalb der Brücke gelegen, sammelte sich das Wasser und bildete ein tiefes Becken. Ein kleiner Steg führte zu einer Schaukel, die an einer Querstrebe der Brückenkonstruktion festgemacht war. Auf der anderen Seite zog sich ein kleiner Pfad bis zum Steinfundament der Brücke hoch, von wo es möglich war, auf eine höher gelegene Stahlstrebe zu klettern. An diesem Punkt befand sich die tiefste Stelle im Wasser.
An einem etwas abseits gelegenen Platz, von dem sie das Geschehen immer noch gut einsehen konnte, hockte sie sich auf den. Im tieferen Teil schwammen mehrere Leute. Ein Junge überquerte im seichteren Wasser den Fluss. Sie machte ihre Tasche auf und holte das Buch heraus, das sie kurz bevor sie den Fluss erreicht hatte, in einer kleinen Buchhandlung gekauft hatte. Sie schaute noch einmal zum Fluss und sah, wie der Junge mittlerweile bei der Querstrebe angekommen war. Eine Frau war aufgestanden und schaute ihm dabei zu. Er setzte mutig an und machte dann einen Sprung ins Wasser. Die Frau jubelte ihm zu und nahm ihn in den Arm, als er aus dem Wasser kam.
Sie schlug die erste Seite des Buches um und begann zu lesen. Ganz vertieft darin, rauschte das rege Treiben um sie herum, vor sich hin. Nur ein kurzer Kinderschrei schreckte sie auf, war dann aber sofort wieder beruhigt, als sie feststellte, dass die Mutter das Kind schon im Arm hatte. Sie bemerkte den Mann zuerst nicht. Erst als sie kurz den Kopf nach rechts drehte, sah sie, wie einige Meter von ihr entfernt, ein adrett gekleideter Mann ebenfalls Platz genommen hatte und auf den Fluss schaute. Sie ließ weiter.
»Darf ich fragen, was sie lesen?«
Sie hob den Kopf und erkannte den Mann wieder, der jetzt vor ihr stand und sie nach ihrer Lektüre fragte. Er trug einen maßgeschneiderten blauen Anzug und eine dazu passende unifarbene Krawatte. Er war ihr vom ersten Augenblick irgendwie sympathisch gewesen.
»Ach nichts Besonderes, nur einen Liebesroman, den ich mir vorher gekauft habe.«
»Einen Liebesroman also!«
»Warum, was dachten sie denn?«
»Als ich sie hier abseits sitzen sah, dachte ich an Brontë oder Ferrante.«
»Ehrlich, nein, das wäre mir heute zu schwere Kost!«
»Darf ich mich zu ihnen setzen?«
Sie wusste nicht, ob ihr das zu nah war, eigentlich wollte sie ihre Ruhe haben, gab dann ihrer inneren Stimme nach und räumte ihre Tasche weg. Er setzte sich neben sie und schaute dann hinunter zum Fluss. Sie bemerkte, dass die Nähe ihr gut tat, er machte einen gepflegten Eindruck und roch gut. Sie tat es ihm gleich und beobachtete eine junge Frau dabei, wie sie über den Steg lief, die Sitzfläche der Schaukel ergriff und damit an den Rand lief. Dort angekommen schlüpfte sie durch die beiden Seile und nahm auf der Sitzfläche Platz, um dann elegant über das Wasser zu schweben.
»Ich heiße übrigens Paul!«
Auch wenn es ihr zu schnell ging, sagte sie ihren Namen, »Leni!«
»Hallo Leni, nett dich kennenzulernen.«
»Ebenfalls!«
Er verstummte wieder. Ein zweiter Junge, älter als der vorherige, rannte den schmalen Pfad hinauf und dann über das Fundament zur Querstrebe, wartete kurz und sprang in den Moment, als die Schaukel mit der Frau auf ihn zukam, und machte dann eine Bombe ins Wasser.
Die junge Frau schrie in Richtung Strand: »Mama, Ferdinand hat mich nassgespritzt!«,
»Ferdinand, lass deine Schwester in Ruhe!«, rief die Mutter den Jungen zu.
»Ach Mama, du verdirbst mir den ganzen Spaß«, und schwamm wieder zum Ufer.
»Bist du öfter hier?«, fragte sie Paul.
»Nein, nicht mehr so oft. Früher war ich öfter hier, da gab es noch mehr Möglichkeiten zum Baden. Nach der Begradigung des Flusses ist nur diese Stelle übrig geblieben.«
»Du bist hier aufgewachsen?
»Ja.«
»Ich lebe hier erst seit fünf Jahren, hatte keine Lust, mit dem Auto zur Arbeit fahren zu müssen.«
»Wo arbeitest du denn?«
»Beim Versicherungsbüro in der Stadtmitte. Darf ich dich was fragen?«
»Kein Problem!«
»Mich würde interessieren, was für Bücher wohl ein Mann liest, der sich in seinem Anzug ans Ufer eines Flusses setzt?«
»Ach, ich komme nicht so oft zum Lesen von Romanen. Die meiste Zeit lese ich nur Wirtschaftsberichte oder Aktienanalysen, das ist mein Job.«
»Das stelle ich mir ganz schön trocken vor!«
Plötzlich hörten sie Stimmen auf der Treppe und kurz danach stürmte eine Horde älterer Jugendlicher an ihnen vorüber und okkupierte dann den kleinen Strand für sich. Sie lachten dabei, zogen sich um und beeilten sich, ins Wasser zu kommen. Einige Jungs machten sich einen Spaß daraus, die Mädchen zu tunken, andere reihten sich am Brückenfundament auf und vollzogen stolz kleine Kunststücke beim Springen. Eingeschüchtert saßen die beiden Jungs von vorher am Ufer und schauten zu, wie die Älteren den Ort für sich beanspruchten. Ein Vater stand auf und bat darum, die Jüngeren auch einmal springen zu lassen.
»Naja, das ist mein Job, ich verdiene mein Geld damit.«
»Ehrlich, du arbeitest an der Börse.«
»Nein, meine Firma handelt nicht direkt an der Börse, wir haben verschiedene Fonds in unserem Portfolio und bieten Finanzdienstleistungen an.«
Sie erwiderte nichts und schaute ihn nur an.
»Entschuldigung, das muss dich langweilen.«
»Weshalb, irgendwie arbeiten wir ja in einem ähnlichen Metier.«
Die beiden Jungs hatten sich getraut, zu den anderen auf das Fundament zu klettern und hatten sich in die Schlange eingereiht. Drei Mädchen aus der Gruppe schwammen zum Ufer, kicherten dabei und stritten darüber, wer als Erstes auf die Schaukel dürfe.
»Was machst du sonst noch, außer Liebesromane lesen?«
»Das übliche, ich koche ganz gerne und einmal die Woche gehe ich ins Fitnessstudio. Und du, was machst du, wenn du keine Aktienberichte liest?«
»Wenn es die Zeit zulässt, verreise ich gern.«
»Das mach ich auch gern.«
Unten am Fluss war es wieder ruhiger geworden. Ein Pärchen aus der Clique war im tiefen Wasser geblieben. Sie küssten sich innig. Leni und Paul schauten den beiden dabei zu und sagten nichts.
Paul’s Telefon fing an zu vibrieren. »Macht es dir was aus?«
»Nein, kein Problem, geh ruhig ran!«
Er stand auf, ging einige Schritte weg und nahm das Gespräch an. Es dauerte nicht lang und er kam zurück.
»Die Arbeit ruft, ich muss leider wieder zurück.«
Leni schaute ihn verdutzt an.
»Aber wie findest du die Idee, wenn wir uns später in der Stadt treffen?«
Sie lächelte und sagte: »Sehr gern!«
»Um acht Uhr, im Café Wunderbar, kennst du das?«
»Wer kennt das nicht, ja, ich freu mich.«
»Also, dann bis acht Uhr!«
»Ja, bis um acht.«
Er ging die Treppe hoch und war dann weg. Leni merkte, wie aufgeregt sie war und es nicht fassen konnte, dass sie heute Abend noch ein Date hatte. Das Pärchen kam Hand in Hand aus dem Wasser und gesellte sich wieder zu ihren Freunden. Leni nahm das Buch in die Hand und versuchte, wieder weiterzulesen. Der Gedanke an Paul vernichtete das Vorhaben. Sie legte es wieder zurück und ließ das neue Gefühl zu. Sie freute sich, ihn am Abend wiedersehen zu können.
Am Fluss unten machte sich die Gruppe mit den Familien zum Gehen fertig. Vollgepackt mit familiengerechten Badeutensilien kamen sie in ihre Richtung gelaufen. Die Erwachsenen grüßten sie, als sie an ihr vorbeikamen und dann über die Treppe ebenfalls verschwanden. Ein älteres Mädchen war währenddessen zur Schaukel gegangen und schwang sich mit zurückhängenden Oberkörper über die glatte Oberfläche des Wassers. Leni lächelte und fühlte sich verbunden. Sie packte das Buch wieder ein und folgte den anderen die Treppe hinauf.
Leni schaut zur Seite, als Paul eingeschlafen war, hatte sie endlich Zeit gehabt, die Situation auf sich wirken zu lassen und musste dann an den Tag ihres Kennenlernens denken. Eigentlich wollte sie ihn nicht mehr sehen, nachdem er vorher angerufen und ihr gestanden hatte, dass er zu seinem Vater fahren würde, anstatt zu ihr zu kommen. Aber als Lorenz und Claude bei ihr geklingelt hatten und ihr erzählten, was mit Paul los war, wollte sie sich selber davon überzeugen und war kurzerhand mit runtergegangen. Als sie ihn am Auto stehen sah und er sie begrüßt hatte, war ihr sofort seine Offenheit aufgefallen, deshalb hatte sie sich entschieden, dann doch mitzufahren.
Paul wird unruhig, offensichtlich träumt er. Sie richtet sich auf und versucht ihn zu beruhigen, indem sie ihre Hand auf seinen Oberschenkel legt. Er beruhigt sich nicht. Sie weckt ihn auf und küsst ihn. Als er wieder eingeschlafen ist, muss sie wieder an den ersten Abend denken.
Nachdem sie sich um acht im Café Wunderbar getroffen und dort etwas gegessen hatten, waren sie noch gemeinsam zum kleinen Strand am Fluss gegangen. Sie wollte unbedingt schaukeln. Paul zog sich währenddessen seine Schuhe und die Socken aus und ging am seichteren Bereich ins Wasser. Leni stieg von der Schaukel und folgte ihm, als sie sich die Füße frei gemacht hatte, nach. Auf der Brücke fuhr ein Auto vorüber und erhellte kurz die Umgebung. Leni hatte sehen können, wie Paul die ganze Zeit sie angeschaut hatte. Das kalte Wasser hatte ihr nichts ausgemacht. Vorsichtig ging sie auf ihn zu und umarmte ihn dann. An diesem Abend hatten sie sich das erste Mal geküsst.
38.Die Reibung der Reifen übertönt mit ihrer gleichmäßigen Akustik die Beredsamkeit der Nacht. Das monotone Geräusch wird nur unterbrochen, wenn der Straßenbelag sich ändert oder im Wageninneren, durch eine Positionsänderung eines Insassen, die meditative Atmosphäre verscheucht wird und bei den anderen Insassen eine Kettenreaktion auslöst.
Lorenz zündet sich eine Zigarette an. Claude prüft ihr Telefon auf konsumierbare Inhalte. Leni nimmt eine bequemere Haltung ein. Paul öffnet kurz die Augen, weil er aus dem Schlaf gerissen wurde. Ein steter Reigen von Aktion und Reaktion nimmt seinen Lauf. Claude kurbelt das Fenster herunter. Paul träumt von einem verheerenden Sturm, Lorenz verliert für einen kurzen Moment den Fokus auf die Straße und schaut irritiert zu. Claude und Leni beugen sich in Richtung Fenster, damit sie den kühlenden Luftzug besser abbekommen. Paul beginnt wieder im Schlaf zu reden, Leni richtet sich wieder auf und versucht, von Pauls Gerede etwas zu entziffern. Claude macht das Radio an und Lorenz sucht einen Fixpunkt am stockfinsteren Horizont zu ergattern. Leni schmiegt sich an Paul, Claude wühlt im Handschuhfach nach einer passenden Musik, da im Radio nur das Nachtprogramm läuft. Lorenz freut sich über die Ablenkung, die ihm ein Straßenschild am Straßenrand bietet. Paul wacht auf und sagt: »Ich muss auf’s Klo.«
»Bei der nächsten Möglichkeit fahre ich raus. In zwanzig Kilometern kommt ein Parkplatz, da gibt es auch Toiletten.«
Während Paul auf seinen Harndrang konzentriert ist und mit jeder Minute, die verstreicht, von seinem Körper darauf aufmerksam gemacht wird, wie dringlich er austreten muss, löst sich Leni von ihm und nimmt eine für Paul spürbare Distanzhaltung ein. Auch wenn sie eine tiefe Verbundenheit zu ihm spürt, hämmert der Schlag, den der Anruf von Paul bei ihr verursacht hat, auf sie ein. Eigentlich hatte sie mit ihm abgeschlossen. Sie möchte nicht noch einmal an seiner Kälte, seiner Ignoranz und der Unfähigkeit, seine Gefühle nicht zum Ausdruck bringen zu können, auflaufen. Ihr Schmerz zerrt sie von seiner körperlichen Nähe weg und blockiert den Wunsch, alles wieder in Vergessenheit geraten zu lassen, um dann wieder irgendwann erkennen zu müssen, dass sie keinen Schritt weiter gekommen sind.
Paul nimmt die Veränderung sofort wahr und kann sich zuerst keinen Reim darauf machen, baut deshalb selber eine innere Schranke auf und stellt sich auf einen Angriff seitens Leni ein. Doch im selben Moment öffnet etwas diese Schranke wieder, da sein Verdrängungsmechanismus versagt. Plötzlich kann er Leni verstehen und sieht, wie kalt sein Verhalten auf sie wirken muss, wenn er auf Distanz ginge. Er durchbricht seine Muster, öffnet sich ihr und bewahrt das Gefühl, von dem er weiß, dass es die Brücke zwischen ihnen beiden ist.
»Leni!«, sie reagiert nicht.
»Leni, red mit mir!«, sie dreht ihren Kopf zu ihm und Paul konsterniert ihre Traurigkeit.
Paul erschrickt und kämpft gegen sein programmatisches Verhalten an. »Leni, es tut mir leid. Ich wollte dich nicht verletzen. Glaub mir das bitte. Geh jetzt bitte nicht weg, ich brauche dich!«
»Weißt du, Paul», sie weint jetzt, »das hast du schon öfter gesagt und es hat sich nichts geändert. Woher soll ich die Hoffnung nehmen, um dir ein weiteres Mal zu glauben zu können? Manchmal frag ich mich, wie alt du bist. Auf der einen Seite bist du ein erfolgreicher Geschäftsmann, kommt man dir menschlich näher, bist du eine einzige Enttäuschung. In den Momenten kommt es mir dann so vor, als wärst du ein kleiner Junge, der sich bockig in sein Zimmer verzieht und erst wieder herauskommt, wenn Mama ihn in die Arme geschlossen hat und ihm zigmal beteuert hat, dass alles wieder in Ordnung ist. Wann willst du erwachsen werden? Du kannst dich nicht jedes Mal in dein Schneckenhaus verziehen, wenn wir einen Konflikt haben. Ich habe nicht mehr die Kraft, die Mutter für einen erwachsenen Mann zu sein. Weißt du, ich habe auch meine Bedürfnisse und meine Geschichte.«
Paul merkt, wie er sich wieder verschließen will und damit anfängt, ihre Beweggründe zu analysieren.
»Nein, nicht ich gehe weg, Paul. Du gehst weg und lässt niemanden mehr an dich ran. Nicht nur deine Gefühle sind verletzt worden, meine sind auch verletzt worden. Das macht mich einfach nur traurig. Warum kannst du nicht einfach über deinen Schatten springen und akzeptieren, dass in diesem Moment von dir erwartet wird, dich zu öffnen und einfach nur für den anderen da zu sein. Einmal nur, Paul!« Leni rückt immer mehr von ihm ab. Sie möchte nur noch nach Hause.
Paul kann mit ihrem Ausbruch nicht umgehen. Er fühlt seine Gedanken und fährt innerlich gegen eine Wand. Er weiß nicht mehr, was er fühlen und denken darf. Er kann mit dieser Erwartung nicht umgehen, er möchte seine Ruhe wieder finden können. Doch die Gegenwart von Leni verhindert diese Ruhe. Im fehlen der Worte und der Druck wird immer größer. Seine Gedanken reiten in eine dunkle Richtung und finden keinen Halt mehr im Jetzt. Alles scheint sich aufzulösen. Plötzlich findet er einen Weg nach draußen und ist selber über sich verblüfft. »Du hast Recht, ich bin ein Egoist. Ich denke nur an meine eigene Verletzlichkeit und übersehe dabei meine Mitmenschen. Es tut mir leid, das war nicht fair von mir und ich weiß, es reicht nicht, es nur zu sagen. In Wirklichkeit habe ich nie gelernt, mit Konflikten umzugehen, es gab immer nur schwarz und weiß. Aber das ist zu einfach, in Wahrheit ist es sehr facettenreich und der Verstand alleine reicht nicht aus, eine Lösung für das Problem zu finden. Es ist ein Teufelskreis, je mehr ich versuche, meine verletzten Gefühle zu verstehen, erreiche ich nur das Gegenteil, dabei will ich dich in diesen Momenten einfach nur in den Armen halten, pralle aber gegen deine Distanz. Womit der Kreislauf wieder beginnt.«, er spürt den Panzer brechen.
»Das sind wieder nur Worte, Paul, damit erreichst du vielleicht meinen Verstand, keine Frage, manchmal hilft das, nur jetzt erreichst du mich so nicht«, sie verkriecht sich in die hinterste Ecke der Rückbank. Doch plötzlich macht Paul etwas, was er noch nie gemacht hat. Er lächelt sie an, nimmt ihre Hand und sagt: »Mehr nicht, nur die Hand«, und sie begreift die Brücke, die er ihr bietet.«
»Du weißt, das reicht nicht!«
»Ja, das weiß ich, aber es ist ein Anfang.«
»OK, es ist ein Anfang, ein kleiner Anfang!«
Die Antwort verscheucht ihn sofort wieder und er möchte sich zurückziehen. Er spürt das Kind und wie es schreit, einfach nur schreit, weil es nicht das bekommt, was es sich so sehnlichst wünscht. Er überwindet den Drang und zerschlägt das Schneckenhaus. Er spürt ihre Hand, riecht ihre Nähe und lächelt wieder. »Nur ein kleiner Anfang, du hast recht!«
Das Telefon von Claude vibriert und blinkt. Sie nimmt es reflexhaft in die Hand und entsperrt den Bildschirm.
Ohne Vorwarnung tadelt Lorenz sie: »Herrgott, kannst du nicht einmal dieses scheiß Telefon vergessen, es nervt wirklich!«
Claude ist kurz überrascht über den Wutausbruch und erwidert dann nur. »Du bist nicht mein Vater, Lorenz. Außerdem hast du keine Ahnung, also halt dich da bitte raus.«
Damit hat Lorenz nicht gerechnet. Claude verschränkt die Arme und wendet sich ab.
Lorenz verflucht seine Aussage und wünscht sich, er hätte lieber nichts gesagt. Sie kommen immer wieder an diesen Punkt, denkt er, und immer wieder entlarvt sie seinen Vatertick. Ist das der einzige Grund, warum er sich zu ihr hingezogen fühlt, weil er sie als seine Tochter identifiziert hat? Woher nimmt er sich das Recht, sich in ihr Leben einzumischen? Es ist ihre Angelegenheit, was sie macht oder nicht macht. Er würde sich gerne bei ihr entschuldigen und realisiert, dass er jetzt keinen Zugang zu ihr finden wird.
Sie fahren wieder an einem Straßenschild vorbei. »Der Parkplatz kommt in 1000 Metern, dort halte ich an.«
Leni setzt sich wieder bequemer hin, Claude verharrt in ihrer Haltung und sehnt sich nach dem Anruf ihres Vaters, Paul ist glücklich. Lorenz konzentriert sich auf die Straße. Claude beruhigt sich. Leni ist glücklich. Paul ist weiterhin glücklich, Lorenz lenkt den Wagen auf die Ausfahrt, die zum Parkplatz führt, und Claude möchte wieder mit Lorenz Frieden schließen.
Am Ende der Auffahrt sucht Lorenz den Blickkontakt zu Claude. Paul richtet sich auf, als sie beim Parkplatz zum Stehen kommen. Claude erwidert den Blickkontakt von Lorenz. Leni beschließt ebenfalls, auf die Toilette zu gehen und öffnet die Wagentür.
Alle vier verlassen den Wagen. Claude, Paul und Leni gehen zu den Toiletten. Lorenz bleibt beim Wagen, zündet sich eine Zigarette an und beobachtet den Nachthimmel. Ein Auto rast mit hoher Geschwindigkeit am Parkplatz vorbei. Die Abblendlichter des Wagens sind die einzige Lichtquelle. In ihrem Licht erkennt Lorenz nur die Konturen seiner zurückkehrenden Mitfahrer. Die drei bleiben bei Lorenz stehen.
»Soll ich fahren, Lorenz?«, fragt Paul.
»Nein, ich sage Bescheid, wenn es nicht mehr geht.«
Paul und Leni steigen wieder in den Wagen und lassen die beiden allein.
»Entschuldigung, Claude, es war dumm, was ich gesagt habe.«
»Entschuldigung angenommen«, Claude schaut ebenfalls in den Nachthimmel, »vielleicht hast du gar nicht so unrecht damit. Eigentlich warte ich nur auf einen Anruf, aber das Warten ist vermutlich umsonst!«
»Auf welchen Anruf wartest du?«
»Das ist so eine Sache.«
Lorenz unterbricht seine Suche im Nachthimmel. »Willst du mir etwas sagen?«
»Ich warte auf den Anruf meines Vaters«, und wendet ihren Blick auf den asphaltierten Boden vor ihren Füßen und erinnert sich an das Schreien ihres Vaters und seinen Unwillen zum Frieden. »Meine Eltern haben mir alles gestrichen, weil ich mein Studium vorzeitig beendet habe. Das wäre nicht so schlimm, aber mein Vater hat seitdem nicht mehr mit mir gesprochen.«
»Wie meinst du das? Was ist los?«, er geht mit der Hand zu ihrem Kinn und führt ihren Kopf zärtlich in seine Richtung, »Claude, erzähl mir, was passiert ist!«
Sie windet sich um eine Antwort und bringt nur unzusammenhängende Sätze heraus.
»Beruhig dich«, er nimmt sie in den Arm, »du erzählst es mir irgendwann einmal und lehnt sich wieder neben ihr an den Wagen. Gemeinsam schauen sie in den Nachthimmel.
»Kommt ihr, wir sollten weiterfahren!«, fordert Paul sie aus dem Wageninneren heraus. Kurz bleiben sie noch im Moment verhaftet und folgen dann den anderen in den Wagen.
39.
Im Wagen ist es still. Keiner der Insassen spricht etwas oder bewegt sich. Durch das offene Fenster der Beifahrerseite dringt der monotone Widerhall der Nacht ins Wageninnere. Die Straße führt durch ein langgezogenes Waldstück. Die Baumreihen gleiten am Fenster vorüber. Ein leichter Sommerwind setzt ein und fließt sanft durch die Baumwipfel. Das Rauschen verändert die nächtliche Monotonie spürbar und es scheint, als wolle der Wald einem etwas erzählen. Im Scheinwerferlicht kann man den Tanz des Geästs beobachten.
Sie sind immer noch alleine auf der Straße. Vor ihnen liegt die betonierte Schneise, die die Autobahn durch den Wald fräst. Die engmaschig aneinandergereihten Bäume hüllen die Umgebung in Finsternis ein. Wenn es davor dunkel war, ist es jetzt stockfinster und ohne das Scheinwerferlicht würde man die eigene Hand nicht mehr vor Augen sehen. Wie ein Abwasserkanal, der keine Anfang und kein Ende hat, schiebt sich der vor ihnen liegende Tunnel durch die Nacht. In der Ferne wird es heller und das Ende des Tunnels lässt sich erahnen. Als sie das Waldstück verlassen, öffnet sich ihnen die Welt und sie plumpsen wie ein Neugeborenes in die offene Ebene.
Wie ein steinerner Fluss fließt die Straße durch die mondbeschienene Landschaft. Das Lichtermeer der Dörfer und Städte, die an beiden Seiten auftauchen und wieder gehen, gräbt sich wie eine willkürlich hingeschmissene Sternenformation ins Gelände.
Lorenz merkt, wie er langsam müde wird. »Paul, kannst du bitte übernehmen!«
»Ja, gerne!«
Die Autobahnraststätte ist vollgeparkt mit LKWs. Lorenz beginnt, einen Parkplatz zu suchen und findet einen am Eingang zum Restaurant, das direkt an die Tankstelle anschließt. Eine Gruppe von Leuten sammelt sich vor dem Eingang und betritt dann gemeinsam das Restaurant. Nur von der Tankstelle und dem Restaurant wird Licht in die Nacht verstreut. In der Feuchtigkeitssilhouette der schwülen Luft bricht sich das Licht. Jeder Wasserpartikel ist mit heller Energie beladen und bildet in Summe eine sichtbare Aura um jede Lichtquelle.
Von Zeit zu Zeit verirrt sich ein anderes Auto auf dem Gelände der Raststätte. Die meisten möchten nur tanken und bleiben deshalb bereits bei der Tankstelle stehen. Andere stellen das Auto ab, vertreten sich die Füße oder gehen etwas essen.
Lorenz, Claude, Paul und Leni steigen aus dem Wagen und wechseln ihre Sitzplätze. Paul begibt sich zum Fahrersitz und Leni nimmt neben ihm auf dem Beifahrersitz Platz. Lorenz legt sich auf die Rückbank. Claude lehnt sich bequem mit dem Rücken gegen seinen Oberkörper und schmiegt sich dann sanft an ihn. Paul prüft die Rückspiegel und justiert sie für seine Bedürfnisse neu. Mit der rechten Hand geht er unter den Sitz, zieht den dort befindlichen Griff nach oben und schiebt dann seinen Sitz in eine für ihn bequeme Position. Bevor er den Zündschlüssel umdreht, schaut er noch einmal zu Leni und atmet sie ein, als sie ihm ihre Aufmerksamkeit widmet. Erst dann drückt er mit dem linken Fuß das Kupplungspedal ganz durch, startet den Motor und schiebt dann den Ganghebel in den ersten Gang. Langsam nimmt er den Fuß von der Kupplung und gibt gleichzeitig vorsichtig mit dem rechten Fuß Gas. Kurz bewegt sich der Wagen, verschluckt sich dann aber, als Paul die Kupplung zu schnell freigibt und kommt abrupt wieder zum Stehen. Beim zweiten Versuch gelingt Paul das Manöver. Er lenkt den Wagen gemächlich Richtung Autobahneinfahrt. Lorenz ist eingeschlafen. Claude schaut auf ihr Telefon und Leni genießt den Fahrtwind.
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