Dilemma
- privat8773
- 29. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Nov. 2025
Eigentlich habe ich mir vorgenommen, nachdem es schon das letzte Mal ein einziges Desaster war, den Versuch über eine Kontaktplattform jemanden kennenzulernen, aus meinem Leben auszuklammern. Vorgestern habe ich es dann doch wieder getan und mir eines der vielzelligen Angebote ausgesucht.
Als erstes habe ich brav ein Bild ins Profil eingesetzt, die Fragen beantwortet und alles abgespeichert. Nach wenigen Minuten lieferte mir das Programm die ersten Ergebnisse. Das bedeutet, das Programm liefert mir eine Auswahl von Profilbildern anderer Userinnen, die angeblich zu meinem eigenen Profil passen könnten.
In erster Linie besteht nun die Aufgabe darin, anhand des Bildes auszuwählen, wer mir auf anhieb gefällt oder nicht gefällt. Und bei wem ich das Profil besuchen möchte.
Unter dem Bild befinden sich zwei Buttons. Der eine hat ein Kreuz und der andere hat ein Herz. Das Kreuz eröffnet mir die Möglichkeit eine Vorauswahl zu treffen, in dem ich das Profil aus meinem Kontext lösche. Das Herz muss ich nicht erklären.
Des Weiteren habe ich die Möglichkeit, indem ich das Bild anklicke, das Profil der anderen Person genauer zu betrachten. Habe ich das getan, öffnet sich ein nächstes Fenster und ich kann mir weitere Bilder der Person, Beschreibungen anhand von Antworten und das eigene Statement anschauen und durchlesen.
Nach den ersten Profilen, die ich mir angeschaut habe, war klar, dass ich mein Profil überarbeiten muss und habe deshalb als Statement erst einmal nur ein Gedicht gepostet. Danach habe ich mich weiter auf die Suche nach passenden Profilen gemacht. Anfangs war ich noch euphorisch und habe mit großen Elan die Profile studiert, doch klang die Euphorie relativ schnell ab, denn alle Antworten, vor allem die Antworten auf die Frage, was mag ich und was mag ich nicht, und das Statements, griffen mich in meiner Komplexität als Mensch und als Mann ein. Sie lieferten mir nur den Anspruch einer Kategorie, wie ich mich als Mann zu verhalten habe und welche äußerlichen Merkmale ich mitbringen soll. Dieser Umstand hat mich veranlasst mein Statement nochmals zu überdenken und das ist dabei rausgekommen.
Ich weiß, ich bin von Natur aus nur ein Mann.
Die typischen männlichen Attitüden langweilen mich und ich habe keine Lust diese zu bedienen, denn es gibt so viel mehr zu entdecken. Außerdem könnte ich dann auch meinen beiden wunderbaren Töchtern nicht gerecht werden.
Ja, ich bin ein denkender Mensch und setze mich mit meinen Gegenüber auseinander, aber ich bin auch ein fühlender Mensch, der die Nähe eines anderen Menschen braucht, denn erst die Mischung macht das Leben lebenswert. Leider kann ich keine Kategorie nennen, die ich mag und die ich nicht mag, weil jeder Mensch anders ist.
Aber das eigentliche Thema ist doch, warum ich diese Plattform aufsuche. Dafür gibt es zwei mögliche Antworten. Entweder bin ich nicht in der Lage im wirklichen Leben Kontakt zu einem anderen Menschen aufzunehmen, die auf der nonverbalen Ebene mit mir sprechen , und bin deshalb verzweifelt, oder die Wirklichkeit hält nicht genug Zeit dafür bereit, um auf normalen Weg (oder ist dieser Weg schon normal) in Kontakt zu treten.
Jetzt treffe ich über diesen Weg plötzlich auf Menschen, und ich schließe mich dabei nicht aus, nur das ich mich selbst in Gänze erfahren kann, die auf einen Teil ihrer Existenz reduziert sind. Klar, das macht das Ganze einfacher, nur leider ist die Wirklichkeit dann immer anders. Das heißt, ich kann also auf eine bestimmte Art, ob als Mann oder als Mensch, nur eine Enttäuschung sein, denn am Ende bin ich nur ich selbst und passe deshalb in keine Schublade. Das ist nicht negativ, das ist realistisch. Das ist keine Verletzung, sondern das Leben. In diesem Punkt haben wir alle etwas gemeinsam.
Wenn du es bis hierhin geschafft hast und nicht den Kopf schüttelst, sondern ganz tief in dir eine Parallele entdeckt hast, dann melde dich.
Allen anderen rate ich Abstand zu nehmen, denn belanglose und leblose Smalltalks interessieren mich nicht.
„And you want to travel with her, and you want to travel blind. And then you know that she will trust you
For you've touched her perfect body with your mind“
Leonard Cohen
„Ich möchte irgendwas für Dich sein.
Am Ende bin ich nur ich selbst“
Tocotronic
„Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar.“
Franz Kafka
Es hat sich tatsächlich jemand gemeldet, wie schön.
Dilettant

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