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1. Das Haus - Das Haus oder Tagebuch einer Unglücklichen

  • privat8773
  • 21. Sept. 2025
  • 38 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19. Dez. 2025

Kurzer Hinweis zur Entstehung des Textes. Ihr lest hier die Erstfassung, d.h.zuerst schreibe ich mit Füller eine Art Vorlage in mein Notizbuch und versuche damit, in einem ersten Schritt, meiner dilettantischen Schreibkraft Herr zu werden. In einem zweiten Schritt extrahiere ich diese Skizze und übertrage sie auf meinen Rechner. Das Ergebnis dieser ersten Reinschrift könnt ihr hier lesen. Warum gehe ich so vor und mute euch das zu. Ganz einfach, wenn ich nach hinten schaue, verliere ich vielleicht den imaginären Bezug zur Geschichte. Erst wenn die Geschichte fertig ist, werde ich ich den Mut aufbringen, sie in ihrer Gänze noch einmal zu lesen.

Das Haus

1.

Erinnerungen überfallen sein Gedächtnis, als er durch die Haustür tritt. Gut verstaute Halbwahrheiten seiner Kindheit schleichen in seine Wahrnehmung. Als wäre es erst gestern gewesen, überschatten vergessen geglaubte Eindrücke seinen Blick auf den Moment. Er bleibt stehen. Tage der Kindheit überschwemmen ihn. All die schönen Erinnerungen, die Sonnen in seinem Herzen, die ihn mit Freude erfüllten und die weniger schönen, traurigen Erinnerungen, die den tiefen See in ihm gefüllt haben. Alles kommt zurück, alles, was er in diesem Haus erlebt hat. Jetzt nimmt er den Geruch erst wahr. Das Haus riecht nach ihr und instinktiv ist es wieder von der Zeit erfüllt, in der es sich in einem besseren Zustand befunden hatte. Er spürt wieder den festen Anker, den es früher für ihn dargestellt hat. Die wieder aufkeimende Abhängigkeit zu diesem Haus trägt die Früchte ihres Lebens, ihre ganze Passion in sich, liebevoll hat sie es gehegt und gepflegt. Im Laufe der Jahre goss sie mit großer Willenskraft ein Fundament daraus, das ihr genügend Schutz und Stabilität bot, um den Gepflogenheiten des Lebens standhalten zu können. Sie machte es zu ihrem Schiff, immer bereit, unruhige Gewässer zu meistern. Nachdem die Beziehungen zu Männern eher das Gegenteil bewirkten, entschied sie, ihr Leben selber in die Hand zu nehmen und verbat ab diesem Zeitpunkt jedem Mitmenschen die Einflussnahme auf dessen Verlauf. Neben ihren Kindern war das ihr Masterplan, alles andere ordnete sie dieser Aufgabe unter.


2.

Aber das Haus hängt ihr auch wie ein Klotz am Bein, denkt er, als er sich im Flurspiegel seinen akkurat sitzenden Anzug betrachtet und die Krawatte zurechtrückt. Seit einiger Zeit schon hatte sie nicht mehr die Kraft, es sauber zu halten, geschweige denn, selber Hand anzulegen und notwendige Handwerksarbeiten daran zu verrichten. Unzählige Male hat er ihr gesagt, sie soll das Haus endlich verkaufen und eine kleine Wohnung mit Garten suchen. Wie immer hat sie dicht gemacht. Starr verhaftet in ihrer Position trat sie keinen Schritt davon ab. Es ist ihr unmöglich, der Realität ins Auge zu sehen und von der toxischen Beziehung Abschied zu nehmen. Es ist ihr letzter Anker, ein letztes Indiz ihrer bürgerlichen Existenz.

Er schaut an die Wand gegenüber der Eingangstür. Das Ackermann-Bild ist immer noch an seinem alten Platz, es war schon dort, als sein Vater noch mit im Haus gewohnt hatte. In der schmalen Garderobe hängt ihr alter Mantel und ein Regenschirm.

Rote Fließen beschreiben den Weg durch das untere Stockwerk. Er wendet sich ab und prüft dabei noch einmal sein Spiegelbild. Das Treppenhaus wird vom Esszimmer auf der linken Seite nur durch einen Vorhang getrennt. Gegenüber wendet sich eine schwere, braune, gußeiserne Wendeltreppe von den oberen Etagen in den kühlen, modrigen Keller hinab. Hier ist es immer kalt und der Vorhang wird im Winter zwingend notwendig, damit die Kälte nicht überall hineinkriechen kann. Er schiebt ihn zur Seite. Die plötzliche Helligkeit des daran anschließenden Esszimmers erschlägt ihn. Früher war es hier nicht so hell. Irgendwann einmal hatte sie einfach die Wand zwischen Esszimmer und Wohnzimmer durchgeschlagen. Danach wurde der Raum nicht nur mit zusätzlichem Licht ausgefüllt, es war auch ein Befreiungsschlag nach der Trennung von seinem Vater.

Ein großer, bleicher, massiver, runder Holztisch, umringt von schweren Holzstühlen, vereinnahmt das Esszimmer für sich. Als er hier noch gewohnt hatte, saß sie morgens, wenn er die Wendeltreppe hinunterkam, immer an der linken Seite des Tisches und trank ihren Morgenkaffee. Kurz prüft er, ob seine Krawatte noch fest anlag. Dabei erinnert er sich an den Geschmack seiner ersten Tasse Kaffee.


3.

Braune Tischsets liegen ordentlich verteilt auf dem Tisch. An der Esszimmerwand hängen immer noch die Fotografien. Die Wand ist mit Porträt- und Gruppenfotografien von seinem Bruder, ihr und ihm überladen. Urkunden ihres Lebens. Ein wahres Panoptikum an menschlichen Entwicklungen und Zäsuren. Ein fremder Betrachter könnte darin die Lebenslinien von ihnen ablesen. Nur der Vater fehlt. Seine Existenz ist ausgelöscht.

Er entdeckt ein Bild, auf dem er und sein Bruder, eng umschlungen, mit den Armen über den Schultern, nebeneinander abgebildet sind. Sie müssen damals fünfzehn oder sechzehn Jahre alt gewesen sein. Wegen einer neuen Arbeitsstelle war sie seltener zuhause. Für seinen Bruder und ihn war diese Zeit das Paradies auf Erden. Sie konnten tun und lassen, was sie wollten. Weil er der Ältere von ihnen war, hatte der Bruder die Aufsicht übertragen bekommen. Sie waren unzertrennlich. Wenn einer von ihnen Blödsinn gemacht hatte, schützte der andere immer das Bündnis. Sie waren ein Team. Eine lebensbedingte Verbindung, die beide brauchten, da sie sonst alleine gewesen wären. Es hat sie zusammengekittet. Wenn er jetzt an ihn denkt, kann er sich nicht mehr erinnern, wann jeder seinen eigenen Weg angetreten hatte.

In der Innentasche seines Anzuges vibriert sein mobiles Telefon. Er kramt es heraus und schaut auf das Display. Auch wenn er sich davor scheute, nimmt er den Anruf an.

»Ja, hallo«

»Wo bist du«, hört er eine weinende Frauenstimme, »du bist einfach ohne ein Wort weggegangen!«

Er überlegte kurz, »Abschiede sind nicht meine Stärke«.

»Du bist ein altes Arschloch«, schreit sie ihn an.

»Wir waren uns doch einig, dass…«, er durfte den Satz nicht beenden, denn sie unterbricht ihn.

»Wie meinst du das, einig, wie bei einem Geschäft?«

Er hört ihre Fassungslosigkeit in der Stimme, er spürt plötzlich ihre Energie und merkt, dass er sie vermißt.

»Naja, wir haben doch gestern darüber gesprochen und …«, das Telefon verstummte. »Bist du noch dran«, fragte er.

»Ja«, ihre weiche Stimme nimmt ihn für sich ein.

»Gut, hör zu, ich kann dir das am Telefon nicht erklären. Lass uns später gemeinsam etwas trinken gehen und in Ruhe darüber sprechen.«

Der Hörer war für einen Moment wieder verstummt.

Ein sanftes, »Ok«, schaffte wieder Frieden.

»Danke, ich ruf dich dann an«, er beendet das Gespräch.

Er hatte sie erst vor kurzem kennengelernt. Nach einigen gemeinsamen Abenden hatte sich ein inniges Verhältnis entwickelt. Als er heute Morgen aus ihrer Wohnung weggegangen war, hatte ihn kurz davor seine alte Bindungsangst überfallen, weshalb er Hals über Kopf seine Kleider angezogen hatte und ohne ein Wort des Abschiedes flüchten musste. Erst jetzt merkt er, wie sehr sie ihm fehlt. Die Angst vor ihrer Nähe war eingetauscht gegen das Bedürfnis, sie sehen zu wollen.

Die Küche im Nebenraum ist aufgeräumt und alles steht an seinem dafür vorgesehenen Platz. Sie muss erst vor kurzem alles geputzt haben, denn es roch nach Putzmitteln. Auf dem Herd steht noch ein Topf voll Soße. Er öffnet mechanisch den Kühlschrank und nimmt einen bereits offenen Orangensaft heraus. Im Wandschrank reiht sich das Geschirr sorgfältig nebeneinander auf. Er griff nach einem Glas und füllte es mit Saft auf. Seit heute Morgen hatte er nichts mehr getrunken. In einem Zug macht er das Glas leer und stellt es in die Spülmaschine.


4.

Vom Küchenfenster aus kann die Straße beobachtet werden. Es ist ruhig. Ab und an fahren Autos vorüber. Fußgänger halten sich um diese Uhrzeit nur selten im Freien auf. Im Nebengarten überschattet die große Eiche immer noch die umliegende Gegend. Früher trug sie eine prächtige Blätterkrone. Nun hängen die übriggebliebenen Blätter nur noch lahm von den Ästen herab. Es kam ihm vor, als bettelte der Baum um Wasser. Wegen der frühen und lang anhaltenden Hitze sank das Grundwasser immer öfter rapide herab. Die Pflanzen ächzten schon im Mai nach einem kühlen Luftzug und Regen.

Als er hier noch gelebt hatte, waren erste Berichte über die Folgen der Erderwärmung veröffentlicht worden. Wissenschaftler machten auf das Waldsterben in Deutschland und dessen Ursache aufmerksam. Die Flüsse kippten wegen des hohen Verschmutzungsgrades um. Die verpestete Luft stank nach Chemie. Ein riesiges Loch hatte sich in der Ozonschicht über den Polen gebildet. Alle Medien berichteten darüber und verkündeten jeden Tag neue Hiobsbotschaften. Plötzlich gab es einen Umweltminister und Deutschland erfand den gelben Sack. Oberflächlich griffen die Maßnahmen und offiziell erholte sich die Umwelt. Die Menschen konnten wieder in sauberen Flüssen baden und die Erfindung des Katalysators rettete das Wachstum der Automobilindustrie. Der Schock hatte seine Wirkung getan. Deutschland wurde zum Saubermann und damit zum Vorreiter des weltweiten Umweltschutzes.

Die Industrie wurde als Hauptverursacher identifiziert und in die Verantwortung genommen. Die hohen Umweltauflagen lösten eine Wirtschaftszäsur aus, und die daraus resultierende Rezession überschattete das Wunder der Nachkriegszeit. Anstatt tatsächlich etwas an den Ursachen zu ändern, verlagerte das Kapital die Keimzellen der Umweltverschmutzung nur in die ärmeren Regionen der Welt. Sie rettete ihre neoliberale Idee, indem sie den globalen Markt erfand. Da immer mehr Menschen in den Industrienationen ihre Arbeit verloren und auf den Dienstleistungssektor umsatteln mussten, bemerkte kaum jemand diese unterschwelligen Veränderungen. Oft war er mit Freunden zusammengesessen und hatte über die Umwälzungen diskutiert. Die Menschen waren an einem unverträglichen Limit angelangt. Damals hatte er das erste Mal sein Talent bemerkt. Anfangs versuchte er noch darüber aufzuklären, aber mit der Zeit stellte er immer häufiger fest, dass seine Mitmenschen kaum ein Interesse daran hatten. Der zweite Schock, der tiefer saß, da er die Menschen direkter traf, stülpte ein Vakuum über sie und machte sie gegen seine Einsichten immun. Sein vorheriges Interesse an den soziologischen Zusammenhängen der Ökonomie verwässerte immer mehr. Irgendwann beschäftigte er sich nur noch mit den monetären Zusammenhängen. Er entschied sich, eine Ausbildung an der Börse zu machen und seine Talente im Aktiengeschäft einzusetzen. Er verstand die komplexen Ströme des Kapitalverkehrs besser als andere und konnte seinen Vorteil erfolgreich vermarkten. Er wechselte auf die Seite der Shareholder. Diese erkannten sein Talent schnell und wussten, es für ihre Zwecke gewinnbringend zu instrumentalisieren. Er arbeitete viel und wurde dafür außerordentlich gut entlohnt. Seine Karriere nahm ihren Lauf. Das Aktiengeschäft florierte immer mehr. Mit der Gründung seines Aktienfonds hatte er sein Vermögen vervielfacht. Für ihn lief es augenscheinlich heute besser als je zuvor.

Erst jetzt bemerkt er den leichten Schweißfilm unter seinen Achseln und im Schritt. Verdammt, ist das warm, flüchtet er und zieht sein Sakko aus. Bevor er es über die Rückenlehne eines der Esszimmerstühle hängt, kramt er noch sein Telefon, die Zigaretten und den Schlüsselbund aus den Innentaschen hervor. Er verspürt Lust, eine Zigarette zu rauchen. Der metallene Knauf der Balkontür, die auf der anderen Seite des Wohnzimmers zur Terrasse führt, kühlt die Innenfläche seiner Hand. Wegen der starken Hitze kurbelt er die Markise herunter. Im Schatten genießt er seine Zigarette. Die eintretende Beruhigung nach dem ersten kräftigen Zug gestattet ihm einen Blick auf den Garten.    


5.

Auch hier ist wegen der starken Hitze alles in Mitleidenschaft gezogen. Nur der Oleander, der Hibiskus und der Rhododendren färben mit ihrem bunten Blütenmeer den kranken Garten. Sie hat sie aus unzähligen Urlauben, die sie mit ihnen in Italien verbracht hatte, mitgebracht und über die Jahre gehegt und gepflegt. Es sind die einzigen Pflanzen, die von Natur aus an die klimatischen Bedingungen gewöhnt sind. Die Sträucher und Büsche, die den Garten vor der Außenwelt abriegeln sollen, verlieren schon ihr Laub und an einigen nackten Stellen können mittlerweile Passanten, die auf der vorbeiführenden Straße entlanglaufen, den ehemals blaustrahlenden und heute von Algen und Moos überwucherten Swimmingpool begutachten. Das hohe Gras beginnt schon auszutrocknen. Die Natur frass jedes weitere Jahr ihr Refugium auf und hinterließ dabei regelrechte Brandspuren. Er will nicht daran denken, wie sie sich fühlt, wenn sie heute in den Garten schaut. Sie muss sich wie die Pflegekraft einer Hospiz vorkommen, die den dahinscheidenden Pflanzen ihre letzten Stunden erträglich macht. Doch seit längerem ist sie schon nicht mehr in der Lage, den Garten wieder auf Vordermann zu bringen. Der Garten ist nur noch Abbild seiner früheren Würde und Schönheit.

Im Sommer hatten sein Bruder und er oft im Schatten gespielt. Bestimmt ist bei den Fotografien an der Esszimmerwand auch das Bild dabei, bei dem sie als Kinder, nebeneinander auf einer Decke liegen, um sich vom Schwimmen im Pool zu erholen. Er kann das kalte Wasser auf der Haut immer noch spüren, wenn sie mit waghalsigen Manövern hineingesprungen waren.

Sein Telefon vibriert. Auf dem Display taucht eine Übersicht der Aktienverläufe auf. Während die Natur dahinvegetierte, stiegen seine Kurse ins Unermessliche. Als wären sie Antipoden, bezahlt die Natur anscheinend für den verlorenen Kampf, den die beiden Kontrahenten seit Beginn der Menschenära austragen.

Neben ihm stand ein bereits in die Jahre gekommener Liegestuhl. Er rückt ihn in den Schatten, setzt sich auf das bequeme Kissen und versinkt in den Moment.

»Los, komm doch endlich auch ins Wasser«, hörte er seine Freunde rufen, die bereits in den Pool gesprungen waren.

»Ja doch, ich komm gleich.« Sie saß dann immer oben in ihrem Zimmer und war in ihre Arbeit vertieft.

»Ich muss mir nur noch kurz eine Badehose anziehen. Soll ich auch was zu Trinken mitbringen.«  Er sah sich ins Haus rennen, im Bad umziehen und danach in den Keller rennen, um ein Paar Flaschen Bier und andere Getränke zu holen. Seine Freunde kamen gern zu ihm. Der unkomplizierte Umgang und der große Pool waren prädestiniert für gute Spontanparties.

Es fing immer mit einer kleinen Runde von Leuten an, die gemeinsam um die Stereoanlage im Wohnzimmer saßen und die alten Vinylplatten ihrer Eltern durchstöberten. Irgendwann spielten sie dann immer etwas von Leonard Cohen oder den Stones. Manchmal brachte auch jemand neue Musik mit. Es herrschte reger Austausch untereinander. Sie tranken immer viel an diesen Abenden, weshalb die Stimmung immer ausgelassener wurde. Die Agenda war vorbestimmt.

»Hast du die Sauna schon angemacht?« Fordert stets jemand im Laufe des Abends.

Das war immer die auslösende Frage, auf die sie gewartet hatten. Später dann, während im Hintergrund laut Musik lief, bahnte sich mit der Zeit eine Pfütze vom Keller, in der sich die Sauna befand, über die Wendeltreppe hinaus in den Garten zum Pool. Ab und an wechselte jemand die Musik. Ansonsten rannten alle zwischen den beiden Polen, lachend und schreiend, hin und her. Er trank damals viel. So schlugen sie sich die Sommerferien und so manches Wochenende um die Ohren. Die Ausgelassenheit tat allen gut. Die anfänglichen Gespräche ebbten immer mehr ab und es wurden immer mehr Leute, die an diesem Gelage teilnahmen.

Im Winter war es zu kalt dafür. Die wenigen, die nichts trinken wollten und einen Führerschein hatten, chauffierten dann alle Gäste in die Stadt, wo sie in ihrer Stammkneipe, die angefangene Abend, gemeinsam weiter feierten. Die meisten hatten ihren Alkoholkonsum unter Kontrolle, er trank immer über die verträgliche Grenze und stürzte irgendwann ab. Am nächsten Tag hatte er dann keine Erinnerung mehr an den letzten Abend und daran, wie er von der Stadt wieder zurückgekommen war.

Der überwucherte Pool war nur noch ein dahinsiechender Zeuge dieser Jahre.

Er hatte immer mehr getrunken. Einmal war er in seiner eigenen Kotze aufgewacht. Sie hatte kurz ins Zimmer geschaut und war gleich wieder rausgegangen. Sie hatten nie darüber gesprochen, aber er konnte den Schmerz in ihren Augen spüren.

Er musste die Schule wechseln. Dort hatte er irgendwann im Pausenhof ihre Gegenwart registriert. Er wusste sofort, sie verbände ein tieferes Lot. Von da an ging sie ihm nicht mehr aus dem Kopf. Sie stach aus der Horde von Langweilern heraus. Sie gehörten nicht der selben Clique an. Sie verbrachte ihre freie Zeit mit den Snobs der Stufe und er verbrachte meistens auf dem unteren Schulhof mit den Einzelgängern der Schule die Pause. Ein bunter Haufen von verrückten Gedanken und vereinsamten Seelen. Sie waren tatsächlich ein Paar geworden. Das bereits vorhandene Band hatte sie zusammengebracht.

Er wollte sie in den Arm nehmen und küssen. Schon im Ansatz bemerkte er ihre Abwesenheit. Es war nicht der Akt, er wollte nur ihre Nähe spüren, sie in sich aufnehmen. Ihren Körper mental berühren, mit ihr in jeglicher Beziehung in Kontakt treten, er wollte sie trinken. Er liebte ihre Klugheit, ihre weiche Schönheit und er liebte ihre gemeinsame Geschichte, die sie ihm ermöglicht hatte.

Sie weinte und jede Träne tat ihm weh. Ein falsches Wort würde sie jetzt wegschwemmen.

»Was ist los?«, entnahm er, auf dem Liegestuhl sitzend, dem verschollenen Moment.

Sie hatte nur ein »Nichts«, herausgebracht und weinte weiter.

»Hab’ ich was falsch gemacht?« entfuhr es ihm.

»Nein, mach dir keine Sorgen, es hat nichts mit dir zu tun«, verriet sie.

»Was ist dann los?« fragte er etwas erleichtert.

»Nimm mich bitte in den Arm«, zärtlich wendete sie sich zu ihm.

Während er näherrückte, hielt er die ganze Zeit ihre Hand. Er hatte vorher eine Platte aufgelegt. Im Hintergrund hörte er den Songtext von Leonard Cohen »And you want to travel with her; and you want to travel blind; and you know that she will trust you; for you've touched her perfect body with your mind.« Er nahm sie in den Arm und er küsste sie. Der Moment ließ ihre Tränen versiegen und sie erwiderte seinen Kuss. Sie schliefen miteinander. Später zeichnete sie ein weiteres Puzzle ihrer Vergangenheit für ihn nach. Sie fing wieder an zu weinen. Diesmal trank er ihre Tränen dankbar und küsste ihren Bauch.

Egal welche Frau er nach ihr kennengelernt, sie ist das Maß, der erste Blick im Schulhof und die darauffolgende gemeinsame Zeit, waren in seinem Innersten eingebrannt. Das Brandzeichen verfolgt ihn noch immer. Sie ist die Vorgabe, an die sich jede Frau messen muss, noch heute.   


6.

Unbewusst steckt er sich eine Zigarette in den Mund. Seit er damit wieder angefangen hat, legt sein Rauchverhalten das ganze Suchtpotential von ihm offen. Am liebsten würde er die ganze Zeit eine Zigarette rauchen. Der ausgeblasene Rauch durchdringt die aufgestaute Luft. Er kann im Moment einfach nicht damit aufhören. Es gibt zu viele Dinge, um die er sich kümmern muss.

Die Kopfschmerzen überrumpeln ihn ohne Vorwarnung. Ein unerträgliches Stechen bearbeitet die Innenseiten seines Schädels. Er steht auf, um in der Küche noch einmal etwas zu trinken zu holen. Der Saft lindert den Schmerz. Wieder draußen, brennt immer noch die Zigarette, die er im Aschenbecher zurückgelassen hat. Nachdem er einen weiteren Zug inhaliert, beruhigt das Gift seine Nerven. Jedoch kommen die Kopfschmerzen im Galopp wieder in seinen Schädel zurück. Es fühlt sich an, als trampelte eine wildgewordene Herde Pferde in seinem Kopf alles nieder. Die Hitze und die Kopfschmerzen geben sich ein Rennen. Zum Glück hat er immer eine Notration Schmerzmittel dabei. Er geht wieder hinein. Seine Hand findet die Packung in der Innentasche seines Sakkos. Er gießt sich in der Küche Wasser in sein Glas ein. Mit zittrigen Händen pult er eine Tablette aus der Kunststoffverpackung, schiebt sie in den Mund und schluckt sie hinunter. Das kalte Wasser tut gut. Die Wirkung setzt sofort ein und das Pochen in seinem Kopf schwächt ab. Er hofft, die Hitze würde jetzt alleine über die Zielgerade gehen. Er setzt sich wieder auf den Liegestuhl. Ohne die Schmerzen, nur von der Sonne geplagt, kann er den Garten, von der Terrasse aus, inspizieren. Auf dem kleinen Beistelltisch liegt das Telefon. Die Zigarette ist mittlerweile verglüht.

Obwohl er gerne rauchen würde, favorisiert er die Erinnerung an die Folgen seines letzten Zuges. Eigentlich ist er jetzt nicht in der Verfassung, ein Telefonat zu führen. Trotzdem hebt er das Telefon auf, streift mit den Fingern über das Display und tippt darauf eine Nummer ein.

Erst nachdem es mehrmals klingelt, vernimmt er das ausgelassene »Guten Tag« seines Bruders und schmeißt ihm, vervielfacht durch den körperlichen Zustand, seine ganze Wut entgegen.

»Du gottverdammter Wichser. Heute Morgen hab’ ich mir extra Zeit freigeschaufelt und wer kommt nicht zum vereinbarten Zeitpunkt! Scheiße Mann, wo bleibst du denn? Es ist halb eins. Wir haben zwölf Uhr gesagt. Kannst du nicht einmal pünktlich sein!«, er fokussiert den überwucherten Garten, »ich sitz hier auf der Terrasse. Der Garten ist in einem miserablen Zustand. Wir waren uns doch einig darüber, es läge in deinem Aufgabenbereich«, und zündet sich eine weitere Zigarette an, macht einen ausgiebig langen Zug und bläst den Rauch wieder aus. Das Stechen klettert wieder mit bedächtigen Schritten in seinen Kopf zurück, »wofür überweiß ich dir jeden Monat so viel Geld?«

Er stellt sich vor, wie sein Bruder mit einem breiten Grinsen seinen Wortschwall über sich ergehen lässt. Es ist ihm schon immer eine Freude gewesen, wenn er es schafft, ihn zu Weißglut zu bringen. Im Hintergrund fragt eine unbekannte Frauenstimme, wer denn am Telefon sei. Mit vorgehaltener Hand flüstert jemand, »pssst, er ist dran«. Das darauffolgende Lachen machte ihn noch wütender. Erst jetzt insistiert sein Bruder etwas lauter und sarkastisch, »erst einmal, hallo,« immer noch lachte jemand im Hintergrund, »sorry, ich hab’ verschlafen, wir haben gestern noch gefeiert«, der Versuch, seine Wut unter Kontrolle zu bringen, missglückt. Wieder zieht er kräftig an der Zigarette. Der Kopf hämmert und die Hitze drückt ihn zu Boden.

Jetzt etwas ernster, setzt der Bruder nach, »Ich dusche kurz und mach mich dann gleich auf den Weg!«

Die Wut presst die Frage »Bist du besoffen?«, aus ihm heraus, »kannst du dich nicht einmal zusammenreißen und dich an Vereinbarungen halten.«

»Bist du mein Bruder oder mein Chef, wer ist hier der Wichser?«, kam es zurück, »Wer kümmert sich die ganze Zeit um sie und hört sich ihr Gejammer an. Glaubst du, das macht Spaß? Fick dich, du Arschloch!«, wieder konnte er das Lachen im Hintergrund hören.

Er drückt die Zigarette aus und verschließt seine Wut hinter seiner geschäftsmäßigen Rationalität. Prompt gibt das Zittern den Kampf mit seinem Körper auf. Im distanzierten Ton befiehlt er dem Telefonhörer, »Komm sofort her, ich hab’ nicht den ganzen Tag Zeit für solche Spielchen.« und legt auf.

Der angestaute Zorn und Hass schmecken bitter und überwältigen sein inneres Pendel. Nur wenige Menschen können ihn dermaßen aus der Fassung bringen. Ermattet legt er das Telefon auf den Beistelltisch zurück. Nach einem kurzen Innehalten überlegt er, wie er den Garten wieder in ein erträglicheres Maß bringen kann.


7.

Seine Kopfschmerzen sind wie von Geisterhand weggewischt, hingegen wird der Schweiß auf seiner Haut immer unerträglicher und er zieht deshalb sein weißes, am Rücken völlig durchnässtes, Hemd aus. Obwohl das Unterhemd sich ebenfalls vom Schweiß, wie ein nasser Lumpen anfühlt, behält er es an, denn er möchte nicht mit nacktem Oberkörper die Arbeit im Garten anfangen.

Zurück im Liegestuhl, befasst er sich wieder mit seinem Plan. Seine Entscheidung fällt auf das Mähen des Rasens. Er fragt sich, wie lang er das wohl nicht mehr gemacht hat.

Auf dem Weg zur Garage fällt ihm auf, dass er noch seine neuen Lederschuhe an hat. Der Anzug und das Hemd waren ihm egal, aber die Schuhe wollte er nicht auch noch ruinieren. Auf das Knie gestützt, befreit er seine schwitzenden Füße von den Schuhen, krempelt die Kniestrümpfe vom Fuß herunter und schiebt jeweils einen Strumpf unter die Zunge seines dazugehörigen Schuhpartners. Mit nackten Füßen läuft er durch das hohe Gras zurück zur Terrasse, um dort die Schuhe zu deponieren. Das Gras kitzelt etwas. Er fühlt sich gut an, als wären die Grashalme Spritzen, die beim Auftreten, den verbrauchten Lebensvorrat in die Venen zurückpumpen.

Besser gelaunt läuft er zur Garage, um dort den kleinen Aufsitzmäher zu suchen. Der asphaltierte Hof vor der Garage ist seit dem Winter nicht mehr gefegt worden. Der Rollsplitt pickst in seine Fußsohlen. Behutsam, wie ein Räuber in einem Zeichentrickfilm, fasst auf Zehenspitzen, jedes Mal kurz aufschreiend, wenn ein Stein ihn in den Fuß sticht, balanciert er zum Garagentor, schließt es auf und schiebt es nach oben.

Die Garage ist in der Mitte des Raumes leer. Das Auto hatten sie verkauft, nachdem sie einen Jungen beinahe totgefahren hatte. Sie wollte es zwar nicht einsehen, aber nachdem er sie angezeigt und die Polizei ihren Führerschein eigezogen hatte, blieb ihr keine andere Wahl.

Rechts hängt sein altes Rennrad und gegenüber ist die Wand mit Regalen übersät, in denen Einmachgläser und Lebensmittel verstaut sind. Hinten steht ein Werkzeugschrank und neben der Tür ins Haus, entdeckt er die Gartenutensilien. Davor thront der alte rote Aufsitzmäher. Neben dem Garagentor findet er alte Flip-Flops und zieht sie gleich an.

Beim Rennrad bleibt er stehen. Es ist augenscheinlich in die Jahre gekommen. An manchen Stellen blättert der Lack ab und die Reifen haben keine Luft mehr. Er denkt nach und hebt dann das Rad mit beiden Händen vom Haken und stellt es auf den Boden. Einer Eingebung folgend, findet er im Werkzeugschrank die Luftpumpe und füllt damit beide Reifen mit Luft auf. Die Bremsen funktionieren noch. Er verspürt plötzlich die Lust, damit eine Runde zu fahren. Mit hochgekrempelter Hose und Flipflops reitet er sein altes Fahrrad durch die Ausfahrt des Hofes. Auch wenn die Klickpedale ungewohnt sind, tritt er mit voller Kraft hinein, um schnell Fahrt aufzunehmen zu können. Der Fahrtwind kühlt den überhitzten Körper. Er biegt in die Straße vor dem Hof ein und steuert sein Gefährt in Richtung Stadt. Völlig willkürlich und ohne Ziel radelt er vor sich her. Die Zeit völlig vergessend, stellt sich eine bekannte Ruhe ein. Er ist bei sich und doch fort von seinem realen Leben. Es wird ihm klar, wohin er mit dem Rad fahren möchte und lenkt es Richtung Ortsausfahrt. Es fühlt sich gut an. Befreit radelt er weiter.

Der kleine Weiher liegt abseits von der Verbindungsstraße zur nächsten Stadt und der Schatten der umliegenden Bäume schützt ihn komplett vor der starken Sonne. Er springt wie in früheren Jahren vom Fahrrad und schmeißt es einfach auf den Boden, zieht sich splitternackt aus und rennt mit lautem Geschrei ins kalte Wasser.

Gute Zeiten hatte er hier erlebt, erinnerte er sich, und schwimmt weiter zum anderen Ufer. Er  möchte schauen, ob noch die Schaukel dort hängt, mit der sie immer über das Wasser geschwebt sind, um dann an einem unbestimmten Punkt sich ins Wasser fallen zu lassen. Sie hängt noch an der selben Stelle.

Erst als er, wieder am Ufer stehend, sich zum Weiher hin umdreht, bemerkt er, dass er nicht alleine ist. Am gesamten Ufer verteilen sich lauter Sportangler, die in voller Anglermontur gekleidet, zusehen mussten, wie ein nackter Mann, mit hemmungslosem Gejohle in den See gesprungen war. Er entschuldigte sich kurz, indem er ihnen zuwinkt. Die Schaukel zwischen den Beinen, rückt er, seinen herunterbaumelnden und ihm wegliegenden Penis zur Seite, und macht gelassen einige Schritte nach hinten. Regungslos erstarrt, mit den Augen verfolgend, blickt sein unerwartetes Publikum gebannt in seine Richtung.

Mein Gott, sind das viele Leute, denkt er, als er nochmals in die Runde schaut, um sich dann mit lautem Geschrei abzustoßen. Er gleitet stolz über das Wasser und lässt am höchsten Punkt die Schaukel los. Sein Penis wirbelt während des Fluges unvorteilhaft herum. Mit einer Arschbombe schließt er seine Kür ab.

Ganz ruhig, ohne an die vielen Leute zu denken, schwimmt er an die Stelle, wo er seine Kleider und sein Fahrrad zurückgelassen hatte. Ohne sich noch einmal umzudrehen, zieht er die Flipflops an und verstaut seine Kleider auf dem Gepäckträger.

Immer noch vom Moment entwaffnet, verfolgen die Blicke der Sportangler, wie der nackte Fahrradfahrer den Ort verlässt.

Weiter entfernt, als er sich sicher sein kann, dass er alleine ist, zieht er schnell seine Hose und das Oberteil wieder an. Er schwingt sich auf das Rad und fährt zurück in die Stadt.


8.

Er überlegt, ob er jemals einen peinlicheren Moment erlebt hat und fängt an zu lachen. Er weiß nicht, seit wann er sich das letzte Mal dermaßen lebendig gefühlt hat.

Der Wind treibt ihn über den Feldweg. Getrocknete Stoppelfelder, die von den Bauern nach der Ernte zurückgelassen worden sind, und satte hochgewachsene Maisfelder, an denen gut verpackte Kolben hängen, weisen ihm die Richtung. Die aufkeimende Intensität des Momentes berauscht ihn.

Aus der Ferne beobachtet er, wie eine braune Staubwolke über die Horizontlinie schwebt. Als sie näher kommt, stellt er fest, dass ein Monstrum von Traktor das anliegende Feld umpflügt. Mit hoher Geschwindigkeit schiebt die braune Staubwolke das Monstrum vor sich her. Bevor sie ihn erfasst, kann er noch das viel zu junge Mädchen im Fahrerhaus erspähen. Mit ohrenbetäubenden Krach wühlt der grüne Traktor die Erde auf. Die Staubwolke verhüllt ihn komplett. Für einen Moment ist er blind. Der Lärm beherrscht seine Orientierung. Die Maschine überträgt ihre immense Kraft auf alle seine Sinne. Die Größe des Pfluges, den der Traktor hinter sich herzieht und der die Staubwolke erzeugt, kann er nur erahnen. Reflexhaft bremst er ab und lässt die überdimensionierte Maschine weiterziehen.

Sein Mund schmeckt nach Erde. Als die Staubwolke sich auflöst und nur noch der Wind den Lärm vom Traktor heranträgt, bemerkt er, dass seine Kleidung mit Staub überdeckt ist. Er klopft alles notdürftig ab und überlegt, wie viel ein solches Monstrum kostet. Allein der Unterhalt muss extrem hohe Kosten verursachen. Unmittelbar kommen ihm die Bauerndemos gegen die Pläne der Bundesregierung, den Agrardiesel von der Befreiung der Steuer zu streichen, ins Gedächtnis, und schwingt dann sein Bein über den Sattel und fährt weiter.

Der Abenteuerspielplatz und die alte Eiche, mit der Bank darunter, auf der er verwegen mit seinen Klassenkameraden seine erste Zigarette geraucht hat, sind in die Jahre gekommen.

Erinnerungen plätschern zurück in sein Gedächtnis. Doch haben sie nicht mehr die erdrückende Kraft wie vorher im Haus.

Nach einiger Zeit erreicht er wieder die Stadt. Sie hat sich verändert. Früher gab es noch in jedem Viertel einen Bäcker und einen Metzger, oder wenigstens einen kleinen Supermarkt. Ihre typische Ladenarchitektur kennzeichnet die ehemaligen Läden. Manche sind zu Wohnungen umgebaut und andere stehen offensichtlich schon länger leer. Gegen die großen Supermarktketten am Stadtrand hatten sie keine Chance. Sie waren zu teuer geworden und zudem wollten die Leute sich nicht mehr die Zeit nehmen, um an verschiedenen Stellen ihre Einkäufe zu tätigen. Sie fuhren lieber mit dem Auto zum Stadtrand und kauften dort alles aus einer Hand. Im sind auch die Statistiken über die aufkeimende Armut bekannt. Vielen konnten es sich auch einfach nicht mehr leisten. Ihr Geld reicht gerade noch für den Einkauf bei Lidl oder sie sind zu alt, um auf dem Markt einkaufen gehen zu können.

Er kannte die jährlich wachsende Rendite der Supermarktketten. Sie werfen für ihn genug Gewinn ab, dass er seinem Qualitätsanspruch nachgeben und jeden Freitag auf dem Wochenmarkt, ohne schlechtes Gewissen, die hohen Preise der Händler bezahlen kann.

Die Spirale hat er schon früh antizipiert und sein ganzes Geld, als die Aktienkurse der Supermarktketten noch mit den kleinen Läden konkurrieren mussten, investiert. Alle hatten ihn für verrückt erklärt, soviel Geld in ein solches Geschäft zu stecken. Heute ist die Investition ein fester Bestandteil seines Aktienfonds.

Am Haus wieder angelangt, bemerkt er das offen gelassene Garagentor. Vom Nebengarten aus inspiziert ihn ein dickbäuchiger und finster daher blickender, älterer Herr. Jetzt erkennt er ihn wieder. Er kann sich noch gut erinnern. Früher beschimpfte dieser die Kinder in der Straße immer mit seinen aggressiven Tiraden. Er ist ihm immer noch unsympathisch.

Er verkneift es sich nicht und spricht ihn direkt an: »Hallo, Herr Schmidt, wie geht es Ihnen denn?«

Von der Direktheit überrascht und seiner Investigation überführt, erwidert der Nachbar: »Ach hallo, auch mal wieder da!«

Woraufhin er trotz besseren Wissens fragt: »Wie geht es denn ihrer Frau?«

Herr Schmidt wird stumm und fällt sichtlich in sich zusammen: »Weißt du nicht, dass sie letztes Jahr gestorben ist.«

Auch wenn er es wusste, antwortet er: »Nein, hat mir keiner gesagt. Mein herzliches Beileid.«

»Danke, sie fehlt mir«, gesteht Herr Schmidt.

»Ja, das ist bestimmt nicht einfach«, konstatiert er.

Einem morschen Baum ähnlich steht Herr Schmidt mit gekrümmtem Rücken in seinem pittoresk gepflegten Garten.

Jetzt tat er ihm leid, weshalb er seinen unterschwelligen Angriff wieder gut machen wollte: »Es tut mir wirklich sehr leid, Ihre Frau war ein herzensguter Mensch. Kann ich irgendetwas für sie tun? Brauchen sie was vom Supermarkt oder sonst etwas?«

»Vielen Dank, aber mein Sohn erledigt das schon, er lebt seit dem Tod meiner Frau wieder bei mir. Er ist mir wirklich eine große Hilfe.«

Hinter dem Terrassenfenster schaut jemand zu ihnen herunter. Die Tür wird geöffnet und Herr Schmidt Junior kommt winkend zu ihnen heruntergelaufen und ruft dem Vater zu. »Mit wem unterhältst du dich denn?« Das Gesicht verändert sich, als er den Gesprächspartner seines Vaters erkennt.

»Jetzt der auch noch!«, denkt er nur und begrüßt den Ankömmling mit einem Lächeln.

»Ach du bist es, na, auch mal wieder auf Visite. Wir haben uns ja schon ewig nicht mehr gesehen,« der Sohn legt den Arm auf die Schultern seines Vaters und erklärt stolz, »ich pass’ jetzt auf meinen Vater auf. Weißt du, seit Mutter tot ist, muss jemand da sein, damit er keinen Unsinn macht.«

Getroffen von der Offenheit seines Sohnes werden die Augen von Herr Schmidt noch trauriger.

»Ich treff’ mich hier mit meinem Bruder, eigentlich sollte er schon längst dasein«, gesteht er.

»Ja, immer noch der alte Taugenichts, der wird sich wohl nie ändern.« sagt der Sohn prüfend.

Er bereut sofort seine Offenheit und erwidert, »Hör zu, ich wollte nur freundlich sein und mich ein wenig mit deinem Vater unterhalten. Was mein Bruder ist oder sein kann, geht dich einen feuchten Dreck an.«

»Entschuldigung, hab’ ich dir an dein gut situiertes Bein gepinkelt«, kontert der Sohn zurück »Ein Idiot bleibt halt ein Idiot!«

»Ja, da sagst du wahre Worte! Schau mal in den Spiegel,« wirft er ihm ins Gesicht und sagt, zu Herrn Schmidt gerichtet, »Machen sie’s gut, Herr Schmidt.«, dreht sich weg und denkt sich seinen weiteren Kommentar, »wie der Vater, so der Sohn!«, und lässt die beiden konsternierten, jetzt wie Wachsfiguren wirkenden, Nachbarn, mit ihren hausgemachten Problemen alleine zurück. Entwaffnet beobachten sie, wie er sein Rad in die Garage schiebt und wieder an die Wand hängt.   


9.

In der Garage ist es angenehm kühl. Er hat Durst und nimmt sich eine Flasche Mineralwasser aus dem Kasten, der neben dem Lebensmittelregal deponiert ist. Er spürt die Blicke immer noch auf sich gerichtet und versucht, sich nichts anmerken zu lassen.

An einer freien Stelle an der Wand ist immer noch die alte typografische 3D-Karte von der umliegenden Gegend angeheftet. Er beginnt, sich von seinen Zuschauern abzulenken, indem er darauf den Weg zum Weiher und zurück rekapituliert. Es glückt. Mit dem Finger spürt er das Höhenprofil auf der Karte nach. Es hat schon als Kind beruhigend auf ihn gewirkt. Er macht die Augen zu und genießt den geschmeidigen Kunststoff und das Auf und Ab seines Fingers. Das alte Ritual nimmt ihn zärtlich an der Hand und stülpt, während er damit beginnt, die Landschaft mit seinem Finger zu erahnen, eine Blase über ihn. Er versteckt sich wieder in der Karte, wie er es auch immer als Kind getan hat, wenn die Realität zu schwer für ihn geworden war. Die selbstverordnete Medizin wirkt und die Realität wird leichter. Wie hypnotisiert steht er vor der Karte. Die Nachbarn verfolgen ihn immer noch, er hat ihre Gegenwart jedoch abgeschaltet. Die Imagination der Reise ist stärker als die Wirklichkeit. Die Unebenheiten nehmen Kontur an und er stellt sich vor, wie er als Kind, nachdem er zuerst mit dem Finger das abgebildete Gebiet auf der Karte nachfuhr, zu Fuß oder mit dem Fahrrad, dann immer die wirklichen Begebenheiten erkundet hatte.

Der laute Motor eines Autos bringt die Blase zum Platzen. Die Stelle auf dem Nachbargrundstück, auf der Vater und Sohn vorher noch standen, ist jetzt leer. Der kurze Zeitraum hat gereicht, um sie zu verscheuchen.

Der Blick auf die Uhr verrät ihm, wie spät es ist. »Scheiße, ich muss mich ranhalten, sonst wird das heute nichts mehr. Wann kommt er denn endlich? Er hat doch gesagt, er fährt gleich los«, wirft er seinem Bruder vor und beginnt damit, den roten Aufsitzmäher, auf seine Funktionstüchtigkeit hin, zu begutachten. Routiniert hockt er sich auf den Komfortsitz und testet die Mechanik der beiden Pedale für das Vorwärts- und Rückwärtsfahren sowie den Hebel für die Schnitthöhenverstellung und die Feststellbremse. Er dreht den Tankdeckel auf. Es ist noch genug Benzin vorhanden. In einem Zug dreht er den bereits eingesteckten Schlüssel nach rechts, bis zum Anschlag herum und startet damit den Motor. Der alte Viertakter stottert kurz und surrt dann vor sich hin. Er stellt das Mähwerk auf die höchste Position und schaltet dann den Kippschalter auf »On«. Die Mähmesser beginnen sich zu drehen. Bevor er den Motor wieder abschaltet, kippt er den Schalter für das Mähwerk wieder auf »Out«. Die Messer drehen sich langsamer und kommen dann wieder zum Stehen. Bei den Gartenutensilien findet er die Grasfangbox und montiert sie an die dafür vorgesehene Vorrichtung.

Erleichtert, dass sein Bruder scheinbar sich wenigstens darum gekümmert hat, entriegelt er das Getriebe und schiebt dann den Rasenmäher hinaus auf den Hof. Nachdem er die Bremse arretiert, verspürt er Lust auf eine Zigarette und läuft über den Hof zum Garten. Bei der Terrasse angelangt, zündet er sich eine Zigarette an und inhaliert befriedigt den Rauch. Gewohnheitsmäßig tippt er auf das Display seines Telefons und kontrolliert, ob er in der Zwischenzeit Nachrichten erhalten hat. Die Unmengen an geschäftlichen Mails erschlagen ihn und eigentlich müsste er jede einzelne durchlesen, entscheidet sich aber dagegen und legt das Telefon wieder aus der Hand.

Von der Terrasse aus kann er den Einfahrtsbereich einsehen.

Der rote Aufsitzmäher wartet immer noch an der selben Stelle. Er muss an das junge Mädchen im Fahrerhaus des monströsen grünen Traktors denken und verlässt die Terrasse in Richtung Hof. An seinem Ziel angekommen schwingt er sich auf den Sitz, dreht den Schlüssel um und löst die Bremse. Mit dem Fuß drückt er behutsam das Vorwärtspedal nach unten und lenkt den Rasenmäher mit geringer Geschwindigkeit zum Rasen. Dort bremst er kurz ab, prüft nochmals die Höhe des Mähwerks und kippt dann den Mähschalter auf die On-Position. Die Schneidemesser der Mähvorrichtung beginnen sich zu drehen. Als das Gefährt sich in Bewegung setzt, fühlt er sich an den alten Mann, aus dem Film »The Straight Story« von David Lynch, erinnert.

Gemächlich beginnt er damit, an der rechten Seite eine Spur in das hochgewachsene Gras zu fräsen. Am Ende der gegenüberliegenden Seite lenkt er nach links ein und tuckert am gegenüberliegenden Rand des Rasens bedächtig weiter vor sich her. Mit der Zeit entspannt er sich. Er fühlt sich selig und beginnt in Erinnerungen zu schwelgen, wie er als kleiner Junge, das erste Mal das rote Gefährt steuern durfte. Sie hatte ihm und seinem Bruder alles haargenau erklärt und übertrug dann ihnen beiden, jedes Wochenende diese Aufgabe zu erledigen. Sein Bruder verlor mit der Zeit die Lust. Er dagegen liebte es.

An der nächsten Kehre lenkte er nach links wieder ein und wiederholt es an der darauffolgenden Ecke. Am Startpunkt angekommen, manövriert er den Rasenmäher akribisch in den Innenraum der gefrästen Umrandung und setzt die Fahrt, nahtlos neben der ersten Spur, fort. In seinen Erinnerungen versunken, vollzieht er auf dieser Art, eine Bahn nach der anderen. Von Zeit zu Zeit muss er anhalten, die Grasbox lösen und in der Garage das Gras in die Biotonne schütten. Danach macht er so weiter wie zuvor.

In seinem Trott hört er zuerst das Rufen der älteren Frau auf dem Balkon des Nachbarhauses, das sich direkt an das ihrige anschließt, nicht. Erst als sie lauter ruft, hört er es, dreht sich zu ihr hin und erkennt die herzliche Stimme von Frau Schumann, der alten Nachbarin. Er bremst, arretiert die Bremse und schaltet den Motor ab.

Er winkt ihr zu und begrüßt sie freundlich, »Guten Tag Frau Schumann, ganz schön heiß heute!«

»Hallo, mein Junge, ja, da hast du wohl Recht«, sagt sie, gebeugt über das Geländer und ihm zulächelnd, »wie die Zeit vergeht. Aus dir ist ein richtig stattlicher Mann geworden. Wie lang das wohl her ist, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Die Zeit vergeht wie im Fluge.«

Er hat sie schon immer gemocht und pausiert gern die angefangene Arbeit. »Was macht denn Andreas?«, ruft er ihr etwas lauter entgegen, da er sich an die letzte Begegnung erinnert, bei der sie schon schlecht hörte und jedes Mal nachfragen musste, was er gerade gesagt hatte, »lebt er wieder in Deutschland oder noch in den USA?«, er weiß es immer noch so gut wie damals, wie sein bester Freund und Mitgründer der Firma angerufen und erklärt hatte, dass er aussteigen und einen vielversprechenden Job bei einer KI-Firma in den USA annehmen will.

»Der tingelt immer noch viel im Land umher, heute hier und morgen dort. Aber er ruft mich jeden Tag an«, berichtet sie weiter lächelnd.

»Bitte richten sie ihm liebe Grüße aus«, schreit er zu ihr hinauf, »wenn sie ihn das nächste Mal sprechen.«

»Das werde ich machen, mein Junge, ganz sicher, da wird er sich bestimmt freuen. Er fragt immer nach dir.«, sagt sie, jetzt etwas nachdenklicher und fragt ihn daraufhin, wie es in der Firma liefe.

»Kann mich nicht beklagen, es hat sich seit dem Austritt von Andreas viel getan. Es läuft gut. Die Umwälzungen der Trumpregierung machen uns zwar manchmal zu schaffen, aber wir können es bisher immer wieder geradebiegen.«, erklärt er ihr.

»Andreas erzählt mir in letzter Zeit immer häufiger von den beängstigenden Zuständen. Erst gestern hat er mir erzählt, dass gerade in Texas eine Staatsvertreterin in ihrem Büro eingesperrt wurde, weil sie den Erlaubnisschein für eine Überführung nicht unterschreiben will. Ich kann es kaum glauben, in den deutschen Nachrichten habe ich noch nichts davon gehört. Er hat Angst, des Landes verwiesen oder eingesperrt zu werden. Ich verstehe das einfach nicht. Als wir damals drüben gelebt haben, war es noch ein liberales und offenes Land. Aber seit Trumps Wiederwahl scheint das niemanden mehr zu interessieren. Selbst gute Freunde überlegen sich, wieder nach Europa zurückzukommen. Wegen der andauernden Repressalien und der Unruhen, die ihnen Angst machen. Soweit ist es schon gekommen. Ich mache mir große Sorgen um Andreas.«, kommt es in einem Schwall aus ihr heraus.

»Ja, davon habe ich auch schon gehört. Angestellte aus den USA haben mir auch schon davon erzählt. Einige von ihnen haben mich schon um Versetzung in ein anderes Land gebeten. Ich bin genauso fassungslos, das Ganze erinnert immer mehr an die Gleichschaltung im Dritten Reich«, führt er am Ende seines Berichtes fort, »ich hoffe das Beste, schon allein aus geschäftlichen Gründen, die hohen Strafzölle machen uns bereits zu schaffen. Wenn es so weitergeht, ruiniert er noch das ganze globale Kapitalsystem!«

Sie schaut ihn tadelnd an, »Du weißt, dass es mir nicht um das Geld geht, es geht mir um die Menschen«, und setzt fort, »Ihr habt den 2. Weltkrieg nicht miterlebt, das war eine schlimme Zeit. Unsere Befreier setzen alles daran, zu den gleichen Mördern zu werden, wie Deutschland es in dieser Zeit war. Anstatt Frieden herrscht heute mehr Krieg und Menschenverachtung auf der Erde, als jemals zuvor. Schau dir Gaza oder die Ukraine an. Wir glaubten, unser Geld könnte die Wunden schließen, doch sie sind jetzt an anderer Stelle aufgebrochen. Nein, Geld allein hilft nicht, nur die Menschlichkeit verhindert Kriege und die hat sich in den letzten Jahren immer mehr verflüchtigt.« Als er etwas darauf erwidern möchte, kommt sie ihm zuvor, »Denk nach, du bist doch ein kluger Junge. Setz deinen Kopf lieber für etwas Besseres, als nur für das Geld, ein.«

Jetzt wusste er wieder, warum er die Gespräche mit ihr vermisst hatte. Schon damals konnte sie ihn mit ihrer Eloquenz bezaubern und zum Nachdenken animieren. Sie lebten einige Jahre in den USA, weil ihr Mann für die Landesregierung dort tätig war. Wegen Andreas und seiner Schwester hatte sie ihren Beruf als Historikerin aufgegeben. Sie hatte aber nie aufgehört, sich damit zu beschäftigen. Irgendwann hatte sie ihm dann erzählt, dass sie Jüdin sei und ihre ganze Familie im KZ umgekommen wäre, und hinzugefügt, er solle es bitte nicht weitererzählen. Ihre latente und nachhaltige Ernsthaftigkeit, ihr Intellekt und ihre menschliche Ader hatte er vermisst. Der Kontakt war abgebrochen, als die Gründung seines Unternehmens ihn extrem in Beschlag genommen hatte. Plötzlich überkommt ihn eine alte Traurigkeit und er gesteht ihr, »ich habe sie vermißt, Frau Schumann, wissen sie das!«

«Ja, das weiß ich«, sagt sie und schaut ihn dann eine Zeitlang still an. Sie beginnt zu weinen, bringt noch ein, »Mach’s gut« heraus und geht dann wieder zurück ins Haus.

Während sie im Haus verschwindet, beobachtet er sie dabei und bleibt danach alleine noch einige Minuten im Garten stehen. Bepackt mit ihrem Tadel beginnt er wieder mit dem Rasenmäher, seine Runden zu drehen.


10.

An die Hitze hat er sich mittlerweile gewöhnt. Weil das Gras nicht gleich beim ersten Durchgang komplett geschnitten werden kann, steuert er den Rasenmäher nach der letzten Spur wieder an den Startpunkt, schiebt den Hebel für die Schnitthöhenverstellung ganz nach unten und beginnt seine Runden wieder von vorne. Mit der gleichen Routine wie davor vollführt er den zweiten Durchgang, fährt den Rasenmäher danach auf den Hof und befreit mit einem kleinen Handbesen alles vom Gras. Nachdem der Rasenmäher wieder an seinem Platz ist, schaut er kurz in den Spiegel über dem kleinen Waschbecken, das sich direkt neben der Ausgangstür befindet. Er prüft seinen Seitenscheitel, wäscht sich die Hände und fährt mit der Hand über seinen Tagesbart.

Er nimmt den Besen und die Kehrschaufel vom Haken und geht wieder zurück, um das restliche Gras vom Boden aufzukehren. Im Schatten der Garage denkt er an das Gespräch mit Frau Schumann und beginnt zu weinen. Er merkt, wie der Ausbruch ihn befreit, ja, fast reinigt und gut tut.

Ein Rascheln im Baum zieht seinen Blick auf sich. Ein Eichhörnchen hat sich überwunden, trotz der Hitze, nach Futter zu suchen und sprintet von Baum zu Baum. Einige Zeit schaut er dem Spiel zu und holt dann die elektrische Säge und die Gartenschere aus der Garage. Ohne Hast beginnt er mit dem Zuschnitt der Sträucher und Büsche.

Mit dem Rücken zur Terrasse bekommt er nicht mit, wie ein Mann aus dem Haus heraustritt. Unbemerkt setzt sich der langhaarige und ungepflegte Mann auf den Liegestuhl und beobachtet sichtlich amüsiert die ihm gebotene Darbietung. Er streicht mit der Hand über den schon leicht fettigen Bart. Seine Schuhe, die Hose und das grüne Hemd haben schon bessere Tage gesehen. Er nimmt sich eine Zigarette aus der fremden Schachtel, die vor ihm auf dem Beistelltisch liegt, und zündet sie an. Seine hübsche Begleiterin bleibt im Türrahmen der Terrassentür stehen. Da sie großbewachsen ist, kann sie sich mit den Händen an der Oberseite abstützen. Sie lässt ihren Körper und die langen Beine etwas baumeln. Das enge und ebenfalls ungepflegte Kleid betont ihren Busen und ihre schmale Taille. Sie grinst den Mann auf dem Liegestuhl an und muss sich zurückhalten, nicht laut loszulachen. Mit dem Zeigefinger auf dem Mund verdeutlicht er ihr, dass sie ruhig sein soll, und dreht sich wieder von ihr weg. Mit übereinander geschlagenen Beinen und gemütlicher Haltung beginnt er zu sprechen. »Na, kleiner Bruder, was macht die Gartenarbeit, kommst du voran?«, die junge Frau kann sich mit dem Lachen nicht mehr zurückhalten und prustet es lauthals heraus. Er führt fort, »bist du wieder unter die Gärtner gegangen, das machst du wirklich gut«.

Sprachlos, wegen der unvorhergesehenen plötzlichen Stimme und des Gelächters, dreht er sich zur Terrasse um und schaut den großen Bruder nur an. Es ist ihm unmöglich etwas zu sagen und bleibt stumm.

»Komm, sei nicht böse, ich hab mich wirklich beeilt«, sagt dieser, in der Erwartung von seinem kleinen Bruder einen Vortag zu hören. Die Tirade bleibt aus. Verwundert fragt der große Bruder, »alles in Ordnung bei dir?«.

Er kann immer noch nichts sagen. Der große Bruder wird stumm, als würde er die Stille seines Gegenüber verstehen. Die junge Frau hört auf zu lachen.

»Kannst du bitte gehen«, sagt der Bruder jetzt ernster, zu der jungen Frau gerichtet.

»Ja, aber du hast doch gesagt, ich kann hier auf dich warten«, widerspricht sie ihm.

»Hau einfach ab, egal wie, aber hau einfach ab, du störst hier«, befiehlt er.

»Was soll das, wie komm ich jetzt nach Hause«, fordert sie brüllend.

»Halt einfach deinen Mund und geh, mach jetzt keinen Aufstand, du wirst schon jemand finden, der dich nach Hause fährt. Bist ja nicht auf den Mund gefallen«, auf eine Erwiderung hoffend, umarmt sie ihn. Er schiebt sie von sich und sagt betont, »gehe bitte einfach«.

»Du altes Arschloch«, wirft sie ihm vor die Füße und rennt aus dem Haus.     


11.

Der Knall der Haustüre ist bis in den Garten zu hören. Jetzt, da sie weg ist und er sich sicher sein kann, dass niemand mehr stört, steht der Bruder von seinem Stuhl auf und wiederholt seine Frage.

»Was ist los?«

»Kann ich dir nicht sagen, denn ich weiß es selber nicht. Komm bitte einfach her und hilf mir, dann sind wir schneller fertig!«, und schaut ihn dabei bittend an.

Ohne ein Wort, wie auf Kommando, verlässt der große Bruder die Terrasse, holt aus der Garage eine Rolle mit blauen Müllsäcken und eine weitere Gartenschere, kommt dann zurück in den Garten und reißt einen Sack ab. Er schüttelt ihn auf, um einfacher etwas hineinwerfen zu können und beginnt damit, das bereits zu einem Haufen angesammelte Geäst, mit der Gartenschere in den Müllsack hinein zu zerkleinern.

Der kleinere Bruder hebt gleichfalls die vorher leblos herabhängende Elektrosäge, die er immer noch in der Hand hält, hoch und steigt in den vorgegebenen Takt seines Bruders mit ein, indem er weiter das getrocknete Kleid der Büsche und Sträucher zuschneidet. Der Gleichklang wird nur gestört, wenn der blaue Müllsack voll ist, zur Seite gestellt, ein neuer abgerissen und aufgeschüttelt werden muss.

Die Sonne erreicht ihren höchsten Punkt des Tages. Keiner der beiden sagt etwas oder beklagt sich über die mühsame Arbeit, sie ergänzen sich perfekt. Ein zufälliger Beobachter könnte meinen, es wäre nie anders zwischen den beiden gewesen. Die Mechanismen der Kindheit sind eintrainiert und sie erledigen zusammen die im Gegensatz zu früher nun selbstauferlegte Aufgabe.

Nachdem die Sträucher fertiggestutzt sind, betrachtet er sein Werk. Zufrieden nimmt er sich jetzt ebenfalls einen blauen Müllsack und hilft seinem großen Bruder beim Zerkleinern des Geästs. Als alles zerkleinert ist, holt der Bruder einen Rechen aus der Garage und recht damit das restliche Gras und Geäst zu einem Haufen. Beide füllen damit den letzten blauen Sack und tragen diesen gemeinsam zu den anderen, die in Reih und Glied aufgestellt, schon auf ihn warten.

Erfüllt mit der zurückgewonnenen Gemeinsamkeit gehen sie zur Terrasse. Dort klappt der große Bruder sich einen zweiten Stuhl auf und platziert ihn neben den anderen Stühlen. Beide setzen sich erleichtert hin und zünden sich eine Zigarette an. Keiner wagt es, die beruhigende Kraft der Stille zu zerstören. Während sie rauchen, begutachten sie den frisch frisierten Garten und die blauen Müllsäcke.

»Möchtest du auch etwas trinken«, fragt der kleinere Bruder. Ein Nicken des anderen reicht ihm als Antwort. Er erhebt sich vom Stuhl und geht ins Haus, um in der Küche zwei frische Gläser mit Orangensaft zu füllen und sie dann, wieder auf der Terrasse zurück, auf den Beistelltisch zu stellen. Der Schatten kühlt ihre ausgeschwitzten Körper. Jeder greift zu seinem Glas und setzt zum Trinken an. Beide behalten das leere Glas in der Hand, während sie sich wieder zum Garten wenden und ohne ein weiteres Wort die Zweisamkeit zulassen.

»Komm, lass uns noch die Müllsäcke in die Einfahrt tragen«, löst der große Bruder den stillen Moment auf.

»Ja, du hast Recht, lass uns das machen«, erwidert der andere.

Mehr Worte braucht es nicht, damit beide sich erheben und zusammen die Säcke vom Garten in die Einfahrt tragen. Als sie damit fertig sind, schauen sie sich an und nehmen sich dann herzlich in die Arme. Eine Zeitlang verharren sie in dieser Position, bis der große Bruder sich löst, seinem Gegenüber mit der Hand die Haare verwuschelt und dabei lacht.


12.

Jetzt muss auch der kleine Bruder schmunzeln, wird aber gleich wieder ernster.

»Wo hast du denn die alten Flipflops her«, versucht der andere, den Moment zu retten und muss feststellen, dass es ihm nicht gelingt.

Jetzt fast transparent wirkend, gesteht der ihm, »in der Garage«.

»Bist du in diesem Aufzug gekommen, wo sind denn deine Sachen, du hast doch sonst immer Anzug und Krawatte an?«, stellt der ältere fest und möchte seinen Bruder dadurch wieder Konturen geben.

Doch der erwidert mit herunterhängenden Schultern, »die liegen im Haus verteilt«.

»Wie lang geht das schon, du siehst wie ein Penner aus. Überall dieser braune Staub und die Hose passt auch nicht mehr zum Sakko.«

Der kleine Bruder denkt kurz nach und erwidert nur, »schau dich doch selber an!«

Woraufhin sein Gegenüber meint, »aber von mir erwartet man nichts anderes. Du dagegen bist schon immer der Garant für ein perfekt abgestimmtes Äußeres und schau dich jetzt mal an, ich kann dich kaum mehr wiedererkennen. Was ist denn los mit dir?«, und schaut seinen Bruder fassungslos dabei an.

Der jüngere von beiden beginnt wieder seinen Gedanken nach zu laufen und erstarrt regelrecht, um dann zu antworten, »weißt du…«, bricht ab, nach den richtigen Worten suchend, »heute Morgen bin ich aufgestanden und neben mir lag diese wunderschöne Frau. Luise, du kennst sie nicht. Und anstatt mich darüber zu freuen, überkam mich plötzlich eine Heidenangst. Alles um mich herum ist immer enger und enger geworden. Es war nicht Luise, weshalb ich die Enge gespürt habe, ja, anfangs dachte ich das noch. Deshalb flüchtete ich auch vor ihr. Aber es kam von woanders her und hat mich einfach überrumpelt!«, gesteht er, »Verstehst du, es wollte einfach nicht aufhören und da bin ich den ganzen Morgen ziellos durch die Stadt gelaufen. Ich kann dir nicht mehr sagen, wo ich alles war…«,

Sein Gegenüber schaut ihn nur an, während er redet.

»…das ist kein Burnout, das ist nur körperliche Erkenntnis, soviel habe ich jetzt verstanden, eher eine körperliche Intuition, mein Verstand sucht die ganze Zeit wieder die alte Spur, doch irgendwas in mir stemmt sich vehement dagegen an, als ob der Rest von mir keine Lust mehr hat und einen anderen Weg angetreten ist.«, erklärt er hastig, »irgendwann stand ich dann wieder vor der Haustür meiner Wohnung, ohne Erinnerung, wie ich dort hingekommen war.«

Von außen wirkt er ruhig, doch der große Bruder kann die Nervosität des anderen trotzdem aufspüren, denn er kennt das von Kindheit an von seinem Bruder und bleibt ruhig. Er weiß, dass er ihn jetzt ausreden lassen muss und hört einfach weiter zu.

»Ich war zwar verunsichert, das habe ich jedoch abgetan, du kennst mich ja, und bin dann wieder auf Kurs gekommen. Erst als ich später ins Haus reinkam, merkte ich wieder den Unterschied zu sonst. Es war alles wieder da. Als ob ich einen Chip verabreicht bekommen hätte, der langsam ein anderes Leben auf meinem Prozessor aufspielt.«, und begann zu weinen, »kannst du das verstehen?«.

Sein Bruder stellt sich vor ihn hin und legt die Hände seitlich auf die Oberarme und sagt: »Ja, ich kann dich verstehen, so wie ich dich schon immer verstanden habe. Du hattest nur lange Zeit kein Interesse an dieser Tatsache. Früher bist du immer zu mir gekommen, wenn du ein Problem hattest, damit hast du nur irgendwann aufgehört«, er merkt, wie der kleine Bruder versucht, mit seiner Rationalität wieder eine Mauer zwischen ihnen zu bauen, es aber nicht schafft.

»Es will einfach nicht mehr zusammenkommen«, setzt dieser fort, »es fühlt sich nicht mehr richtig an und jede Antwort von mir findet keinen Widerhall«, und versucht sich aus der körperlichen Nähe des Bruders zu befreien und bleibt dann doch stehen und redet weiter: »Und dann dieses Telefonat mit dir, das hat mir den Rest gegeben. Ich hab’ einfach keine Lust, immer alles zu verstehen und für alles Verständnis aufzubringen, denn in Wahrheit weiß ich schon lange nicht mehr, wer ich bin und was der richtige Weg für mich ist. Verstehst du, ich habe meine Spur verloren. Ich musste nach unserem Telefonat irgendetwas tun. Da kam mir der Garten gelegen…«

Der große Bruder nickt verständnisvoll.

»…aber es hat mich nicht losgelassen. Du weißt doch, in der Garage hängt das alte Rennrad von mir. Als ich den Rasenmäher holen wollte, habe ich es an der Wand hängen sehen und es hat mich regelrecht aufgefordert, damit zu fahren. Ich habe alles andere vergessen und bin einfach ziellos losgefahren. So nah war ich schon lang nicht mehr bei mir«, gibt er zu und erinnert sich an die Geschichte mit dem Weiher und dem Traktor, erzählt aber nichts, »und dann dieses Arschloch. Du kannst dich doch bestimmt an den alten Schmidt erinnern. Der Hans, sein Sohn, passt jetzt auf ihn auf, weil doch die Mutter letztes Jahr gestorben ist.«

Der Bruder hört ihm weiter zu.

«Naja, auf jeden Fall hab’ ich mich mit den beiden kurz unterhalten und sie dann einfach stehen gelassen, als der Hans eine dumme Bemerkung über dich geäußert hat. Der alte Schmidt kann einem leid tun. Der Hans hat ihn ganz schön unter seiner Kontrolle!«, stellt er fest und wird ruhig.

»Ja, ich weiß, aber du hast nicht mitbekommen, wie der alte Schmidt letzten Monat beinahe sein Haus abgefackelt hat. Wenn der Hans nicht dagewesene wäre, ich möchte es mir nicht ausmalen. Aber du hast Recht, der Hans ist immer noch das gleiche Arschloch wie früher«, unterstützt er seinen kleinen Bruder.

Der andere redet weiter, »und dann habe ich noch mit Frau Schumann gesprochen…«, hält kurz inne, »…mein Gott, liebe ich diese Frau!«, und versinkt in Gedanken.

»Ja, in die warst du schon als Kind verknallt«, erwidert der ältere Bruder und wartet lächelnd die Antwort ab.

»Da ist der Faden endgültig bei mir gerissen!«, und der jüngere Bruder spürt die Worte von Frau Schuhmann wieder auf seinen Schultern und plötzlich fällt ihm ein, was er den großen Bruder schon die ganze Zeit fragen wollte: »Wo ist eigentlich Mutter?«


13.

Der große Bruder zuckt mit den Schultern und antwortet ihm, er wisse es nicht, er besuche sie zwar jede Woche, aber sie erzähle ihm nicht immer, was sie den ganzen Tag macht. Meistens rede sie wenig und wenn doch, frage sie immer, ob er etwas von ihr gehört hätte. Fügt aber hinzu, sie erzähle sporadisch von einem Seniorenclub und vielleicht treffe sie sich ja heute dort mit Freunden. Beide einigen sich darauf, sie käme bestimmt irgendwann nach Hause und wischen den Gedanken weg.

Sie stehen immer noch in der Einfahrt. Keiner sagt etwas. Sie setzen sich nebeneinander auf den asphaltierten Boden. Der jüngere Bruder erhebt sich gleich wieder und geht ins Haus, um zu pinkeln. Auf dem Weg zurück nimmt er Zigaretten, Orangensaft und zwei Gläser mit. Er schenkt beiden ein und gibt seinem Bruder ein Glas. Fertig mit dem Trinken, zünden sich beide eine Zigarette an und beobachten dabei die umliegende Gegend.

Im zurückgewonnenen Gleichklang atmen sie die geräuschlose Gemeinsamkeit ein. Sie brauchen keine Worte, um ihre Symmetrie wieder zu entdecken. Oft waren sie hier früher nach einer Runde Basketball gesessen und haben sich gegenseitig alles erzählt, was ihnen durch den Kopf ging.

Sie haben damals viel über Bücher und Politik gesprochen. Sie waren sich einig darüber gewesen, die Gesellschaft scheitere, wenn sie nicht damit anfinge, sich grundlegend zu ändern. Beide spürten jetzt die Lücke wieder, die der andere hinterlassen hatte, als sie sich entschieden, komplett entgegengesetzte Lebensstrategien zu verfolgen.

Der große Bruder hatte damals die Schule mit seinem Abitur beendet und begann anschließend seinen Zivildienst im Jugendwerk. Plötzlich brachte er neue Freunde nach Hause, mit denen der andere nichts anfangen konnte. Außerdem hatte der große Bruder damals mit den ersten Drogenexperimenten angefangen und versank in einem Loch aus Drogen und Alkohol, aus dem er erst wieder rausgekrochen kam, als er mit seinem Studium anfing.

Auch der andere traf sich immer mehr mit Gleichgesinnten. In seinem Freundeskreis war Erfolg und Geld die Formel für die Errettung der Gesellschaft.

Beide beanspruchten Haus und Garten für sich und ihre Freunde. Oft begannen dann Diskussionen über die gegenwärtige Politik und deren Entscheidungen. Es endete immer oft im Streit.

Damals fing die Welt an zu bröckeln. Und mit dem ersten Irakkrieg und der beginnenden Wirtschaftsdepression wurde es evident, worin die Politik ihre Antwort sah. Deutschland vereinigte sich und die erste große Rezession setzte ein. Die Bundesregierung steuerte dagegen, indem sie Staatsbetriebe verkaufte und versuchte, den Markt künstlich, mittels der Erweiterung und Festigung Europas, zu stabilisieren und zu vergrößern. Beide wussten damals um die Fragilität dieses Weges, aber auch um die Chancen, sie gaben sich nur unterschiedliche Antworten auf die Frage nach dem richtigen Weg.

Der ältere von beiden machte ein Studium und wollte später in der Jugendhilfe arbeiten. Der andere nutzte jede Gelegenheit, um an Geld zu kommen und witterte die Wachstumschancen der Digitalisierung. Mit seinem ersten hohen Gewinn an der Börse gründete er mit seinem Freund eine Firma.

Sie gingen sich immer mehr aus dem Weg und sollten sie familiär bedingt doch einmal aufeinandertreffen, stritten sie nur die ganze Zeit über ihre gegensätzlichen Ansichten.

In den letzten Jahren nahm die Firma des jüngeren Bruders ihn immer mehr in Beschlag und er war viel auf Reisen. Der Kontakt zum Rest der Familie versickerte in seiner Karriere.

Der große Bruder dagegen nahm einen Job im nahegelegenen Jugendwerk an. Behielt aber seine Drogengewohnheiten bei. Er kiffte zwar nur noch, zerstörte damit jedoch jegliche Kraft, die ihn einmal zu seiner Berufswahl ermuntert hatte. Trotzdem kümmerte er sich um die Mutter und besuchte sie regelmäßig.

Sein erfolgsverwöhnter Bruder versuchte, das Defizit mit Geldgeschenken zu minimieren. Das trieb einen noch größeren Keil zwischen sie. Zudem konnte die Mutter mit dem protokolierten Erfolg mehr anfangen und stolzierte gerne mit ihrem arrivierten Sohn vor der Nachbarschaft.

Friedlich bleiben sie auf dem asphaltierenden Boden der Einfahrt sitzen und genießen den Moment. Während der antrainierte Kosmos immer mehr aufbricht, wird beiden immer mehr bewusst, wie sehr die entstandene Lücke ihnen weh tut.

 
 
 

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