Brief an einen Freund
Lieber Freund,
bei dem Akt der Positivierung und des Wechsels der inneren Einstellung, erschwert die immer wiederkehrende physische Konfrontation mit dem Katalysator der emotionalen Krise, den Akt der Katharsis. Dann hängt die Realität wie Blei an den Füßen und wütet in der Seele. Das war ein Fehler.
Ab einem bestimmten Punkt bleibt nur die Abkehr von dem, was einen kränkt und martert. Ist das situationsästhetisch vertretbar. Darf die Angst dann einen leiten. Ist sie denn nicht nur ein Spiegel der eigenen Unzugänglichkeit, der eigenen Wahrheit, dem ewigen Wegrennen vor der eigenen Geschichte. Machen das nicht alle und gehen dabei unter?
Wäre eine solche Reaktion nicht der Beweis für die Erkaltung und Distanzierung vom Wesentlichen, dem menschlichen Miteinander. Was für ein Dilemma.
Dazu kommt noch die Körperlichkeit, also die Natur, die einen mit dem Leben konfrontiert, die das Herz immer wieder öffnet und schutzlos macht.
Der reine rationale Akt der Umkehrung, also die Abkehr vom Gefühl und dem Weiterziehen, schreibt die eigene Erfahrung fort und verdichtet die Verringerung des Subjekts, weil man vor dem Objekt einknickt und zulässt, von ihm eingeschränkt und abgegrenzt zu werden. An dieser Stelle sollte der Schritt zur emotionalen Versöhnung möglich sein. Das wäre situationsästhetisch die richtige Handlungsweise, denn es bewirkt die emotionale und rationale Auseinandersetzung mit der Wahrheit des zwischenmenschlichen Momentes. Das ist nur ein Ideal.
Es wäre wünschenswert, dass ein ausgeglichener emotionaler und rationaler Konsens die Beteiligten dabei leitet und die vorhergehende Erfahrung mit der Wahrheit des anderen, einen lenkt, nicht das egoistische Streben nach innerer Ruhe — auch wenn sie paradoxerweise eine Grundbedingung dafür ist — sondern das Bestreben, wirklich etwas ändern zu wollen, nicht im Großen, in den kleinen Momenten.
Ich vermute, viele wollen sich dazu nicht mehr die Zeit nehmen. Das Problem, sobald sie feststellen, dass sie sich emotional der Situation stellen müssen, kommen sie wieder daher gerannt und wollen den Frieden. Was für eine Farce. Wie lächerlich, denn sie haben nicht zugehört, als man ihnen gesagt hat, wegrennen sei keine Option. Sie kennen nur die Arbeit am Selbst, sie wollen die absolute Willensfreiheit, menschliches Miteinander verkommt dann aber zum Konsum.!
Das ist nicht mein Weg, denn ich habe verstanden, dass er die Gesellschaft verroht. Will der Mensch der Moderne bzw. der Postmoderne wirklich so leben. Wie befremdlich, mein Herz sagt mir etwas anderes.
Liebe Grüße
Peer


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