9. Mutter - Das Haus oder Tagebuch einer Unglücklichen
- privat8773
- 25. Mai
- 13 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Aug.
Kurzer Hinweis zur Entstehung des Textes. Ihr lest hier die Erstfassung, d.h.zuerst schreibe ich mit Füller eine Art Vorlage in mein Notizbuch und versuche damit, in einem ersten Schritt, meiner dilettantischen Schreibkraft Herr zu werden. In einem zweiten Schritt extrahiere ich diese Skizze und übertrage sie auf meinen Rechner. Das Ergebnis dieser ersten Reinschrift könnt ihr hier lesen. Warum gehe ich so vor und mute euch das zu. Ganz einfach, wenn ich nach hinten schaue, verliere ich vielleicht den imaginären Bezug zur Geschichte. Erst wenn die Geschichte fertig ist, werde ich ich den Mut aufbringen, sie in ihrer Gänze noch einmal zu lesen.
Mutter
42.
Keiner redet ein Wort. Die Reibung mit der Realität, mit der die vier gerade konfrontiert wurden, hallt noch nach. Der darin verborgene klärende Moment nimmt langsam Gestalt an und schafft einen neuen Raum.
Claude muss an ihren Vater denken. Die Bindung zu ihm war schon immer stärker als zu ihrer Mutter. Sie erinnert sich an ihre Kindheit und wie er, so oft es ging und die Zeit es zuließ, mit ihr zum Spielplatz oder woanders hingegangen war, Hauptsache raus, zusammen, sie im Kinderwagen und später mit dem Laufrad, er zu Fuß, bei ihr, sie schützend und für sie da. Ihre Mutter ist dann meistens immer zuhause geblieben, um abschalten zu können und sich um den Haushalt zu kümmern. Jetzt im Auto sitzend und dem Ereignis, zwischen Lorenz, Paul und ihrem Vater, der Gewalt und der Eskalation zwischen den beiden Brüdern und ihrem Vater, die offenliegenden Wunden ihrer Vergangenheit, spürt sie die tiefe Verbindung, zwischen sich und ihrem Vater. Diese Einsicht bringt eine Wahrheit zu Tage, die sie in den letzten Wochen verdrängt hatte, weil der Schmerz, den die Reaktion ihres Vaters bei ihr ausgelöst hat, sie blind gemacht hatte. Sie stellt fest, wie sie immer wieder das Telefon in die Hand nimmt und still hofft, dass ihr Vater sie anruft und ein klärendes Telefonat wünscht. Wieder nimmt sie es in die Hand, legt es dann aber wieder weg, weil sie immer noch die Ausweglosigkeit dieses Unterfangens, die innere Blockade, seine Härte und Kälte von ihrer Erinnerung ins Gedächtnis gespielt bekommt. Sie schaut zu Lorenz, fühlt seinen Kontakt und streichelt nervös seine Hand. Auch wenn er nicht reagiert, seine Nähe gibt ihr Halt. Die davon ausgehende Stabilität wischt die Erinnerung weg. Sie nimmt das Telefon wieder in die Hand und wählt die Nummer ihres Vaters. Sie hört den digitalen Wahlvorgang und als dieser die Verbindung hergestellt hat, die Stimme ihres Vaters.
»Guten Tag«
»Hallo Papa«
»Was willst du, Claude«
»Frieden, Papa«, die Leitung bleibt still.
»Du willst deinen Frieden«, kommt es aus der Stille.
»Nein, Papa. Ich möchte unseren Frieden, deshalb habe ich dich angerufen. Können wir uns treffen und Ruhe noch einmal über alles reden?«, wieder Stille am anderen Ende.
Die aufgezwungene Ruhe verwirrt sie und sie spürt den Drang, das Telefonat wieder zu beenden.
»Was machst du nur für Sachen, Claude. Wirfst alles hin, was du dir erarbeitet hast.«
»Das ist nicht mein Weg, das ist der Weg von Mutter und dir, den ihr euch von mir erwünscht habt und irgendwann in eine Erwartung umgemünzt habt.«, erwidert sie mit sanfter Stimme, »das bin ich nicht, Papa, kannst du das verstehen!«, die darauffolgende kurze Pause prangert sie wieder an, eliminiert diesen Eindruck dann aber wieder.
»Versteh mich doch bitte auch, Claude, ich mache mir einfach Sorgen um dich. Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn du deine Chancen nicht wahrnimmst. Schau dir deine Mutter und mich an, wir hatten nicht die Möglichkeiten, uns blieb keine andere Möglichkeit, als uns eine Arbeit zu suchen, um irgendwie von zuhause flüchten zu können. Ich weiß, deine Mutter und ich haben dir nur sehr wenig von unserer Kindheit erzählt, aber wir wollten dich damit nicht belasten. Für uns war das abgehakt. Vielleicht hätte ich das tun sollen. Dazu ist es nie zu spät.«
»Ja, Papa, bitte erzähl mir davon. Ich bin dir für alles dankbar, auch Mutter bin ich dankbar, aber jetzt ist es an der Zeit, meinen eigenen Weg zu finden! Verstehst du das.«
»Ja, mein Engel.«
»Ich weiß, das macht dich zum Zuschauer und ich verlange damit sehr viel von euch. Bitte, gib mir die Chance, Fehler zu machen. Wie soll ich mich denn sonst zurechtfinden, wenn du irgendwann einmal nicht mehr da bist, um mir zu helfen? Ich bin nicht weg, Papa!«, und ist selbst über das Gesagte überrascht.
»Aber,…«, Claude hört, wie er tief einatmet und dann wieder ausatmet, etwas in ihm aufbricht und ein neuer, bisher verweigerter Aspekt in ihm Platz findet. »…ja, Claude, du hast recht. Auch wenn es mir schwer fällt, meine Gefühle und Sorgen hinten anzustellen und dir zu vertrauen. Dich deine Entscheidungen selbst treffen zu lassen, denn du bist nicht mehr meine kleine Claude, du bist erwachsen geworden. Das wollte ich nur nicht akzeptieren, das tut mir leid, mein Engel!« Es wird wieder ruhig, doch die Ruhe verwirrt Claude nicht mehr, sondern wirft alle Bedenken und Erinnerungen von Bord.
»Danke, Papa. Ich brauche dich trotzdem noch, vergiß das nicht!«, sie wäre jetzt gern bei ihm, um ihn in den Arm zu nehmen und ihm einen Kuss auf die Wange zu geben. Das Band zwischen ihnen ist wieder zugegen, nur dass es sich besser und echter anfühlt als vorher.
»Ich muss dir danken Claude, dass du den Mut hattest und dich gemeldet hast, um die Angelegenheit mit mir zu besprechen. Wir werden bestimmt noch viele geeignete Momente finden, um persönlich darüber zu reden. Melde dich, wenn du etwas brauchst. Vergiss mich nicht, meine kleine Claude.«
»Nein, Papa, ich melde mich ganz sicher. Sag Mama bitte einen lieben Gruß!«
»Das werde ich machen, auch wenn sie noch etwas Zeit braucht, du kennst ja deine Mutter, pass auf dich auf!«
»Ja, verspreche ich dir. Tschüss!«
Claude drückt den Auflegebutton des Telefons. Sie schaut sich um. Keiner hat scheinbar etwas von ihrem Gespräch mitbekommen, nur Leni legt ihre Hand auf Claudes Schulter und nickt ihr durch den Rückspiegel zu. Claude schaut zu Lorenz und streichelt dann sanft seine Hand.
43.
Im Regen waren aus der Ferne nur vage Umrisse einiger Personen zu erkennen, die sich an einem Novembertag am Stadtfriedhof eingefunden hatten. Erst beim Nähertreten wurde ersichtlich, wie eine jüngere und eine Frau mittleren Alters nebeneinander standen, schwarz gekleidet, die ältere der beiden mit gekrümmtem Rücken, das Gesicht von Trauer gezeichnet, weinend und in sich versunken, den Halt der anderen suchte, die sie stützte und ebenfalls von Schwermut umhüllt war. Vor ihnen ein offenes Grab mit aufgebahrten Sarg und daneben ein weltlicher Beistand, von einem schwarzen Talar umhüllt, eine aufgeschlagene Bibel in den Händen, mit faden Augen die letzten Worte predigend, als hätte er eigentlich etwas Besseres zu tun, als den beiden ein Geleit zu sein. Mit etwas Abstand warteten vier Friedhofsangestellte darauf, später den Sarg ins Grab hinab zu senken. In ihrer instabilen Verfassung verharrend, ließen die beiden Frauen den kalten regnerischen Novembertag und die Predigt über sich ergehen.
Ganz alleine waren sie nicht, eine Frau durchquerte den Eingang und lief den Hauptweg, auf dem über die gesamte Länge, das frische Grab und die Szenerie gut einzusehen war, entlang. Ein kurzer Blick von ihr verriet ihr Interesse, setzte aber bald darauf den eingeschlagenen Weg fort und verschwand auf einem Nebenweg hinter einer Baumreihe wieder.
Die Glocken der Aussegnungshalle läuteten weiter ihre Beileidsbekundung in die Stadt, abrupt endete ihr Spiel und nach einigen Sekunden verebbte auch ihr Nachhall. Erst jetzt war das stille Trauern der beiden Frauen zu vernehmen. Ein leichter Wind setzte ein und vertrieb die dunklen Wolken. Die hervortretende Sonne war nicht stark genug, um der Kälte tatkräftig begegnen zu können, trotzdem vertrieb ihr heilendes Licht dem Moment seine düstere Stimmung.
Von der aufgesetzten Predigt begleitet, weinten beide Frauen und sagten dann, als der Mann im schwarzen Talar das Vater unser ankündigte, mit ihm die steinernen Worte des Glaubensbekenntnisses auf. Danach gab ihnen der Priester seine kalte Hand und machte einen Schritt zur Seite, damit die Frauen vor das Grab treten konnten, in das die Friedhofsangestellten jetzt den Sarg sachte hinabliessen. Die beiden nahmen mit einer Schaufel eine Handvoll nasse Erde auf und warfen sie dann in das offene Grab. Jede hielt noch einmal für sich inne und verabschiedete sich im Stillen vom Verstorbenen.
»Komm Mama, lass uns gehen, die Leute wollen ihre Arbeit beenden!«
»Gleich Leni, lass mir noch diesen Moment mit deinem Vater«
»Mama, das bringt ihn nicht zurück!«
»Nur einen Moment noch, mein Engel, bitte…« Leni blieb bei ihrer Mutter stehen und stützte deren schwachen Körper.
»Komm Mama, wir gehen jetzt«
Ihre Mutter wendete sich vom Grab ab und ließ sich dann von ihrer Tochter wegführen.
Leni erinnert sich an den Tag, als wäre es heute gewesen. Ihre Mutter hatte sie in der Schule angerufen, so war es ausgemacht, und ihr gesagt, sie solle schnell kommen, es wäre soweit, ihr Vater wäre kaum mehr ansprechbar, hätte aber den Wunsch geäußert, sie ein letztes Mal zu sehen. Sie meldete sich bei der Lehrerin ab, rannte zu ihrem Fahrrad und fuhr dann auf direktem Weg zum Krankenhaus. Die Frau am Empfang kannte Leni schon und winkte ihr zu. Bei der Station angekommen schlich sie leise durch den sterilen Flur zum Zimmer, in dem ihr Vater auf sie wartete. Vor der Tür hielt sie nochmals inne, atmete tief ein und öffnete sie dann sachte. Sie konnte die Tränen nicht zurückhalten, obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, nicht zu weinen, als sie ihren Vater im Bett liegen sah. Er war nur noch Haut und Knochen. Ihre Mutter saß neben dem Bett und hielt seine Hand, auch sie heulte, stand auf und nahm ihre Tochter in den Arm.
»Er hat nach dir gefragt.«
»Ja, das hast du gesagt, wie geht es ihm?«
»Die Ärzte haben seine Morgendosis erhöht. Ich glaube, er hat starke Schmerzen. Er ist kaum mehr bei klarem Bewusstsein, nur manchmal, dann schaut er mich müde an. Beim letzten Mal hat er angefangen zu reden und nach dir gefragt. Setz dich neben ihn hin, ich möchte mich auf der Toilette frisch machen.«
Leni rückte den Stuhl ganz nah an die Seite des Bettes, nahm Platz, griff die dünne Hand und begann sie zu streicheln. Er wachte auf und schaute sie mit strahlendem Gesicht an.
»Hallo Papa!«
Er zwinkerte mit den Augen und lächelte sie an. Plötzlich verkrampfte sein Gesicht und entblößte die Schmerzen. Leni erschrak. Er wollte ihr etwas sagen. Sie beugte sich zu seinem Mund, doch die Stimme versagte ihm.
»Hallo Papa«, sie erzählte ihm nicht, wie sehr er ihr fehlte. Sie registrierte wieder seine dünnen Arme und deren lederne Haut, durch die die Adern blau durchschienen. Sein ganzer Körper war abgemagert. Früher hatte er eine muskulöse Erscheinung und einen kleinen Bauchansatz. Sie merkte, dass er sich in einem noch schlechteren Zustand befand, als bei ihrem gestrigen Besuch.
»Hallo mein Engel«, hörte sie seine brüchige Stimme, mehr, dass sah sie ihm an, konnte er nicht mehr zustande bringen. Er schaute sie weiter zufrieden an.
Ihre Mutter öffnete die Toilettentür und fing, als sie wieder im Raum stand, zu erzählen an. Leni drehte sich zu ihr um und sah dann in ein plötzlich erstarrtes Gesicht. Sie wendete sich wieder zu ihrem Vater, sah in seine friedvollen Augen und spürte dann, wie seine Hand kälter wurde.
Die Hand von Paul ist warm und er hat sich beruhigt, denn seine Finger tanzen nicht mehr wild herum. Die Erinnerung an den Todestag ihres Vaters hat sie überfallen. Es war schon lange her. Sie fühlt sich nicht mehr traurig, sie ist froh, diesen Moment noch mit dem Vater geteilt haben zu dürfen. Seine zufriedenen Augen begleiten sie. Er ist da, das spürt sie.
44.
Die lange Nacht im Auto zeigt ihre Wirkung. Jeder Insasse möchte eigentlich nur noch in seinem Bett liegen und die vergangenen Stunden der intensiven Nähe überschlafen. Das Hineingeschmissen sein in einen Prozess, von dem keiner weiß, ob die Teilnahme daran eine Mitschuld birgt, löst einen natürlichen Fluchtreflex aus. Jeder wünscht sich nur noch Ruhe, um wieder Herr über die eigenen Sinne und Gefühle werden zu können. Der Drang, alle offenen Wünsche und Enttäuschungen, die sich aus der neuen Situation ergeben haben, zu sortieren, an eine weiße Wand zu projizieren und mit einem Stift nachzuzeichnen, eine neue Schablone anzufertigen, eine Form, mit der die Ereignisse erklärbar werden und in einer Kategorie Platz finden, hat seinen Siedepunkt erreicht. Die Grenzen verschwimmen, die körperliche Aufdringlichkeit des jeweils anderen beherrscht den Raum, definiert zugleich eine neue Verbindung, eine sinnliche Korrelation, eine Vertrautheit dringt in sie hinein und vermengt die eigene Geschichte mit der des anderen, direkt und ungefiltert. Jedem fehlt die Kraft, um die Schranken verteidigen zu können, alles fließt und wird eins. Ihre Ermattung macht sie taub für die Wirklichkeit, die ihnen sonst den Ratschlag gibt, anderen Menschen erst einmal zu misstrauen. Die Tür zu ihrem Käfig, in dem sie sonst unter anderen Umständen den Rückzug suchen, steht sperrangelweit offen. Die gefangen gehaltenen Gefühle finden einen spürbaren Widerhall und unbewusst verbindet sie die gemeinsame Erfahrung mit der Realität. Die Vehemenz, mit der ihr Innenleben das Außen berührt, stanzt ein neues Puzzleteil, macht die anderen zu einem festen Bestandteil ihres Lebens. Die Kenntnisnahme über die Schwachpunkte und die Offenlegung der Verletzlichkeit, die Wunden der Vergangenheit, transformiert die eingesperrte Angst in Respekt, der jeden Fluchtversuch im Keim ersticken lässt. Jeder spürt die Geborgenheit des Moments und die Bedeutung, zu diesem kleinen Kreis von Mitwissern zu gehören.
Die Innenstadt liegt bereits hinter ihnen, als die Morgendämmerung einsetzt. Das monotone Murren des Motors begleitet den Abschied der Nacht. Lorenz muss mehrmals blinzeln, als die aufgehende Sonne seine nachtverwöhnten Augen aufweckt. Er schaltet einen Gang herunter, beschleunigt den Wagen und lenkt ihn dann auf die zweispurige Schnellstraße, die zur Autobahn führt. Die ersten Pendler kreuzen ihren Weg. Sie erreichen die Autobahn und treiben dann auf dem betonierten Kanal wie ein Schiff dahin. Die anderen schlafen und Lorenz merkt, wie auch ihn der Schlaf übermannt. Er greift zu der Wasserflasche, die auf der Seite von Claude an der Zwischenkonsole lehnt, und streift dabei ihre Wade. Sie wird davon kurz wach, dreht sich dann aber zur Seite und döst wieder ein. Die Flasche zwischen die Beinen gedrückt, öffnet er den Deckel und trinkt dann einen großen Schluck. Die erwünschte Wachheit tritt für einen kurzen Augenblick ein, wird aber sofort wieder durch den vorangegangenen Schlafentzug vertrieben. Er merkt, es hat keinen Wert, dagegen anzugehen, und fährt deshalb das Auto auf den nächsten Parkplatz. Unzählige Lastwagen reihen sich wie Ölsardinen auf dem beengten Raum, der ihnen zur Verfügung steht. Kleine Bungalows auf Rädern, in denen die Fahrer ein Stück Heimat leben, in ihren Kojen liegen, abgeschirmt von der Außenwelt, ihre Privatsphäre genießen. Bei einem der Lastwagen ist die Motorhaube nach oben geklappt. Es erinnert an einen Wal, der mit geöffnetem Maul durch das Wasser schwebt und winzige Krebstiere aus dem Meerwasser filtert. Der Fahrer hat unterhalb der Haube, von einer Seite zur anderen, eine Leine gespannt und Wäsche zum Trocknen darauf aufgehängt. Es ist kein Mensch auf dem Gelände zu sehen. Ein Kleinwagen huscht an ihnen vorbei, parkt, entlässt für kurze Zeit die Mitfahrer und setzt dann seine Fahrt fort. An einer Parkbucht lenkt Lorenz den grünen Golf auf die freie Fläche und schaltet dann den Motor aus. Bevor er einschläft, muss er noch einmal an seinen Vater denken. Er findet keinen beschwichtigenden Grund für dessen Verhalten. »So ein Arschloch«, denkt er und schläft dann ein.
Claude wacht vollkommen verschwitzt auf. Im Wageninneren ist es schwül, die Sonne hat wieder die Oberhand über den Tag gewonnen. Auch wenn Lorenz den Wagen unter einem Baum geparkt hat, ist die Hitze unerträglich. Sie merkt, dass sie urinieren muss, öffnet die Tür und steigt aus dem Wagen. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort findet sie am hinteren Rand des Parkplatzes eine Reihe von Bäumen, die von genügend Gebüsch gesäumt sind, um dahinter in Ruhe auf die Toilette gehen zu können. Als sie wieder heraustritt, bemerkt sie erst die unzähligen gelben Flecken, die wie Eiterbeulen bei einem Pestkranken den Rasen befallen haben. Die Natur ächzt unter der viel zu heißen Sonne. Ihre Stärke schmerzt auch schon auf der Haut von Claude. Wieder den Schatten am Auto aufsuchend, bleibt sie davor stehen und kramt dann ihr Telefon hervor, um sich über ihre verschiedenen Kanäle das morgendliche Update zu verschaffen und den Status ihrer Kontakte abzufragen. Sie bleibt bei irgendeiner sinnstiftenden Sequenz hängen und kommentiert es dann mit einem Herzchen. Danach öffnet sie die Wagentür, um Zigaretten zu holen, registriert den Schlaf der anderen und zündet sich, wieder vor dem Wagen stehend, eine Zigarette an.
Im Wagen wird es unruhig. Von Innen wird die Beifahrertür aufgeschoben und Paul zwängt sich aus dem Auto.
»Morgen, Claude«
»Morgen«
»Was für eine scheiß Hitze!«
»Ja, und es ist noch früh!«
»Hat schon ne andere Qualität, als früher!«
»Weiß nicht, irgendwie kenn ich es nicht anders«
»Na ja, es war auch warm, aber nicht so intensiv und so lang am Stück«
Claude schaut auf ihr Telefon und kommentiert mit geübten Fingern die nächste Statusmeldung.
»Gibt es hier eine Toilette?«
»Nein, du musst dir einen Platz hinter den Büschen suchen!«
Paul orientiert sich und geht dann Richtung Gebüsch.
Claude starrt apathisch auf den Bildschirm. Sie hat etwas zu Beziehungen zwischen Menschen mit hohen Altersunterschied entdeckt. Immer mehr Vorschläge werden ihr gemacht. Treu schaut sie sich jede Meinung zu dem Thema an. Ab und an setzt sie ein Like darunter und leitet es an ihre Kontakte weiter. Berauscht von der Unterstützung kann sie das Telefon nicht weglegen und merkt deshalb nicht, dass Leni neben ihr steht und sie begrüßt.
»Guten Morgen Claude«, doch Claude reagiert nicht.
Sie versucht es noch einmal und ein drittes Mal, erst dann hebt Claude den Kopf.
»Ach, auch schon wach, hallo Leni«, sagt sie und widmet sich sofort wieder dem Bildschirm.
Leni kennt das Verhalten von Freundinnen. Auch wenn sie morgens in der U-Bahn zur Arbeit fährt. Als wären die Leute direkt verbunden mit dem Gerät, starren sie deliriert auf den Bildschirm und bekommen von ihrer Umwelt nichts mit. Es kam auch schon vor, dass sie Leute darauf aufmerksam machen musste, dass sie die Lautstärke leiser machen sollen. Claude verharrt immer noch in der gleichen Haltung. Manchmal lächelt sie und tippt wild auf den Bildschirm ein.
»Weißt du, wo ich auf die Toilette gehen kann?« fragt sie Claude jetzt energischer. Worauf Claude ihr mit der linken Hand in Richtung der Büsche zeigt. Leni überlegt kurz und macht sich dann auf den Weg und sieht dabei, wie Paul dahinter hervortritt und ihr entgegenkommt. Etwa in der Mitte treffen sich die beiden und bleiben stehen. Leni umarmt Paul und küsst ihn sanft mit einem intensiven Zungenkuss. Paul erwidert den Kuss und drückt sie dabei fest an seinen Körper.
»So, das wollte ich dir sagen, alles andere hat Zeit«, sagt sie, als sie sich von ihm löst.
Paul lächelt, »Leni…«
Doch Leni hält ihren Zeigefinger auf seine Lippen, »nichts sagen, Paul!«, und läuft dann Richtung Gebüsch weiter.
Claude beschäftigt sich immer noch mit ihrem Telefon, als Paul zum Wagen zurückkommt.
»Machst du auch etwas anderes, als dich die ganze Zeit mit deinem Telefon zu beschäftigen?!«
Claude dreht sich abrupt zu Paul, »das geht dich nichts an, Paul«, das ist meine Sache.
»Aber du weißt schon, dass du süchtig danach bist!«, Claude schaut ihn nur an und verdreht die Augen, »sorry, Claude, ist deine Sache, hab verstanden«
»Es nervt Paul, Lorenz reibt mir das auch die ganze Zeit unter die Nase.«
»Sorry Claude, kommt nicht mehr vor.«
Sie nickt und verschwimmt wieder mit dem Gerät.
»Eine Sache noch!«, Claude dreht sich zu ihm hin, »hast du mir eine Zigarette?« Er lächelt sie an, sie kramt die Schachtel und das Feuerzeug aus ihrer Gesäßtasche und reicht ihm beides, um dann den nächsten Clip zu konsumieren.
Paul zündet sich eine Zigarette an. Leni tritt vom Gebüsch hervor. Er beobachtet sie still, während sie auf das Auto zuläuft und kurz stehen bleibt, weil sie die gelben Flecken ebenfalls erschrecken. Sie schüttelt den Kopf und sucht dann den Blick von Paul.
»Hast du die gelben Flecken gesehen?«, fragt sie Paul und stellt sich direkt vor ihn hin.
Paul küsst sie, streichelt ihren Oberarm, »ja, so extrem war es noch nie, erinnert an Süditalien oder Südfrankreich!«
Leni zieht Paul an sich heran, legt ihren Kopf an seine Schulter und umarmt ihn.
Die Fahrertür geht auf. Claude steckt schnell das Telefon weg und widmet sich plötzlich den beiden anderen.
»Wisst ihr…«, die drei zeigen gleichzeitig in Richtung Büsche.
»Danke«, Lorenz macht die Tür zu, gibt Claude beim Vorbeigehen einen Kuss und macht sich dann auf den Weg zum Gebüsch.


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