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Denkt daran

  • privat8773
  • 14. Juni
  • 3 Min. Lesezeit

Gestern war ich auf der Hauptversammlung der genossenschaftlich geführten Buchhandlung „Die Zeitgenossen“. Es sieht nicht gut aus, der allgemeine Trend der Vernichtung der Marktvielfalt macht auch vor uns nicht halt.

Mich betrifft das in erster Linie als Leser und als Buchhändler. Das Buch ist für mich immer eine Reise in eine andere Perspektive und einer anderen Idee von den Dingen, die uns umgeben, und ein simples Instrument, um der Langeweile und der Härte der Realität zu begegnen. Daraus schöpfe ich heute noch. Es ist ein fester Pfeiler in meinem Leben. Diese Schule möchte ich nicht missen.

Natürlich ist es auch ein Instrument der reinen Wissensvermittlung, doch diese Zeiten sind vorbei, das geht heute durch die digitale Welt schneller und effektiver.

Die anderen beiden Funktionen bleiben jedoch bestehen, denn das ist die Erfahrung mit mir selbst auf der emotionalen und rationalen Ebene, ein kostbares Gut, digital nicht zu vermitteln, da es von meiner eigenen Imaginationskraft und Erfahrungswelt abhängig ist.

Nach der Versammlung gestern habe ich mich gefragt, was kommen wird, wenn diese beiden Werte verloren gegeben werden. Wie soll unsere Gesellschaft noch bestehen können, wenn wir dem Diktat, der reinen Wissensvermittlung, nur noch unterliegen, wo bleibt dann das Gefühl und die Wahrnehmung für die andere Perspektive, wo bleibt das Lebensgefühl für die eigene — Entschuldigung für den Begriff — Existenz im Zusammenhang mit den Mitmenschen, was wird aus der Menschlichkeit und der Moral?

Jeder, der diese Erfahrung mit mir teilt und sie als Wert identifiziert, sollte sich diese Frage stellen und das Lesen nicht als selbstverständlich hinnehmen, sondern als Kulturgut und Kapital für die Zukunft.

Die Errungenschaft der Lesevielfalt begründet sich direkt durch unsere Geschichte. Es gab Zeiten, in denen diese Vielfalt eingeschränkt wurde und Bücher, somit Ideen, als entartetet und minderwertig beurteilt, verbrannt und verboten wurden. Wir wissen, wo das geendet hat. Es hat in der Unmenschlichkeit und der Erniedrigung von Minderheiten geendet. Wollen wir das? Denkt daran, wenn ihr Bücher bei Amazon, Google und Konsorten kauft oder aufbereitet konsumiert, unterstützt ihr die Gleichschaltung. Indem ihr euch dort aus diesem Fundus, der sich aus euch selbst gebiert, versorgen lasst, bekommen diese Global-Player die Macht über die Menschlichkeit und die Moral in die Hände gespielt. Denkt daran, ihr gebt euch in erster Linie dann selber auf.

Die Erfahrung mit dem Buch und seiner ganz persönlichen Kraft, die es auf mich ausübt, wie es mich in meiner Person bestärkt, mir Rückgrat und Auftrieb schenkt, führt mir jeden Tag vor Augen, dass es mir eine Herzensangelegenheit ist, für diese Vielfalt alles zu tun, damit sie erhalten bleibt und weiter ihren ganz speziellen und individuellen Charme vermitteln darf. Es mag Menschen geben, die das nicht mit mir teilen, denen möchte ich dieses Erlebnis empfehlen, es wird euch nicht mehr loslassen, wenn ihr den Wert entdeckt haben solltet. Den anderen Menschen brauche ich nichts erklären, denn ihr seid bereits infiziert.   

Wenn wir von Frieden sprechen, dann sprechen wir von solchen Errungenschaften der Menschheit, denn es befriedet uns und trägt zu unserer persönlichen Entwicklung bei, es klärt uns auf und entwaffnet die eigene Beschränktheit. Ohne Bücher kann und möchte ich nicht leben, denn es ist für mich persönlich Quelle meiner Identität, meine Passion, meine Liebe und meine Hoffnung. Es ist so eng mit mir verbunden, dass ich mir eine Welt ohne das geschriebene Wort nicht vorstellen kann. Das bin ich, dafür kämpfe ich, jeden gottverdammten Tag.

 
 
 

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