„Die Augen vor dem Kollaps zu verschließen, hilft nur, ihn herbeizuführen.“
- privat8773
- 24. Mai
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Sonntag, der 23.05.2026
„Die Augen vor dem Kollaps zu verschließen, hilft nur, ihn herbeizuführen.“
Die Zeit, Ausgabe 21.05.2026, S.27 »So können wir untergehen«
In einem Zeitalter, in dem Technologie, kategorische Kommunikation und individueller Konsum das Leben der Menschen beherrschen, sind Fragen, die sich auf die Gesamtheit beziehen, unerwünscht, denn sie werden von anderen Menschen oft als Störfaktor empfunden, der die Funktionstüchtigkeit der einzelnen, scheinbar unabhängigen Untersysteme angeblich nur hemmen würde.
Jede Beschäftigung mit der komplexen Frage, wie diese Untersysteme erhalten bleiben können und ihre Neigung eliminiert werden kann, sich nicht gegenseitig aufzufressen, scheint ein auswegloser Kampf zu sein, denn die Vertreter der Untersysteme, was in der Natur des Menschen verborgen liegt, verteidigen mit aller Macht ihren Wahrheitsanspruch.
Jeder, der sich dieser Frage stellt, ist damit konfrontiert, in der jeweiligen Spezialisierung nur ein Dilettant zu sein, womit die Möglichkeit einer Auseinandersetzung auf Augenhöhe, zum Scheitern verurteilt ist. Der Spezialist vergräbt sich in seiner Kategorie und in seiner daraus resultierenden Funktion. Setzt man sich mit der jeweiligen Disziplin intensiver auseinander, um der kategorischen Kommunikation Herr werden zu können, geht man Gefahr, dass zeitgleich der Blick auf das Gesamtbild, in den Hintergrund gerät.
Doch die Perspektive allein reicht nicht aus. Zur Konfrontation mit der kategorischen Kommunikation kommen noch die beiden anderen Säulen unseres Zeitalters, die der Technologie und des individuellen Konsums, hinzu. Beides ist an der jeweiligen Spezialisierung ausgerichtet. Der antizipierte Zeitaufwand, um das Spezielniveau erreichen zu können, und der daraus resultierende Verlust der Perspektive auf den Gesamtzusammenhang, wird dadurch noch größer.
Ein scheinbar hoffnungsloses Unterfangen. Aber es wird nur dann hoffnungslos, wenn man sich für eine Spezialisierung (Funktion) entscheidet und sich in deren Abhängigkeit und Eindimensionalität begibt.
Aber vielleicht ist das ja meine Spezialisierung, meine Passion, mein Zwang, meine Natur, mit allem, was ich denke und sage, ebenfalls dazu beizutragen, dass es so bleibt, wie es ist, als dass es etwas bewirkt und die Chance vergrößert, eine Veränderung herbeizuführen. Diese Frage muss ich mir immer wieder stellen, sonst bewahrheitet sich diese Befürchtung gegebenenfalls. Ein weiterer zeitlicher Faktor, der viel Zeit beansprucht.
Doch ohne diese Reflexion verliere ich den wichtigsten Aspekt aus den Augen, nämlich Mensch zu bleiben, die Freude an der Interaktion mit anderen Menschen und deren persönliche Existenz kennen zu lernen, ihre Wahrheit zu verstehen. Nur eine Reduktion auf ein gemeinsames Verständnis für die simple Ästhetik der Situation und des gemeinsamen Momentes ist der Katalysator für eine friedvolle Koexistenz, denn dann etablieren die Teilnehmer ein gutes Gefühl füreinander und sind dazu bereit, ihren Schutzpanzer der Eindimensionalität zu verlassen. Das ist, so glaube ich, wenn es auch nur ein kleiner Impuls ist, die Grundbedingung für einen neuen Gesellschaftsvertrag.
Auch wenn nicht jeder diese Reduktion vollzieht. Solange es Menschen gibt, die diesen Moment noch als sinnvoll empfinden, bleibe ich optimistisch. Selbsterkenntnis ist ein langer Prozess und sie führt in die Untiefen der eigenen Existenz und deren Belanglosigkeit, aber sie ist der Schlüssel, sie birgt die Identität mit einer Sache, dort beginnt Imagination und Innovation. Das betrifft alle Generationen, denn es ist die Zukunft von uns allen.
Nein, ich bin kein Pessimist. Ich besitze noch den Glauben an die Schönheit unseres Daseins und habe die Hoffnung, dass mit kleinen Schritten eine Veränderung vonstatten gehen kann. Ein Wechsel der Verhältnisse hier vor Ort, nicht auf dem Mond oder Mars, sondern hier auf der Erde.
Das mag alles sehr abstrakt und theoretisch auf euch wirken, es liegt mir fern, diesen Eindruck erwecken zu wollen. Ohne diesen Aufbau fällt es schwer, einen mentalen Ausgleich zwischen dem, was ich antizipiere, wenn wir nicht anfangen, wieder aufeinander zuzugehen, und der oberflächlichen Eindimensionalität meiner Mitmenschen, herbeizuführen. Ein rationaler Vernunftsakt also, der mich zu den Menschen, nicht nur zu denen, die mir wichtig sind, sondern zu allen zurückbringt und eine identitäre emotionale Bindung schafft, auf die wir uns doch am Ende alle reduzieren, es uns zumindest wünschen.
Ich wünsche euch und euren Familien ein schönes Pfingstfest.
Euer Peer

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