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8. Vater - Das Haus oder Tagebuch einer Unglücklichen

  • privat8773
  • 19. Dez. 2025
  • 12 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 14. Aug.

Kurzer Hinweis zur Entstehung des Textes. Ihr lest hier die Erstfassung, d.h.zuerst schreibe ich mit Füller eine Art Vorlage in mein Notizbuch und versuche damit, in einem ersten Schritt, meiner dilettantischen Schreibkraft Herr zu werden. In einem zweiten Schritt extrahiere ich diese Skizze und übertrage sie auf meinen Rechner. Das Ergebnis dieser ersten Reinschrift könnt ihr hier lesen. Warum gehe ich so vor und mute euch das zu. Ganz einfach, wenn ich nach hinten schaue, verliere ich vielleicht den imaginären Bezug zur Geschichte. Erst wenn die Geschichte fertig ist, werde ich ich den Mut aufbringen, sie in ihrer Gänze noch einmal zu lesen.

Vater

40.

Es ist schon spät, als sie das Haus des Vaters erreichen. Paul wird immer nervöser und kann es kaum mehr erwarten, bis er seinen Vater sehen und mit ihm sprechen kann. Er hat es sich so oft gewünscht und jetzt war der Augenblick da. Leni spürt seine Nervosität und legt ihre Hand auf die von Paul und sagt: »Ich bin da.«

»Ja, das weiß ich und dafür bin ich dir dankbar. Vor einigen Tagen hätte ich jeden für verrückt erklärt, wenn er mir erzählen hätte wollen, dass ich heute bei meinem Vater vor der Tür stehe und mit ihm sprechen werde. Bis vor kurzem galt mein ganzes Interesse nur meiner Firma, alles andere war egal, nur peripher, hat mich nicht tangiert. Gestern und heute ist mir klar geworden, in Wirklichkeit habe ich mich nur dahinter versteckt und all meine anderen Facetten diesem Ziel untergeordnet. Weißt du, die Welt war für mich schwarz oder weiß, ein dazwischen gab es nicht.«

Leni schaut ihn an, »ja, Paul, und das hat mir wehgetan. Ich bin froh, dass dir jetzt die Grautöne fehlen und du dich dem stellst. Ich finde es auch super, dass du dich deinem Bruder geöffnet hast und ihr wieder zusammen gefunden habt. Das mit deinem Vater, finde ich eine super Idee«, und streichelt ihm dabei sanft über die Hand.

»Ja, das mit Lorenz haut mich um. Ich kann es nicht fassen, wie einfach es war und wie viel Glück, das betrifft übrigens auch dich, dieser Schritt aus meinem täglichen Gefängnis, mir schon nach einem Tag bereitet. Es fühlt sich für mich an, als wäre ich ein anderer Mensch, der die Welt ganz neu entdecken darf. Manchmal erwische ich mich selbst dabei, wie ich kurz stehen bleibe und einfach die Welt in mich aufnehme. Ohne Druck und Hetze, einfach tief in mich einsauge und genüßlich verzehre. Ohne mein Zutun, als hätte jemand anderes darüber entschieden, ich solle eine zweite Chance bekommen und Dinge wieder entdecken, die tief in mir verschollen waren. Leni, kannst du dir vorstellen, wie sehr mir dieser Vater gefehlt hat. Wie oft ich als Kind weinend in meinem Zimmer saß und einen Ratschlag gebraucht hätte. Mein Bruder hat lange versucht, diesen Vater zu ersetzen, doch als das mit seiner Tochter und seiner Frau passiert ist, war er nicht mehr der Selbe. Er war irgendwie nur noch Schmerz und ich konnte das irgendwann nicht mehr aushalten und bin deshalb geflüchtet. Weißt du, dass ich noch nie bei ihm zuhause war? Heute war es das erste Mal. Der heutige Tag hat mir so einiges vor Augen geführt, wie nah mein Bruder und ich uns noch stehen und wie sehr wir aneinander brauchen. Er hat viel durchgemacht und trotzdem hat er standgehalten. Wenn jemand meinen Respekt verdient, dann er. Wenn du mich fragst, was ich die vielen Jahre über gemacht und was ich gefühlt habe, dann kann ich dir das offen gestanden nicht sagen. Die letzten zwanzig Jahre kommen mir wie ein einziger kalter Rausch vor. Nachdem ich den Kontakt abgebrochen hatte, habe ich mich auch von mir selbst entfernt und mich in eine kalte, berechnende Blase gesetzt. Ich war so weit weg von mir und dem, was mich ausmacht, dass ich beinahe daran verreckt wäre. Ich kann dir gar nicht sagen, wieviel mir das bedeutet, dass Lorenz und du dabei seid, wenn ich nachher meinen Vater wiedersehe, dann schaut er sie an und küsst sie.

»Sind wir da«, fragt Lorenz, nachdem er von Pauls Stimme aufgewacht ist.

»Ja, wir sind da!«

»Auf was warten wir dann noch!«

Sie verlassen das Auto und laufen dann gemeinsam zum Eingang eines kleinen Reihenhauses, in dem laut Lorenz der Vater wohnt. Als die beiden Brüder vor der Tür stehen, lächeln sie sich an. Paul betätigt die Klingel. Tausend Fragen schwirren ihm im Kopf herum und er ist einfach nur glücklich darüber, endlich seinen Vater wiedersehen zu dürfen. Die Tür geht auf und sein Vater steht vor ihm.

»Hallo Vater!«

»Hallo Paul.«

Paul geht auf ihn zu und möchte ihn in den Arm nehmen, doch bemerkt er sofort dessen Distanziertheit.

»Was ist los, freust du dich nicht, mich zu sehen?«

»Paul, ich muss euch etwas sagen! Tina und ich haben uns noch einmal in Ruhe darüber unterhalten.«

»Ja, und?«

»Es geht nicht, ich kann euch nicht in mein Leben lassen, das würde alles kaputt machen, was Tina und ich uns aufgebaut haben.«

»Wie muss ich das verstehen?«

»Paul, es geht nicht, ich kann das nicht machen, bitte verstehe mich nicht falsch!«

»Das ist nicht dein Ernst, oder? Du sagst mir jetzt nicht, dass wir nicht reinkommen dürfen und dass du nichts mit uns zu tun haben möchtest!«

»Versteh doch bitte, Paul.«

»Du altes narzißtisches Arschloch, was glaubst du, wer du bist, dass du dir erlauben kannst, so mit uns umzugehen.«

»Paul, bitte…«

»Hast du das mit Mutter auch gemacht? Hast du sie auch so feige mit zwei Kindern sitzen gelassen?«

»Paul, verstehe doch, es geht nicht!«

»Was geht nicht, du feiges Arschloch!«, in gleichen Moment holt Paul aus und schlägt mit voller Wucht seinem Vater mit der Faust ins Gesicht, »das ist für Mutter«.

Sein Vater taumelt und fällt zu Boden. Paul stürzt sich auf ihn und schlägt weiter auf ihn ein, bis Lorenz in festhalten kann und ihn wegzerrt, »geh zum Auto, Paul«, befiehlt er ihm und hilft seinem Vater danach auf die Beine.

»Lorenz, red mit ihm.«

Lorenz geht ganz nah zu ihm hin, »hör zu, nichts werde ich machen. Du lässt uns in Ruhe und wehe, du rufst noch einmal«, er dreht sich weg von ihm, kommt dann doch noch einmal zurück, schlägt ihn dann ebenfalls mit voller Wucht ins Gesicht und spukt ihm dann vor die Füße.

Claude und Leni schauen nur mit verdutzten Gesichtern zu und folgen dann den beiden Brüdern, ohne eine Verabschiedung zum Auto.

»Lass uns wieder nach Hause fahren. Mutter wartet bestimmt schon auf uns.«

Alle setzen sich wieder in den Wagen. Lorenz startet den Motor, schiebt den Hebel in den ersten Gang und fährt dann auf die Straße. Im Rückspiegel sieht er den Vater auf seine Frau gestützt ins Haus zurückgehen und sagt dann, »so ein feiges Arschloch.«

schaut auf seine blutenden Faustrücken. Die Ohnmacht über das Gesch


41.

Paul schaut auf seine blutenden Faustrücken. Die Ohnmacht über das Geschehene spült alle Gefühle in seine Seele. In seinem Körper brennt es lichterloh. Das ausgeschüttete Adrenalin von der Aggression und seiner Wut öffnet alle Sinne. Die Hand und sein Körper beginnen zu zittern. Sein ganzes Leben scheint ihm vor die Füsse zu fallen, so dass nur ein tiefes schwarzes Loch davon übrig bleibt. Er fällt in dieses satte Nichts und seine Umgebung verliert jegliche Kontur. Sein Leben fliegt wie losgelassen Luftballons davon, nur er bleibt zurück, ohne Gefühl und ohne Erfahrung. Er denkt,   so müsse sich ein frischgeborenes Embryo fühlen, das einer Welt plötzlich ausgesetzt ist, die so gar nichts mehr mit dem schützenden Mutterbauch gemein hat, nur kalt und verletzend ist, von jeglicher Geborgenheit entblößt. Seine Erinnerung an den Tag, als seine Mutter ihm beichtete, das der Vater jetzt nicht mehr bei ihnen wohnt, überfällt ihn und er erinnert sich wieder an das genau gleiche tiefe Loch und dem Nichts, wie er es gerade eben fühlt. Alles kommt zurück, seine Einsamkeit, seine Wut und die tiefe dunkle Leere, die er all die Jahre immer wieder durchwatet hatte, die ihm eine Schule darin waren, seinem Leben nur noch mit kühler Rationalität zu begegnen. Damals dachte er, etwas wäre in ihm gestorben, doch in diesem Moment stellt er fest, dass es nicht so war, er war nur zwischen seinem Vater und seiner Mutter gefangen, erst die Zurückweisung seines Vaters befreite ihn davon. Die Erkenntnis beruhigte ihn und die Kälte verschwand, er nahm wieder seine Umgebung wahr, Leni, die neben ihm saß und ihn mit ihren wunderschönen Augen ansah, Lorenz starre Haltung während dem Fahren und Claude, die ihre Hand auf die, von Lorenz legte. Er spürte die Ruhe und die Verbundenheit zu diesen Menschen, den Frieden, den sie für ihn darstellten.

»Lass uns zu Mutter fahren, Lorenz, sie wartet bestimmt schon auf uns.«

Lorenz hört seinen Bruder und antwortet, »ja Paul, lass uns zu Mutter fahren.«

Das Verhalten seines Vaters hatte ihn in eine Schockstarre versetzt. Die Worte seines Bruders befreiten ihn daraus. Er kann sich nicht mehr erinnern wie und wann er das Auto gestartet hat und losgefahren ist. Das Band, dass er beim letzten Besuch beim Vater hoffnungsvoll geknüpft hatte, hängt jetzt wie eine durchgeschnittene blutige Nabelschnur an seinem Bauch, windet sich um seinen Hals und versucht ihn zu strangulieren. Die Luft wird scheinbar knapper und merkt, wie er krampfhaft ein- und ausatmet, doch der befreiende Moment des tiefen Atemzugs bleibt aus. Sein ganzer Körper verkrampft und scheint nur noch aus Enttäuschung und Verletzung, die sein Vater bei ihm verursacht hat, zu bestehen. Er hatte das schon lange nicht mehr gespürt. Die Hand von Claude weckt ihn abrupt auf. Ihre Blicke treffen sich. Er spürt ihre Nähe und ihre gemeinsame Geborgenheit, erwidert ihre Berührung, indem er Claudes Hand sanft drückt und dabei seinen Blick intensiviert, und konzentriert sich dann wieder auf’s Fahren. Lorenz erfasst die Straße vor sich, den Asphalt und die klebrige Dunkelheit, die das Auto umgibt. Immer wieder muss er an die Szene mit dem Vater zurückdenken und wie befriedigend der Schlag in sein Gesicht, für ihn war. Kein Wort hätte es besser zum Ausdruck bringen können, als dieser, im völlig fremde, Gewaltakt.

Er steuert das Auto Richtung Autobahnauffahrt und bemerkt, wie seine Ambivalenz, die er sein ganzes Leben, seit der Vater weggegangen war, weg ist. Er schaut in den Rückspiegel und sieht, wie sein Bruder mit geschlossenen Augen auf der Rückbank sitzt. Er spürt die Verbundenheit und den gemeinsamen Kampf gegen diese Windmühlen, die sie ihr ganzes Leben über begleitet hat. All die Fragen und Lösungen, zusammengeschustert aus Halbwahrheiten, Fotografien und Erinnerungen, verlieren plötzlich ihre Kraft und ihre Sogwirkung, sind eingetauscht gegen das Jetzt und der Geborgenheit, die ihm sein Bruder in diesem Augenblick vermittelt.

An einer Kreuzung registriert die roten Ampel und bremst den Wagen sanft ab. Während sie stehen beachtet er ein Auto dabei, wie es über die ihre querende Straße an ihnen vorüberfährt und dann in der Dunkelheit wieder verschwindet. Die Ampel wird wieder grün. Der grüne Golf erwacht wieder, überquert dann die Kreuzung und setzt dann seine Fahrt fort. Als sie auf der anderen Seite angelangt sind breitet sich die Erinnerung wieder bei Lorenz aus. Er sieht seine Mutter, wie sie mit ihm streitet und ihm seine Lebensweise zum Vorwurf macht. Seine damalige Einsamkeit macht sich bemerkbar und wie er sich unverstanden gefühlt hatte. Es sind bekannte Erinnerungen, nur haben sie diesmal einen Unterschied, er versteht seine Mutter und wie sehr sie die Verantwortungslosigkeit, wie sie auch bei seinem Vater vorhanden war, in seiner Person wieder entdeckt hatte und damals dagegen ankämpfte. Lorenz erkennt ihre Unfähigkeit und ihre eigene Zerrissenheit in ihrem verhalten, die sie auf ihn projiziert und auch nie wirklich hinterfragt hatte. Er muss an seine eigene Familie denken und wie er seine Trauer über den Verlust von Anne hinuntergeschluckt hatte, da seine Frau noch weniger damit klar kam. Damals hätte er seine Eltern und ihre Sicherheit gebraucht, doch sie waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass er einen eigenen Weg zu dieser Stabilität finden musste. In der ersten Zeit hatte ihm diese Stabilität nur der Alkohol und die Drogen geben können. Er erinnert sich an den Tag, als er morgens, nach einer Nacht voller Drogen und Alkohol, aufgewacht war und begriffen hatte, wenn er jetzt nicht damit aufhört, er sich darin komplett verlieren würde. Dieser Augenblick verband ihn mit seiner Aufgabe, nämlich mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, ihnen alle Möglichkeiten zu bieten, sie in ihrer Einsamkeit abzuholen und ihnen die Unterstützung angedeihen zu lassen, die ihre familiäre Hölle nicht bieten konnte. Damals vergrub er das Abwehrverhalten seiner Mutter und seines Bruders in diesem neuen Gefühl und machte sich auf den Weg in sein neues Leben.

Paul öffnet seine Augen und er sieht, wie sein Bruder ihn durch Rückspiegel beobachtet. Es ist kein böser oder überheblicher Blick, wie er ihn in der Vergangenheit interpretiert hatte, sondern ein Blick der Verbundenheit. Das erste Mal seit Lorenz und er sich entfernt hatten, spürt er wieder die Nähe, die sie auch als Kind besaßen. Zwischen diesem Gefühl schleicht sich immer wieder die Wut über seinen Vater ein.

Beide wenden den ihren Blick nicht ab. Claude hält die Hand von Lorenz und Leni, die von Paul. Die beiden Frauen bleiben ruhig. Auch die Männer sagen nichts.ehene spülalle Gefühle in seine Seele. In seinem Körper brennt es lichterloh. Das ausgeschüttete Adrenalin von der Aggression und seiner Wut öffnet alle Sinne. Die Hand und sein Körper beginnen zu zittern. Sein ganzes Leben scheint ihm vor die Füsse zu fallen, so dass nur ein tiefes schwarzes Loch davon übrig bleibt. Er fällt in dieses satte Nichts und seine Umgebung verliert jegliche Kontur. Sein Leben fliegt wie losgelassen Luftballons davon, nur er bleibt zurück, ohne Gefühl und ohne Erfahrung. Er denkt,   so müsse sich ein frischgeborenes Embryo fühlen, das einer Welt plötzlich ausgesetzt ist, die so gar nichts mehr mit dem schützenden Mutterbauch gemein hat, nur kalt und verletzend ist, von jeglicher Geborgenheit entblößt. Seine Erinnerung an den Tag, als seine Mutter ihm beichtete, das der Vater jetzt nicht mehr bei ihnen wohnt, überfällt ihn und er erinnert sich wieder an das genau gleiche tiefe Loch und dem Nichts, wie er es gerade eben fühlt. Alles kommt zurück, seine Einsamkeit, seine Wut und die tiefe dunkle Leere, die er all die Jahre immer wieder durchwatet hatte, die ihm eine Schule darin waren, seinem Leben nur noch mit kühler Rationalität zu begegnen. Damals dachte er, etwas wäre in ihm gestorben, doch in diesem Moment stellt er fest, dass es nicht so war, er war nur zwischen seinem Vater und seiner Mutter gefangen, erst die Zurückweisung seines Vaters befreite ihn davon. Die Erkenntnis beruhigte ihn und die Kälte verschwand, er nahm wieder seine Umgebung wahr, Leni, die neben ihm saß und ihn mit ihren wunderschönen Augen ansah, Lorenz starre Haltung während dem Fahren und Claude, die ihre Hand auf die, von Lorenz legte. Er spürte die Ruhe und die Verbundenheit zu diesen Menschen, den Frieden, den sie für ihn darstellten.»Lass uns zu Mutter fahren, Lorenz, sie wartet bestimmt schon auf uns.«

Lorenz hört seinen Bruder und antwortet, »ja Paul, lass uns zu Mutter fahren.«

Das Verhalten seines Vaters hatte ihn in eine Schockstarre versetzt. Die Worte seines Bruders befreiten ihn daraus. Er kann sich nicht mehr erinnern wie und wann er das Auto gestartet hat und losgefahren ist. Das Band, dass er beim letzten Besuch beim Vater hoffnungsvoll geknüpft hatte, hängt jetzt wie eine durchgeschnittene blutige Nabelschnur an seinem Bauch, windet sich um seinen Hals und versucht ihn zu strangulieren. Die Luft wird scheinbar knapper und merkt, wie er krampfhaft ein- und ausatmet, doch der befreiende Moment des tiefen Atemzugs bleibt aus. Sein ganzer Körper verkrampft und scheint nur noch aus Enttäuschung und Verletzung, die sein Vater bei ihm verursacht hat, zu bestehen. Er hatte das schon lange nicht mehr gespürt. Die Hand von Claude weckt ihn abrupt auf. Ihre Blicke treffen sich. Er spürt ihre Nähe und ihre gemeinsame Geborgenheit, erwidert ihre Berührung, indem er Claudes Hand sanft drückt und dabei seinen Blick intensiviert, und konzentriert sich dann wieder auf’s Fahren. Lorenz erfasst die Straße vor sich, den Asphalt und die klebrige Dunkelheit, die das Auto umgibt. Immer wieder muss er an die Szene mit dem Vater zurückdenken und wie befriedigend der Schlag in sein Gesicht, für ihn war. Kein Wort hätte es besser zum Ausdruck bringen können, als dieser, im völlig fremde, Gewaltakt.

Er steuert das Auto Richtung Autobahnauffahrt und bemerkt, wie seine Ambivalenz, die er sein ganzes Leben, seit der Vater weggegangen war, weg ist. Er schaut in den Rückspiegel und sieht, wie sein Bruder mit geschlossenen Augen auf der Rückbank sitzt. Er spürt die Verbundenheit und den gemeinsamen Kampf gegen diese Windmühlen, die sie ihr ganzes Leben über begleitet hat. All die Fragen und Lösungen, zusammengeschustert aus Halbwahrheiten, Fotografien und Erinnerungen, verlieren plötzlich ihre Kraft und ihre Sogwirkung, sind eingetauscht gegen das Jetzt und der Geborgenheit, die ihm sein Bruder in diesem Augenblick vermittelt.

An einer Kreuzung registriert die roten Ampel und bremst den Wagen sanft ab. Während sie stehen beachtet er ein Auto dabei, wie es über die ihre querende Straße an ihnen vorüberfährt und dann in der Dunkelheit wieder verschwindet. Die Ampel wird wieder grün. Der grüne Golf erwacht wieder, überquert dann die Kreuzung und setzt dann seine Fahrt fort. Als sie auf der anderen Seite angelangt sind breitet sich die Erinnerung wieder bei Lorenz aus. Er sieht seine Mutter, wie sie mit ihm streitet und ihm seine Lebensweise zum Vorwurf macht. Seine damalige Einsamkeit macht sich bemerkbar und wie er sich unverstanden gefühlt hatte. Es sind bekannte Erinnerungen, nur haben sie diesmal einen Unterschied, er versteht seine Mutter und wie sehr sie die Verantwortungslosigkeit, wie sie auch bei seinem Vater vorhanden war, in seiner Person wieder entdeckt hatte und damals dagegen ankämpfte. Lorenz erkennt ihre Unfähigkeit und ihre eigene Zerrissenheit in ihrem verhalten, die sie auf ihn projiziert und auch nie wirklich hinterfragt hatte. Er muss an seine eigene Familie denken und wie er seine Trauer über den Verlust von Anne hinuntergeschluckt hatte, da seine Frau noch weniger damit klar kam. Damals hätte er seine Eltern und ihre Sicherheit gebraucht, doch sie waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass er einen eigenen Weg zu dieser Stabilität finden musste. In der ersten Zeit hatte ihm diese Stabilität nur der Alkohol und die Drogen geben können. Er erinnert sich an den Tag, als er morgens, nach einer Nacht voller Drogen und Alkohol, aufgewacht war und begriffen hatte, wenn er jetzt nicht damit aufhört, er sich darin komplett verlieren würde. Dieser Augenblick verband ihn mit seiner Aufgabe, nämlich mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, ihnen alle Möglichkeiten zu bieten, sie in ihrer Einsamkeit abzuholen und ihnen die Unterstützung angedeihen zu lassen, die ihre familiäre Hölle nicht bieten konnte. Damals vergrub er das Abwehrverhalten seiner Mutter und seines Bruders in diesem neuen Gefühl und machte sich auf den Weg in sein neues Leben.

Paul öffnet seine Augen und er sieht, wie sein Bruder ihn durch Rückspiegel beobachtet. Es ist kein böser oder überheblicher Blick, wie er ihn in der Vergangenheit interpretiert hatte, sondern ein Blick der Verbundenheit. Das erste Mal seit Lorenz und er sich entfernt hatten, spürt er wieder die Nähe, die sie auch als Kind besaßen. Zwischen diesem Gefühl schleicht sich immer wieder die Wut über seinen Vater ein.

Beide wenden den ihren Blick nicht ab. Claude hält die Hand von Lorenz und Leni, die von Paul. Die beiden Frauen bleiben ruhig. Auch die Männer sagen nichts.

 
 
 

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