8. Vater - Das Haus oder Tagebuch einer Unglücklichen
- privat8773
- 19. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit

Kurzer Hinweis zur Entstehung des Textes. Ihr lest hier die Erstfassung, d.h.zuerst schreibe ich mit Füller eine Art Vorlage in mein Notizbuch und versuche damit, in einem ersten Schritt, meiner dilettantischen Schreibkraft Herr zu werden. In einem zweiten Schritt extrahiere ich diese Skizze und übertrage sie auf meinen Rechner. Das Ergebnis dieser ersten Reinschrift könnt ihr hier lesen. Warum gehe ich so vor und mute euch das zu. Ganz einfach, wenn ich nach hinten schaue, verliere ich vielleicht den imaginären Bezug zur Geschichte. Erst wenn die Geschichte fertig ist, werde ich ich den Mut aufbringen, sie in ihrer Gänze noch einmal zu lesen.
Vater
40.
Es ist schon spät, als sie das Haus des Vaters erreichen. Paul wird immer nervöser und kann es kaum mehr erwarten, bis er seinen Vater sehen und mit ihm sprechen kann. Er hat es sich so oft gewünscht und jetzt war der Augenblick da. Leni spürt seine Nervosität und legt ihre Hand auf die von Paul und sagt: »Ich bin da.«
»Ja, das weiß ich und dafür bin ich dir dankbar. Vor einigen Tagen hätte ich jeden für verrückt erklärt, wenn er mir erzählen hätte wollen, dass ich heute bei meinem Vater vor der Tür stehe und mit ihm sprechen werde. Bis vor kurzem galt mein ganzes Interesse nur meiner Firma, alles andere war egal, nur peripher, hat mich nicht tangiert. Gestern und heute ist mir klar geworden, in Wirklichkeit habe ich mich nur dahinter versteckt und all meine anderen Facetten diesem Ziel untergeordnet. Weißt du, die Welt war für mich schwarz oder weiß, ein dazwischen gab es nicht.«
Leni schaut ihn an, »ja, Paul, und das hat mir wehgetan. Ich bin froh, dass dir jetzt die Grautöne fehlen und du dich dem stellst. Ich finde es auch super, dass du dich deinem Bruder geöffnet hast und ihr wieder zusammen gefunden habt. Das mit deinem Vater, finde ich eine super Idee«, und streichelt ihm dabei sanft über die Hand.
»Ja, das mit Lorenz haut mich um. Ich kann es nicht fassen, wie einfach es war und wie viel Glück, das betrifft übrigens auch dich, dieser Schritt aus meinem täglichen Gefängnis, mir schon nach einem Tag bereitet. Es fühlt sich für mich an, als wäre ich ein anderer Mensch, der die Welt ganz neu entdecken darf. Manchmal erwische ich mich selbst dabei, wie ich kurz stehen bleibe und einfach die Welt in mich aufnehme. Ohne Druck und Hetze, einfach tief in mich einsauge und genüßlich verzehre. Ohne mein Zutun, als hätte jemand anderes darüber entschieden, ich solle eine zweite Chance bekommen und Dinge wieder entdecken, die tief in mir verschollen waren. Leni, kannst du dir vorstellen, wie sehr mir dieser Vater gefehlt hat. Wie oft ich als Kind weinend in meinem Zimmer saß und einen Ratschlag gebraucht hätte. Mein Bruder hat lange versucht, diesen Vater zu ersetzen, doch als das mit seiner Tochter und seiner Frau passiert ist, war er nicht mehr der Selbe. Er war irgendwie nur noch Schmerz und ich konnte das irgendwann nicht mehr aushalten und bin deshalb geflüchtet. Weißt du, dass ich noch nie bei ihm zuhause war? Heute war es das erste Mal. Der heutige Tag hat mir so einiges vor Augen geführt, wie nah mein Bruder und ich uns noch stehen und wie sehr wir aneinander brauchen. Er hat viel durchgemacht und trotzdem hat er standgehalten. Wenn jemand meinen Respekt verdient, dann er. Wenn du mich fragst, was ich die vielen Jahre über gemacht und was ich gefühlt habe, dann kann ich dir das offen gestanden nicht sagen. Die letzten zwanzig Jahre kommen mir wie ein einziger kalter Rausch vor. Nachdem ich den Kontakt abgebrochen hatte, habe ich mich auch von mir selbst entfernt und mich in eine kalte, berechnende Blase gesetzt. Ich war so weit weg von mir und dem, was mich ausmacht, dass ich beinahe daran verreckt wäre. Ich kann dir gar nicht sagen, wieviel mir das bedeutet, dass Lorenz und du dabei seid, wenn ich nachher meinen Vater wiedersehe, dann schaut er sie an und küsst sie.
»Sind wir da«, fragt Lorenz, nachdem er von Pauls Stimme aufgewacht ist.
»Ja, wir sind da!«
»Auf was warten wir dann noch!«
Sie verlassen das Auto und laufen dann gemeinsam zum Eingang eines kleinen Reihenhauses, in dem laut Lorenz der Vater wohnt. Als die beiden Brüder vor der Tür stehen, lächeln sie sich an. Paul betätigt die Klingel. Tausend Fragen schwirren ihm im Kopf herum und er ist einfach nur glücklich darüber, endlich seinen Vater wiedersehen zu dürfen. Die Tür geht auf und sein Vater steht vor ihm.
»Hallo Vater!«
»Hallo Paul.«
Paul geht auf ihn zu und möchte ihn in den Arm nehmen, doch bemerkt er sofort dessen Distanziertheit.
»Was ist los, freust du dich nicht, mich zu sehen?«
»Paul, ich muss euch etwas sagen! Tina und ich haben uns noch einmal in Ruhe darüber unterhalten.«
»Ja, und?«
»Es geht nicht, ich kann euch nicht in mein Leben lassen, das würde alles kaputt machen, was Tina und ich uns aufgebaut haben.«
»Wie muss ich das verstehen?«
»Paul, es geht nicht, ich kann das nicht machen, bitte verstehe mich nicht falsch!«
»Das ist nicht dein Ernst, oder? Du sagst mir jetzt nicht, dass wir nicht reinkommen dürfen und dass du nichts mit uns zu tun haben möchtest!«
»Versteh doch bitte, Paul.«
»Du altes narzißtisches Arschloch, was glaubst du, wer du bist, dass du dir erlauben kannst, so mit uns umzugehen.«
»Paul, bitte…«
»Hast du das mit Mutter auch gemacht? Hast du sie auch so feige mit zwei Kindern sitzen gelassen?«
»Paul, verstehe doch, es geht nicht!«
»Was geht nicht, du feiges Arschloch!«, in gleichen Moment holt Paul aus und schlägt mit voller Wucht seinem Vater mit der Faust ins Gesicht, »das ist für Mutter«.
Sein Vater taumelt und fällt zu Boden. Paul stürzt sich auf ihn und schlägt weiter auf ihn ein, bis Lorenz in festhalten kann und ihn wegzerrt, »geh zum Auto, Paul«, befiehlt er ihm und hilft seinem Vater danach auf die Beine.
»Lorenz, red mit ihm.«
Lorenz geht ganz nah zu ihm hin, »hör zu, nichts werde ich machen. Du lässt uns in Ruhe und wehe, du rufst noch einmal«, er dreht sich weg von ihm, kommt dann doch noch einmal zurück, schlägt ihn dann ebenfalls mit voller Wucht ins Gesicht und spukt ihm dann vor die Füße.
Claude und Leni schauen nur mit verdutzten Gesichtern zu und folgen dann den beiden Brüdern, ohne eine Verabschiedung zum Auto.
»Lass uns wieder nach Hause fahren. Mutter wartet bestimmt schon auf uns.«
Alle setzen sich wieder in den Wagen. Lorenz startet den Motor, schiebt den Hebel in den ersten Gang und fährt dann auf die Straße. Im Rückspiegel sieht er den Vater auf seine Frau gestützt ins Haus zurückgehen und sagt dann, »so ein feiges Arschloch.«
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